POTSDAM. Der hagere Jörg Hildebrandt erzählt diese Geschichte immer noch gerne: 1998 machte seine agile Frau, damals brandenburgische Sozialministerin, Wahlkampf für den SPD-Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder. Ihr Mann Jörg chauffierte sie im Auto zu einer Wahlveranstaltung nach Magdeburg. Er ließ sie dann vor dem Veranstaltungsort raus und suchte schnell noch einen Parkplatz. Als er dann auch in den Veranstaltungsraum hinein wollte, versperrten ihm Schröders Bodyguards den Weg. Da entfuhr es ihm: "Bitte sofort durchlassen, ich bin die Frau von Regine Hildebrandt."Obwohl seine Frau vor sieben Jahren qualvoll an Krebs gestorben ist, wird Jörg Hildebrandt immer noch vom Leben seiner Frau bestimmt. "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht auf sie angesprochen, wegen ihr angeschrieben oder angerufen werde", sagt der 68-Jährige. Tatsächlich ist die humorvolle und hartnäckige Frau, die nie ein Blatt vor den Mund nahm, heute noch Brandenburgs populärste Politikerin. "Ihr Einsatz für die Würde der Benachteiligten", wie es in der Trauerrede hieß, findet Anerkennung.Nun hat Jörg Hildebrandt einen Bildband veröffentlicht, versehen mit einordnenden Texten von ihm und Zitaten seiner Frau. Das Buch erzählt die Familiengeschichte von Jörg und Regine Hildebrandt, eng verbunden mit der jüngeren deutschen Geschichte.Wieso hat Jörg Hildebrandt das Buch ausgerechnet jetzt gemacht? "Es gab bereits unmittelbar nach dem Tod von Regine mehrere Anfragen von Verlagen", sagt der Witwer. "Aber das war mir zu nah dran." Er wollte Ruhe, und es sollte auf gar keinen Fall so aussehen, als würde er aus dem Tod seiner Frau einen wirtschaftlichen Nutzen ziehen wollen. Es gab dann viele andere Bücher, darunter auch eines, in dem Regine Hildebrandt als eine Art Familien-Feldwebel dargestellt wurde. Das gefiel Jörg Hildebrandt nicht so sehr, wie man hört.Zu Hause im Vier-Generationen-Haus am Flakensee in Woltersdorf (Oder-Spree) stieß er immer wieder auf Tausende von Fotos, die seine Frau seit ihrer Jugend gemacht hatte und auf ihre täglichen Kalendernotizen, in der sie akribisch alles Geschehene auflistete. Seine Kinder drängten ihn, daraus etwas zu machen. Und auch die Enkelkinder wühlten in den Fotoalben und wollten mehr über Oma Regine wissen.Mit der ganzen Familie vereintIn Woltersdorf lebt Jörg Hildebrandt zusammen mit seiner 94-jährigen Mutter, seinem Bruder, mit zweien seiner drei Kinder sowie seinen Enkeln auf einem Grundstück zusammen. Die Familie war 1997 dort hingezogen, nachdem die Ministerin eine erste Krebserkrankung überstanden hatte. Sie haben sich dafür "wie es bei den neuen Bundesbürgern üblich ist, bis an ihr Lebensende (und darüber hinaus) in Schulden gestürzt", schreibt Hildebrandt im Buch. Nun ist so etwas entstanden wie ein Vermächtnis.Breiten Raum nimmt die Bernauer Straße in Berlin ein, wo Jörg und Regine gemeinsam aufwuchsen, bis sie nach dem Mauerbau ihre Wohnungen aufgeben mussten. Das Buch zeigt Jörg Hildebrandt als einen der ersten Bausoldaten der NVA und es zeigt die Fotos von der Sprengung der direkt an der Mauer gelegenen Versöhnungskirche 1985, die Regine Hildebrandt heimlich gemacht hat. Ihr Mann, dessen Vater dort Pfarrer war, deckte sie bei diesen verbotenen Fotoaufnahmen. Mut brachten die Hildebrandts immer wieder auf, wenn sie etwa kritische Briefe an eine linientreue Lehrerin oder an die SED-Oberen schrieben. Daneben gibt es Aufnahmen der Familie unterwegs in den Pilzen oder am Wasser.Im Herbst 1989 kommen die Hildebrandts über die Bürgerbewegung zur Sozialdemokratie. Sie wird bald Ministerin in Potsdam, er, ehemals Lektor eines evangelischen Verlages, wird leitender Hörfunkjournalist beim ORB und sitzt im Rundfunkrat. Jörg Hildebrandt bewundert an seiner Frau heute noch, dass sie sich auch als Ministerin treu geblieben ist. Sie war rastlos unterwegs, kümmerte sich um die Benachteiligten, stritt lauthals für deren Interessen. Das konnte diplomatischere Politiker durchaus nerven. In einer Zeit, in der sich die gesellschaftlichen Gegensätze eher zu verschärfen scheinen, findet ihr Einsatz für soziale Gerechtigkeit und Gemeinsinn nach wie vor viele Bewunderer. Und der SPD dient sie in Hartz-IV-Zeiten als Ikone. 1999 hatte Regine Hildenbrandt ihr Ideal so ausgedrückt: "Man lebt wieder solidar anstatt solitär; der kurze Draht zu den Gelben Seiten wird ersetzt durch den Blick über die Hecke des Nachbarn." Das sieht auch Jörg Hildebrandt heute so.Regine Hildebrandt - Erinnern tut gut; Ein Familienalbum, herausgegeben von Jörg Hildebrandt, Aufbau-Verlag Berlin, 224 S., 200 Abb., 22,95 Euro------------------------------Foto: Der eher scheue Jörg Hildebrandt stellt den Bildband über seine Frau derzeit an vielen Orten vor.