Der Potsdamer Schwimmer fühlt sich in seiner Rolle mißverstanden und sorgt selbst für IrritationenBERLIN, 13. Oktober. Jörg Hoffmann und die Medien, das ist ein Kapitel für sich. Der Kraulschwimmer vom OSC Potsdam war nach seinen zwei Titeln bei der Weltmeisterschaft 1991 in Perth/Australien als Thronfolger von Michael Groß gehandelt worden. Millionenverträge wurden ihm vorhergesagt. Doch Sponsoren interessierten sich kaum für den wortkargen, introvertierten Athleten. Hoffmann schmollte und gab "den Medien" die Schuld. Später vermeldete ein Boulevardblatt frech seinen Wechsel zu den Kanuten. Hoffmann (27) überstand auch dies. Er ist umgänglicher geworden und wird inzwischen von der PR-Agentur "köster + co" betreut. Mißverständnisse aber bleiben nicht aus, wie das vergangene Wochenende bewies.Am Freitag erklärte Jörg Hoffmann im SFB-Fernsehen, er sei 1988 erstmals mit den "blauen Pillen", so die Umschreibung für das rezeptpflichtige Anabolikum Oral-Turinabol, konfrontiert worden. Damals trainierte er bei Lutz Wanja im Armeesportklub (ASK) Vorwärts Potsdam und qualifizierte sich hinter seinem Klubgefährten Uwe Daßler über 1500 m Freistil für Olympia in Seoul. Neun Jahre danach kann Hoffmanns eher beiläufige Erklärung kaum verwundern, zuviele Fakten sind über das staatlich-sanktionierte DDR-Dopingsystem bekannt. Doch welcher noch aktive Sportler hat sich schon dazu bekannt? Also titelte der "Sportinformationsdienst" am nächsten Tag: "Ex-Weltmeister Jörg Hoffmann gibt Doping zu". Die Nachricht war auf dem Markt.Umgehend erboste sich Australiens Cheftrainer Don Talbot und behauptete, sein Schützling Kieren Perkins wurde 1991 von einem gedopten Hoffmann um den WM-Titel betrogen. Daß Hoffmann dann noch fälschlicherweise zugetragen wurde, die Doping-Meldung sei im ZDF-Sportstudio ausgerechnet von der sechsfachen Olympiasiegerin Kristin Otto verlesen worden, steigerte seine Wut. Er eilte zur Richtigstellung ins Babelsberger ORB-Fernsehstudio und erklärte, diese "komprimierte Nachricht" käme "einer Falschdarstellung gleich".Was war falsch daran? Er habe "das Medikament" Oral-Turinabol in der Vorbereitung auf Seoul im Sommer 1988 nur über einen Zeitraum von drei Wochen erhalten, sagte Hoffmann. Als er erfuhr, daß es sich um ein Dopingmittel handelt, habe er die Einnahme verweigert. Zwei Tage zuvor hieß es noch: "Es war immer ein Politoffizier in der Nähe. Wenn ich als einziger in der Mannschaft gesagt hätte, ich nehme es nicht, hätte man wohl auf mich verzichtet."Vor der kommenden WM im Januar 1998 in Perth sei die Atmosphäre nun vergiftet, sagt Hoffmann und gibt, wie so oft, Journalisten die Schuld, die "zwischen ´ner Zigarette und ´ner Tasse Kaffee" Schlagzeilen machen, wie er glaubt. Der Schwimmer sieht sich ungerechtfertigter Weise als "Doper" bezeichnet, obwohl er doch "seit 1990 jede Woche eine Trainingsdopingkontrolle" absolviert haben will.Jörg Hoffmanns Aussagen sind durchaus widersprüchlich. Er sagt, Kinderdoping sei "eine Schweinerei", gleichzeitig aber nimmt er seinen Potsdamer Sportarzt Jochen Neubauer in Schutz. Gegen Neubauer ermittelt die Staatsanwaltschaft. Dem Mediziner droht wegen des Dopings an Minderjährigen der Entzug seiner Approbation.Hoffmanns Sätze werden kurz vor den ersten Doping-Prozessen in einer allgemeinen Situation der Lüge, der Hysterie und des Mißtrauens wie eine heiße Ware gehandelt. Da komme, glaubt Hoffmann, "vieles verfälscht rüber".