Herr Professor Hafner, Ihr Spezialgebiet ist die Angelologie. Was können wir uns darunter vorstellen?Ich untersuche, welche Gedanken und Gefühle die Menschen mit Engeln verbinden. Seit Urzeiten und in fast allen Kulturkreisen finden sich Darstellungen dieser Geistwesen, und immer haben sie die Aufgabe, zwischen Himmel und Erde zu vermitteln oder dem höchsten Wesen beiseitezustehen. Es beginnt mit den babylonischen und ägyptischen Schlangenwesen, geht weiter über die christlichen Hallelujasänger bis zum modernen Engelskult. In meinen Vorträgen in der Wissenschaftsnacht werde ich das an vielen Beispielen und Bildern vertiefen.Was fasziniert Sie an Engeln?Dass immer mehr Menschen an diese Wesen glauben, jedenfalls hierzulande. In den Buchhandlungen stehen Regale voller Engel-Literatur, darunter viele Ratgeberbücher mit erstaunlich hohen Auflagen. Umfragen bestätigen das große Interesse: An den persönlichen Gott der Bibel glaubt noch ein Viertel der Deutschen, an Engel aber zwei Drittel.Haben Sie dafür eine Erklärung?Es hat mit der Privatisierung der Religion zu tun, wie wir sie in Mitteleuropa verstärkt seit den Neunzigerjahren beobachten. Vielen Menschen erscheinen die Riten der Kirchen lebensfern, sie suchen nach einer Spiritualität für den Alltag. Engel eignen sich dafür hervorragend. In der himmlischen Hierarchie könnte man sie als Sachbearbeiter Gottes bezeichnen, an Engel kann man sich auch mal mit dem kleinen Anliegen am Nachmittag wenden.Das klingt harmlos. Warum sprechen Sie von einem neuen Kult?Weil wir es mit einem neuen Polytheismus zu tun haben. Da gibt es einen Engel für den Erfolg im Job und einen anderen für das Glück in der Liebe. Es gibt sogar Engel für die reibungslose Trennung vom Lebensgefährten. Engel werden als stets freundliche Geistwesen gesehen, und wenn man sie nur richtig anspricht, mit selbst erfundenen Gebeten oder magischen Riten, dann helfen sie einem. Manchmal verkommt das zu einer Wünsch-Dir-was-Religion. Engel sind nicht mehr länger Sendboten des hohen Gottes, wie das griechische Ursprungswort "angelos" besagt, sondern sie werden oft mit Gott gleichgesetzt.Wer ist für den Kult empfänglich?Vor allem Frauen - gut zwei Drittel der Engels-Gläubigen sind weiblich. Die meisten Anhänger stammen aus katholischen oder evangelischen Familien. Mit der Zeit haben sie sich von der Kirche entfremdet. Aber sie ahnen, dass es eine höhere Wirklichkeit gibt.Wie reagieren die Kirchen auf den neuen Trend?Der Kult wird als Konkurrenz gesehen und als Rückfall in alte Zeiten der Vielgötterei. Die Abwehrhaltung ist ausgeprägt.Eine kluge Strategie?Nein. Die Kirchen wären gut beraten, die persönlichen Anliegen der Gläubigen stärker zu beachten. Die kleinen Feiern, die Andachten und Gebetskreise, kommen heute im Vergleich zu den Messen und anderen liturgischen Hochformen viel zu kurz. Ein Schritt in die richtige Richtung ist zum Beispiel die kleine Ecke, in der die Menschen beim Stoßgebet eine Kerze anzünden können. So etwas findet man mittlerweile sogar in protestantischen Kirchen. Weitere Formen der Anliegen-Religiosität werden hinzukommen müssen.Spielen Engel dabei eine Rolle?Ja, als Vermittler. Meine These ist, dass alle monotheistischen Religionen Engel brauchen. An sie kann der Mensch sich wenden mit seinem unstillbaren Bedürfnis, den unbegreiflichen und souveränen Gott um etwas zu bitten.Ist der aktuelle Engelskult eine Mode?Vermutlich. Aber die Engel sind fest in unserer Tradition verwurzelt, sie begegnen uns überall - ob als Putte im Museum oder als Goldelse im Berliner Tiergarten. Die Kultur ist träge, und ob es uns gefällt oder nicht: Wir werden die Engel nicht wieder los.Engel - Vortrag des Religionswissenschaftlers Johann Evangelist Hafner um 21 und um 23 Uhr im Haus der Geisteswissenschaften der Universität Potsdam, Raum 1.25, Route Potsdam, Nr. 4------------------------------Foto: Zuckende Blitze, flammende Schwerter: Erzengel Michael im Kampf gegen die Mächte der Finsternis. Das spätbarocke Fresko schmückt die Chorkuppel der Basilika Ottobeuren.Foto: Johann Evangelist Hafner (48)

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