SEIFFEN. Ringo Müller sagt, auch er sei manchmal noch ergriffen. Wenn die Nacht sich über Seiffen legt und alles glitzert und leuchtet, dann ist es so, als sei dieses ganze Dorf ein großer Spielzeugkasten. Ringo Müller wurde in Seiffen geboren, er kennt diesen verträumten Blick der Menschen, die sich in der Vorweihnachtszeit mühsam durch die Gassen schieben. Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht, wenn sie nach Seiffen kommen. Das Erzgebirge nennt sich "Deutsches Weihnachtsland". Und Seiffen ist das Zentrum dieses Landes. Hier ist man umringt von Nussknackern, Weihnachtsengeln und Räuchermännchen. Aus Spieldosen klingen leise Melodien, und Weihnachtspyramiden drehen träge ihre Runden. Es ist so, als gäbe es hier irgendwo eine Quelle, aus der dieses Weihnachtsgefühl strömt, um sich dann langsam über die Welt zu verbreiten. Die Dosis ist hoch für einen, der nicht an diesen Ort gewöhnt ist. Eine Gruppe japanischer Touristen stolpert beschwingt zum Reisebus und singt "Oh, du Fröhliche", ein Rentner-Paar aus Mannheim küsst sich auf offener Straße.Ringo Müller gehört zu den Leuten, die solche Gefühle produzieren. Er ist 36 Jahre alt und gilt im Erzgebirge als der Mann, der den von innen beleuchteten Schwippbogen mit integriertem Soundsystem erfunden hat. Er führt ein Familienunternehmen, das seit mehr als hundert Jahren Seiffener Holzkunst herstellt. Müllers Urgroßvater Edmund hat 1899 damit angefangen. Er hat eine Drehbank in einen Schuppen am Bach gestellt und Puppenmöbel gedrechselt. Ringo Müller beschäftigt heute 44 Angestellte an zwei Standorten. Die Müllers gelten im Ort als strenge Verfechter von Tradition und Qualität. Ringo Müller sagt, man könne spüren, ob ein Räuchermännchen mit Liebe hergestellt wurde. "Bei uns hängt das Herz mit dran, das gibt den Produkten ihre Seele."Johannes Schulte findet das alles übertrieben. Dieses ganze Gerede von Tradition und Herzblut. Er ist 52 Jahre alt, kommt aus dem Emsland und hat sein halbes Leben lang als Händler auf Wochenmärkten gestanden. Was er verkauft, war ihm nie besonders wichtig. Entscheidend ist, wie viel man verkauft, sagt er. Irgendwann hat Schulte mit Kunstgewerbe angefangen. Auf den Messen hat er die chinesische Ramschware gesehen. Er dachte, dass man das besser machen könnte. Mehr Qualität und trotzdem supergünstig. Das war die Idee. Vor ein paar Jahren hat er südlich von Schanghai Werkstätten angemietet, in denen nun dreihundert Chinesen für einen Euro die Stunde erzgebirgische Volkskunst herstellen.Schulte beliefert Großhändler in den USA und Deutschland. Schon früher gab es deshalb Ärger mit den Seiffenern, weil Schulte ihre Figuren einfach kopierte. So richtig ging der Ärger aber erst los, als Schulte vor drei Monaten einen Laden in Seiffen eröffnete. Dort verkauft er nun seine Import-Engel und billigen Räuchermänner - mitten im heiligen Dorf der Holzkunst. Und er hat noch mehr vor: Schulte will in Seiffen Muster fertigen lassen, nach denen er in China produzieren lässt. Die Figuren vertreibt er dann weltweit über seine Seiffener Firma. Er könnte mit dem guten Namen des Traditionsdorfes arbeiten und seine Produkte zu einem Drittel des üblichen Preises anbieten. "Die Welt bleibt eben nicht stehen", sagt Schulte. "Auch wenn die Leute hier das noch nicht begriffen haben."Seit Schulte da ist, wird gekämpft in Seiffen. Es geht um die Zukunft des Dorfes, in dem 800 Menschen vom Kunsthandwerk leben und in dem man von nicht viel anderem leben kann.Aber es geht um noch viel mehr. Um das Prinzip nämlich, sagt Ringo Müller.Weil es doch nicht sein könne, dass