Zerstörte Hoffnungen, nichts als zerstörte Hoffnungen. In welches Jahrhundert der Operngeschichte man schaut, überall stößt man auf dieses Thema. Angefangen bei Monteverdis "Orfeo" über die "Entführung" von Mozart und Bellinis "Norma" bis zu Verdi, Puccini, Wagner. Und schließlich auch in der Moderne: von Schönberg bis zu Liebermanns "Medea": zerstörte Hoffnungen. An der Oper Dortmund hat am Sonnabend ein Werk Premiere, das den thematischen Faden weiterspinnt. In europäischer Erstaufführung ist dort "Harvey Milk" zu sehen, eine Oper des amerikanischen Komponisten Stewart Wallace nach dem Libretto von Michael Korie. Regie führt Generalintendant John Dew, der auch die Idee zu diesem Stoff hatte. In Houston und New York wurde das Stück bereits 1995 gezeigt.Die Zeitoper schildert den Lebensweg des Titelhelden, der 1977 als erster sich offen bekennender homosexueller Politiker in ein öffentliches Amt gewählt wurde: Harvey Milk wurde Stadtrat von San Francisco. Ein Jahr später erschoß ihn ein rechtskonservativer Polizist in seinem Büro - und kam mit einer milden Strafe davon.John Dew über seine Anregung, aus dem Stoff eine Oper zu machen: "Zum einen ist es in New York üblich, solche Zeitstücke mit politischem Inhalt aufzuführen, zum anderen gibt es noch zu wenige Opern mit Gegenwartsthemen", sagt Dew. Sein Anliegen ist es, auch in Deutschland ein neues Bewußtsein für Spielbares zu schaffen. Zumal, so Dew, das Werk durchaus alten europäischen Operntraditionen entspräche, weil es große gesellschaftliche wie historische Ereignisse in Beziehung zum Schicksal eines Individuums setze. Dew wäre nicht Dew, wenn er in seiner Inszenierung auf eine politische Aussage verzichten würde. Der Kampf von Minderheiten für ihre Rechte, die Furcht der Spießer vor dem Anderssein, das sind für den Regisseur Themen, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben: "Es gibt noch Leute, die denken so, wie die Nazis das wollten."Der dunkle Schatten der Vergangenheit, der Konzentrationslager des Dritten Reiches, in denen die Homosexuellen den "rosa Winkel" tragen mußten, wird in seiner Inszenierung heraufbeschworen - etwa in Form eines Chores von Juden und Schwulen. Daß er damit dem konservativen Publikum wenig Unterhaltsames bietet, stört Dew nicht. Er will aufrütteln. In "Harvey Milk" geht es um Toleranz.Die Musik von Stewart Wallace zu diesem brisanten Stoff versammelt mehrere Stilrichtungen, die vom Minimalismus bis zum neoromantischen Lyrizismus reicht. Am Anfang und Schluß der Oper sind Auszüge aus dem Kaddisch, dem jüdischen Gebet für die Toten, zu hören. Zerstörte Hoffnungen, vielleicht aber auch Hoffnungsschimmer. +++