John Cale kann sein Publikum immer noch das Staunen lehren. Mit orangefarbenen Müllabfuhr-Hosen, gelben Schuhen und einer grünen Weste trat er am Sonntagabend in der ausverkauften Kulturbrauerei auf. Na schön, sommerliche Papageifarben haben also das existentialistische Schwarz ersetzt, in dem Cale mit der Band Velvet Underground 1965 von New York aus in die Musikwelt zog. Ebenfalls wich die morbide Stimmung, die Cale in früheren Tagenliebend gerne verbreitete, dem Rockoptimismus.Eröffnet hatte den Abend Nikki Sudden. Der zynische Songwriter war solo unterwegs, lästerte über amerikanische Waffengesetze und machte mit seinem Outfit nicht nur Cale, sondern auch Helge Schneider Konkurrenz. Nach Sudden kam Bobo, eine Berliner Sängerin, die ihre letzte Platte mit einem Streicherorchester eingespielt hat. Doch statt Orchester stand diesmal nur ein Tonband auf der Bühne. Diese optische Leere füllte Bobo mit ihrer schönen Stimme mühelos aus; doch leider kam auch noch eine Menge Pathos hinzu.Dann betrat John Cale, gebürtiger Waliser, die Bühnenbretter in Begleitung einer klassischen Rockband - und natürlich mit seinem Markenzeichen, der Viola. Ihr schräger Klang und Cales sonore Stimme waren zu Beginn die einzigen Anhaltspunkte dafür, daß man nicht bei einem bodenständigen Rocker aus den USA gelandet ist. Als sich der 57jährige eine Gitarre umschnallte, war es vollends mit dem Gedanken an Weltschmerz vorbei. Aber schon bald wechselte Cale zum Keyboard und stimmte einige Balladen an - und da war er plötzlich wieder, der Schmerz über die Welt. In den langsamen Stücken drängte sich eine meisterhaft gespielte Slide-Gitarre angenehm in den Vordergund, die allerdings bei ein oder auch zwei Liedern die Wehmutsgrenze mit ihrem süßlichen Klang überschritt. Dem begegnete die Band dann und wann mit einem luftigen Popsong, bei dem ihr Chef die Hände in den Hosentaschen ließ und zu einem Tänzchen durchaus bereit war. Auch wenn Cale meist auf Distanz ging - sobald er anfing zu schreien und sein Keyboard mit den Fäusten zu bearbeiten, merkte man doch, daß er in seinen Liedern tatsächlich lebt. Die Fans honorierten diese Feststellung mit begeistertem Applaus, zwangen Cale so zu mehreren Zugaben. Auf alle übrigen dagegen mochte der buntgekleidete Mann womöglich sogar leicht kauzig und altbacken wirken. Aber so verhält es sich wohl mit Künstlern von Rang: Sie sind da, um zu spalten. +++