PERTH, 12. Januar. "Eigentlich hätte ich dem Schiedsrichter eine klatschen müssen", sagte Jörg Hoffmann, 28, "aber ich ärgere mich auf meine alten Tage nicht mehr über die Kampfrichter." Und ging seiner Wege. Für den Freistilisten aus Potsdam war der Arbeitstag bei der achten Schwimm-WM in Perth am Montag früh beendet, genaugenommen um elf Uhr morgens.Im vorletzten Vorlauf des Tages über 200 Meter Kraul war er auf Bahn zwei baden gegangen. Vor dem Startschuß. Der brasilianische Schiedsrichter disqualifizierte ihn prompt wegen "technischen Frühstarts". Den Begriff, sagte Teamchef Winfried Leopold, gibt es im Regelwerk nicht. Es müsse sich um einen Übersetzungsfehler handeln. Was es aber wohl gibt, ist die Vorschrift, Schwimmer aus dem Rennen zu nehmen, die aus Provokation vorzeitig ins Wasser springen. Daß der Weltverband Fina dem Einhalt geboten hat, weiß auch Hoffmann. Bei den Europameisterschaften 1997 fielen auf diese Weise gleich drei deutsche Männer aus. Aber nachdem am Montag zuvor gut ein Dutzend Rennen zweimal angeschossen werden mußten, ohne daß die Übeltäter eliminiert worden waren, rechnete der Potsdamer fälschlicherweise mit Großzügigkeit.Daß es ein Fehlstart war, steht außer Frage. Hoffmann hätte nur eine Chance gehabt, ins Finale zu kommen, wenn er ein optimales Rennen geschwommen und dazu noch flink vom Block gesprungen wäre. Er hat gepokert ­ und verloren. Pech, Dummheit? Alles Auslegungssache, genau wie die Regel. Bundestrainer Achim Jedamsky meint: "Das kannst du dir hier nicht erlauben, wenn du einen Stempel auf der Stirn hast." Die Sache mit dem Kainsmal reicht ins Jahr 1991 zurück. Damals war die WM ebenfalls in Perth, und die Nation beschloß, daß Kieren Perkins die 1500 Meter gewinnen würde. Doch dann kam Hoffmann. Erst kollidierte er mit dem Beckenbauer des australischen Schwimmsports im Training, dann wurde er beim Start ausgepfiffen, und schließlich nahm er Perkins trotzdem bei jeder Wende ein paar Zentimeter ab. Er gewann in Weltrekordzeit. Eine Schmach, die die schwimmverrückte Nation des fünften Kontinents nie vergessen hat. Noch heute wird der Vorfall des 13. Januars 1991 mit einer Ernsthaftigkeit behandelt wie in Deutschland das Wembley-Tor.Seit Hoffmann sich im Oktober vergangenen Jahres dazu bekannte, gedopt worden zu sein, sannen die Australier auf Vergeltung. Was viele großzügig übersahen: Der Potsdamer gab preis, daß ihm sein Trainer Lutz Wanja 1988 drei Wochen lang die "blauen Pillen", also das in der DDR gebräuchliche Doping-Mittel Oral Turinabol, verabreicht hatte. Danach verweigerte er sich. Die australischen Medien nahmen seinen Auftritt in Perth dennoch zum Anlaß, die alte Geschichte aufzurollen und zu behaupten, Hoffmann sei auch 1991 gedopt gewesen.Perkins nimmt an der WM gar nicht teil, mußte Jüngeren den Vortritt lassen. Aber eine Paranoia ist offensichtlich auf beiden Seiten geblieben. Hoffmann: "Was die Fina nicht geschafft hat, versuchen sie jetzt auf diese Weise."