Zur Weihe des Hauses, welches sich sein Freund, der Cellist Jules Griset, erbaut hatte, schrieb Emmanuel Chabrier 1890 die "Ode à la musique". Die "Ode" vertont einen gedanklich recht schlichten, an pathetischem Hausrat nicht sparenden Text von Edmond Rostand: Die Göttin Musik soll da das "himmlische Manna" herabregnen lassen und so weiter. Chabrier aber hat wirklich eine Ode an die Musik geschrieben, indem er über den Text einfach hinwegkomponierte. Die erlesene harmonische Wendung des Anrufs "Musique adorable! ô Déesse!" strukturiert, immer wiederkehrend, ein Werk, das das Musikalische als zarten Fluss begreift statt als Melodie, die man nach Hause tragen kann. Die klangliche Raffinesse dieser Miniatur für Sopran, Frauenchor und ganz schwebenden Orchesterpart ist von all dem, was man so 19. Jahrhundert nennt, himmelweit entfernt; Debussy war entzückt. All das kommt dem Musizieren von John Eliot Gardiner sehr entgegen, und seine Aufführung am Samstag mit Lynne Dawson, den Frauen des RIAS-Kammerchors und den Berliner Philharmonikern schien schwer überbietbar an Fülle des Wohllauts. Von hier und auch von Chabriers vermeintlich reißerischer, tatsächlich in ihrer fast abstrakten Untersuchung von Rhythmen und Timbres hochartifizieller Tondichtung "Espa a" gehen Entwicklungslinien zur französischen Moderne, dieser Revolution mit Geschmack (beides, das Reißerische und das Hochartifizielle, hat Gardiner bewundernswert vorgeführt). Auch für Debussys "Trois nocturnes" erwies sich Gardiner als der ideale Interpret. Am Ende des ersten Nocturnes, "Nuages", verdüsterte sich der bewölkte Himmel mit der paukenrollenden Vorahnung eines Sturms noch stärker, am Schluss von "Sirènes" schienen Klang und Zeit einfach stehen zu bleiben.Weniger glücklich geriet der Abend in der Philharmonie, wo sich durch den Klang hindurch das Pathos, die bewegte Seele äußerte - was man eben so 19. Jahrhundert nennt. Dass man Chabriers "Gwendoline"-Ouvertüre zum Aufwärmstück verwendete, bekümmert wenig, hat Chabrier doch hier selbst nur Wagner-Reste, vor allem das dritte "Lohengrin"-Vorspiel, aufgewärmt.Aber im ersten Satz von César Francks d-Moll-Symphonie fehlte es an der großformalen Spannung. Wenn im Lento-Beginn auf das in den Bässen exponierte, urzeithaft brütende Thema die Klage der Holzbläser antwortet, dann muss man das vielleicht nicht so expressionistisch-starr gegeneinander absetzen wie einst Klemperer, aber elegant zur Phrase verschmolzen wie bei Gardiner verlor dieser Anfang seine Kraft, und die wütende Wiederkehr des Themas im Allegro non troppo wirkte nur oberflächlich motiviert. Zugleich wirkte die Musik, wie oft bei Gardiner, seltsam körperlos, die imitativen Basslinien im Seitenthema wurden unterbetont, fast weggewischt. Viel Feinheiten aber auch hier.Was man so 19. Jahrhundert nennt, das lag Chabrier ganz fern.

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