Künstlermythen sind nicht erst seit der Renaissance fester Bestandteil der Kunstgeschichte. Die Moderne, Zeitalter des Geniekults und der künstlerischen Selbststilisierung, hat ihre Verbreitung besonders befördert. Das Paradebeispiel ist Paul Gauguin, der sich als erster "wilder" Künstler inszenierte, nach Tahiti auswanderte, wo er den Einbruch der westlichen Zivilisation ignorierte und die Motive für seine exotischen Bilder bereits im Kopf und auf Postkarten mitgebracht hatte.Auch über Joseph Beuys gibt es eine Legende, die eng mit seinem Werk verbunden ist. Er stürzte im März 1944 mit dem Flugzeug auf der Krim ab, und jeder Kunstfreund weiß, dass ihn nomadisierende Tataren aus dem Wrack befreiten, in Filz hüllten und seine Wunde mit tierischem Fett einrieben. Fett und Filz wurden Beuys prägende Materialien, und er hat nie widersprochen, ja in Gesprächen stets darauf geantwortet, dass das Erlebnis auf der Krim tiefe Spuren in seiner Kunst hinterlassen hat.Der in Berliner lebende, aus Leipzig stammende Künstler Jörg Herold ist dieser zentralen Beuys-Legende in einer aufwändigen Aktion nachgegangen und zu erstaunlichen Ergebnissen gelangt. Dabei wollte er den Absturz und die Rettung eher nachvollziehen als dekonstruieren. Beuys war gerade für die Leipziger Nonkonformisten um Judy Lybke und seine Galerie Eigen + Art eine Überfigur. Und als Lybke seine Künstler 1990 im Westen mit großem Erfolg zeigte, war dieser Einfluss unübersehbar. Bei den meisten Leipzigern hat das Verhältnis zu Beuys über die Jahre an Innigkeit verloren, Herold kam aber zumindest von der Geschichte des Absturzes nicht los und konnte letztes Jahr seiner Obsession mithilfe der sächsischen Kulturstiftung und des Kunstfonds Bonn nachgehen.Nach intensivem Studium der Forschungsliteratur und der Wehrmachtsakten reiste er mit einem Fotografen, einem Kameramann und einer Dolmetscherin auf die Krim. Vor Jahren hatten Beuys-Biografen bereits herausgefunden, dass zwischen dem Absturz am 16. März 1944 und der Einlieferung ins Feldlazarett höchstens 24 Stunden lagen. Gleichwohl hat das Ereignis im Dorf Snamenka großen Eindruck gemacht und Herold konnte tatsächlich noch einige Zeitzeugen ausfindig machen. Die Bauern Nikolai und Wassili konnten sich genau an das herabtrudelnde Flugzeug erinnern. Auch die Dorfbewohnerin Raisa war mit ihrer Mutter zu dem Wrack gegangen, sah den toten Piloten und den nur leicht blutenden Beuys, der ihnen zwei Büchsen Fleisch schenkte. Der überlebende Soldat sei noch fähig gewesen, ins nahe liegende Lazarett zu laufen. Selbst die von Beuys beschriebenen Tataren im Dorf gehören ins Reich der Legende. Nur der Tierarzt gehörte damals noch zu dieser Volksgruppe, wie die meisten Krimtataren wurde er im April 1944 von Stalin deportiert.Für Herold bricht mit der Entlarvung der Tataren-Legende keine Welt zusammen; der Mythos Beuys besteht weiter, nun aber deutlich in der Tradition der modernen Künstler-Selbststilisierung. Am 16. März dieses Jahres unternahm Herold mit einem russischen Flugzeug einen "Joseph-Beuys-Gedenkflug" nach Snamenka. In Zeitlupe und in nostalgisch unscharfem Schwarzweiß ist ein Film, den er beim Anflug drehte, in der Galerie Eigen + Art zu sehen. Daneben zeigt er Jens Liebchens Fotos der Reise sowie eine Sandkastenrekonstruktion des Absturzes als "Heldenfriedhof". Erhältlich ist eine Videocassette, mit der man sich diese folgenreiche Dekonstruktion von Kunstgeschichte ins Wohnzimmer holen kann.Galerie Eigen + Art, Auguststraße 26, bis 12. Mai, Di-Sa 11-18 Uhr.Der Mythos Beuys besteht weiter, nun aber deutlich in der Tradition der modernen Künstler-Selbststilisierung.GALERIE EIGEN+ART/UWE WALTER Jörg Herold: "Heldenfriedhof" in der Galerie Eigen + Art.