die Kultur, die Geschichte, ja die Identität einer ganzen Region dem globalen Markt zum Opfer fallen. Dass Seiffen nach Asien verlegt wird, weil es dort billiger ist. Deshalb hängen jetzt überall im Dorf die grünen Plakate. Müller hat zusammen mit anderen Kunsthandwerkern die Kampagne "Original statt Plagiat" gestartet. Die Kunden, die ja alles entscheiden, sollen begreifen, was auf dem Spiel steht.Müller gegen Schulte. Räuchermännchen gegen Chinamänner. Seele gegen Geld.Ganz oben, unter dem Dach des Hauses, in dem Ringo Müller seine Firma hat, gibt es die Erfinderkammer. Hier sitzt jetzt Müllers Vater Gunter, der gerade 72 geworden ist und darüber nachdenkt, ob die Zeit schon reif ist für eine Räuchermännchen-Frau. Wahrscheinlich nicht, sagt er und legt die Skizze beiseite. Im letzten Jahr hat Gunter Müller hier die Teelicht-Pyramide erfunden, ein echter Renner in dieser Saison. Aber man muss aufpassen, sagt er. Es sei zwar wichtig, immer ein paar neue Sachen zu haben, aber die sollten sich einfügen in die Traditionslinie.Vor vier Jahren gab es eine Anfrage aus den USA. Nussknacker in amerikanischer Kampfuniform sollten sie liefern. "Natürlich haben wir das abgelehnt", sagt Gunter Müller. Räuchermännchen für den Paketdienst DHL haben sie gemacht, weil es eine moderne Version des Postmannes ist, eine alte Seiffener Figur. Ohne Prinzipien geht hier gar nichts.In einem Regal steht das erste Pyramiden-Modell von Ringo Müllers Großvater. Damals konnte man noch keine geschwungenen Formen drechseln, weshalb die Engel dreieckige Flügel haben. Es gibt auch eine Plastikkiste, in der winzige Stühle und Tische liegen. Das sind die Reste der Puppenhaus-Produktion des Urgroßvaters. "Diese ganze Erfahrung über Generationen, das ist unser Reichtum", sagt Gunter Müller. "Deshalb habe ich auch keine Angst vor diesem Schulte oder den Chinesen. Die können zwar kopieren, aber etwas Neues schaffen, das können nur wir."Schultes Geschäft liegt unten im Tal. Draußen hängt ein großes Plakat, das "Kunsthandwerk aus aller Welt" verspricht. Drinnen stehen in langen Reihen die roten Kartons mit den verpönten Figuren. Die asiatischen Engel haben dasselbe Lächeln wie ihre Kolleginnen aus Seiffen. Die meisten Leute, die hierher kommen, haben schon etwas über "den China-Laden" gehört. "Nur mal gucken", sagt eine Frau mit schwarz gefärbten Haaren. Sie ist erstaunt, weil sie wirklich keinen Unterschied sieht. Zehn Minuten später hat sie zwei rote Kartons in ihrer Plastiktüte. Am letzten Wochenende standen die Leute bis raus auf die Hauptstraße.Neben Schultes Laden residiert die Firma "Stephanis Volkskunst". Bis vor kurzem waren die Grundstücke, auf dem die beiden Geschäfte stehen, durch eine Lücke im Zaun miteinander verbunden. Jetzt hat Schultes Nachbar den Durchgang versperrt. "Wenn der Wind des Wandels weht, dann bauen einige Mauern und andere Windmühlen", sagt Schulte. Es ist ein Sprichwort, das er in China gelernt hat. Schulte findet, dass die Chinesen klüger sind als die Deutschen, weil sie nicht an der Vergangenheit festhalten, sondern sich auf die Zukunft konzentrieren. Es ist klar, dass er selbst längst ein Chinese geworden ist.Aber trotz aller asiatischer Gelassenheit ist Schulte zunehmend genervt von der Feindseligkeit, die ihm hier täglich entgegen schlägt. Weil ihn kein Hotel in Seiffen aufnimmt, muss er im Nachbardorf übernachten. Die Banken im Ort wollen ihm kein Konto eröffnen. Wer für ihn arbeitet, findet anderswo keinen Job mehr. Er bekommt Drohanrufe, und die Scheibe seines Lieferwagens wurde eingeschlagen. Schulte weiß, dass ihn alle hier so schnell wie möglich weg haben wollen. Aber das scheint ihn gerade anzufeuern. Er ist trotzig geworden.Schultes größter Vorteil ist, dass er kein schlechtes Gewissen hat. Er kennt die Argumente seiner Gegner. "Alles dummes Zeug." Wenn die anderen sagen, er kopiere ihre Figuren, dann sagt er, dass hier im Erzgebirge immer alle voneinander abgekupfert haben. Genau so sei ja die Tradition entstanden, die heute so vehement verteidigt wird. Schulte hat alte Modellzeichnungen von Handwerksmeistern gefunden, deren Figuren heute von allen möglichen Firmen nachgebaut werden. "Die tun sich untereinander nicht weh, aber einer wie ich darf da eben nicht mitmachen."Oder die Sache mit der Echtheit. Schulte weiß, dass mittlerweile Betriebe aus dem Erzgebirge einen Teil ihres Sortiments im Ausland fertigen lassen. Kleine Rehe kommen aus Tschechien, Schafe aus Polen, die winzigen Körbe der traditionellen Korbmacherin aus Asien. Selbst der Verband der erzgebirgischen Kunsthandwerker musste kürzlich einräumen, dass einiges von dem, was als Original-Erzgebirgsware verkauft wird, nicht von hier stammt. Manche Firmen haben die komplette Fertigung nach Osteuropa ausgelagert. Die Figuren und Pyramiden werden hier nur noch zusammengesetzt. Es scheint so, als sei die Globalisierung längst angekommen in Seiffen. Nur hat bisher niemand darauf geachtet.Und noch ein Wort zum Herzblut. Schulte sagt, die großen Firmen in Seiffen arbeiteten schon lange mit computergesteuerten Drehbänken und vollautomatisierten Lackieranlagen. Bei ihm in China wird das meiste noch von Hand gemacht. Weil er sich solche Anlagen nicht leisten kann und weil Handarbeit in Asien eben billig ist. "Es gibt diesen Mythos von der Seele der Erzgebirgskunst", sagt Schulte. "Aber die haben ihre Seele schon lange verkauft."Es scheint so, als sei dieser ganze Streit doch komplizierter. Die Grenze zwischen Gut und Böse verwischt. Handarbeit in Schanghai, Computer in Seiffen. Geld oder Seele, Original oder Plagiat. Die Fronten in Seiffen sollen klar erscheinen, aber sie sind es nicht mehr.Ringo Müller sieht das Problem. Er sagt, dass Schultes Produkte deutlich an Qualität gewonnen haben. Ein paar Seiffener haben vor kurzem die Seiten gewechselt und lernen jetzt in China die Arbeiter an. Müller weiß auch, dass nicht alle im Erzgebirge so gewissenhaft arbeiten wie seine Firma. Er spricht von schwarzen Schafen, von Leuten, die ihren Handwerkerstolz verloren haben. Müller sagt, der erste Aufschrei in Seiffen sei schnell verhallt. Die Koalition der Traditionsbewussten bröckelt. Weil am Ende ja jeder sehen muss, wo er bleibt. Müller selbst expandiert nach Japan. Es gibt dort jetzt eine Werksvertretung, für seine Produkte. Müller sagt, die Japaner seien solide Kunden, denen das erzgebirgische Weihnachtsland noch etwas bedeutet.Schulte will demnächst den Kunsthandwerkern im Erzgebirge anbieten, sie mit Holzteilen aus China zu beliefern. Dann könnten sie hier auch günstiger produzieren und müssten nicht mehr gegen ihn kämpfen. Er ist sich sicher, dass die ganze Aufregung um ihn bald verschwunden sein wird. Wenn das Weihnachtsgeschäft beendet ist - und in Seiffen und Schanghai die Osterhasen gedrechselt werden.------------------------------"Ich habe keine Angst vor diesem Schulte oder den Chinesen. Die können zwar kopieren, aber etwas Neues schaffen, das können nur wir."Gunter Müller, Kunsthandwerker------------------------------Foto : Johannes Schulte mit einem Nussknacker aus chinesischer Produktion in seinem Laden in Seiffen. Die Einheimischen wollen ihn vertreiben, er hält dagegen.