BOSTON/HYANNIS - In Boston regnet es in Strömen. David O’Donnell steht vor dem alten Hauptpostamt und hat alle Mühe, in der einen Hand den Regenschirm zu halten und mit der anderen Hand hektisch auf seinem iPad hin und her zu wischen, um ein Foto zu finden. Schließlich gelingt das Unterfangen. Über O’Donnells Gesicht zieht ein triumphierendes Lächeln. Er hat ein Schwarz-Weiß-Bild aus dem Jahr 1952 hervor gewischt, das die Backstein-Fassade eines dreistöckigen Hauses auf der gegenüberliegende Straßenseite zeigt. Damals war das die Wahlkampfzentrale von John F. Kennedy, als er für den US-Senat kandidierte. Es ist kein besonders aufregender Anblick. Aber O’Donnell sagt: „Schauen Sie mal, hier hat das alles angefangen.“

Dann dirigiert er das Grüppchen von Kennedy-Nostalgikern weiter durch die Straßen der Bostoner Innenstadt und macht Halt, als das Hotel Omni Parker House erreicht ist. „Schauen Sie mal“, sagt O’Donnell im pompös-plüschigen Speisesaal, „hier hat JFK seiner späteren Frau Jacqueline den Heiratsantrag gemacht.“ Es geschah hinten in der linken Ecke, an Tisch 40. An diesem Tag sitzen dort zwei mittelalte Männer im Anzug, die wie Geschäftsleute beim Arbeitsessen wirken. Auch das ist kein Bild, das sich einbrennen will. Doch David O’Donnell sagt noch einmal: „Schauen Sie mal, hier hat das alles angefangen.“

Am 22. November jährt sich der Jahrestag der Ermordung von US-Präsident John F. Kennedy, der 1963 nach nur gut tausend Tagen Amtszeit im texanischen Dallas erschossen wurde. 50 Jahre ist das jetzt her – Grund genug, um eine beispiellose Verherrlichungsmaschine noch zu beschleunigen. O’Donnell, der 33 Jahre alte Kennedy-Kenner aus Boston, ist gewissermaßen nur ein kleines Rädchen in dieser Maschine, die von Ost- zu Westküste, von Florida bis hinauf zur kanadischen Grenze rund um die Uhr arbeitet.

Jeden Tag Sondersendungen

Viermal pro Woche führt der Historiker Touristen aus aller Welt durch die Neuengland-Metropole und zeigt ihnen, wo das berühmteste Mitglied des Kennedy-Clans seine Wurzeln hat. Seine Vorfahren stammen wie die der Kennedys aus Irland. O’Donnell sagt, die gemeinsame Herkunft habe in ihm das Interesse geweckt, mehr darüber zu erfahren, wie es diesem katholischen Familienclan gelungen sei, erst die angelsächsischen Protestanten aus der Bostoner Stadtpolitik zu verdrängen und schließlich das Traumpaar John F. und Jacqueline Kennedy ins Weiße Haus nach Washington zu schicken. Dorthin, wo vorher und nachher nie mehr ein Katholik regiert hat.

Vor der Kennedy-Statue im Stadtteil Beacon Hill erklärt O’Donnell: „In Dallas mag alles zu Ende gegangen sein, aber hier hat es angefangen.“ Der hagere Mann wischt sich sein vom Regen nasses, rötlich-blondes Haar nach hinten. Schon Hunderte solcher Touren hat er gemacht. Aber in diesem Jahr ist auch er vom JFK-Fieber erfasst worden. Die Worte sprudeln nur so aus ihm heraus, die Nasenflügel beben.

Wie David O’Donnell ist auch die umfangreiche Medienindustrie in den USA seit Wochen damit beschäftigt, die Faszination JFK zu begleiten. Das Fernsehen berichtet seit Tagen in Sondersendungen aus Dallas. Jeder Zeitzeuge, der zu finden ist, wird ausgequetscht, so als seien tatsächlich noch Sensationen zu erwarten. Fast täglich erscheinen neue Bücher über den 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten.

John Fitzgerald Kennedy, am 26. Mai 1917 in Boston in eine irisch-katholische Großfamilie hineingeboren, die über Jahrzehnte hinweg der mächtigste Clan des Landes sein sollte, dürfte der meistbeschriebene Staatsmann der Geschichte sein. Geschätzte 40.000 Bücher seien es, schreibt Jill Abramson, die Chefredakteurin der New York Times. Sie wundert sich, warum darunter so wenige gute und kein einziges herausragendes sei. Der Mann sei offenbar nicht zu begreifen, so Abramson.

Auch der Kolumnist der Washington Post, Robert J. Samuelson, fragt sich, warum die Mythenbildung um JFK nicht aufhören mag? Warum sie im Gegenteil ein halbes Jahrhundert nach der Ermordung stärker ist als je zuvor? Dabei seien doch drei Viertel aller heute lebenden Amerikaner 1963 noch gar nicht auf der Welt gewesen oder zu jung, um zu begreifen, was an jenen Tag in Dallas, Texas geschah.

Es mag sein, dass Samuelson Recht hat, wenn er sagt, die Fixierung der Amerikaner auf Kennedy und seine Frau Jackie sei der Beleg dafür, dass dieser Teil der US-Geschichte wie eine Seifenoper wahrgenommen werde. In Ermangelung einer Monarchie schafft sich eine Gesellschaft ein Ersatz-Königspaar.

Da kommt dieser junge, charmante, gut aussehende Mann, Weltkriegsteilnehmer wie Hunderttausende seiner Zeitgenossen, heiratet eine schöne Frau, und verspricht den Amerikanern, er werde als Präsident Grenzen überschreiten, das Land in eine bessere Zukunft führen und die gesellschaftliche Spaltung überwinden. Da kommt dieser Mann und sagt Sätze wie: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern, was du für dein Land tun kannst.“ Da kommt dieser Mann und zeigt den Sowjets die Zähne in der Kuba-Krise. Und dann sagt er auch noch „Ich bin ein Berliner“, was sich für alle Zeit ins kollektive Gedächtnis der westlichen Welt einbrennt.

Und dann? Dann wird dieser Mann ermordet, noch bevor er zeigen kann, ob er seine Versprechen hätte halten können. Die Geschichte von Traumpaar Jack und Jackie ist zu Ende, noch bevor sie richtig begonnen hat. Ein Stoff ist das, aus dem in Amerika Märchen gemacht werden. Jacqueline Kennedy beginnt schon eine Woche nach dem Tod des Präsidenten, an der Legende zu weben, dass ihr Mann im Grunde wie der edelmütige König Artus auf Schloss Camelot gewesen sei – ein Wohltäter des Volkes, der es vermocht hätte, Amerika zu bessern, wenn ihm noch einige Jahre im Weißen Haus vergönnt gewesen wären.

Das wirkt immer noch nach, denn in den USA wird gerne romantisiert und verklärt. Auch sind die frühen Sechziger wie geschaffen für Mythenbildung: Der Krieg in Vietnam ist noch nicht eskaliert. Die Jugend verhält sich ruhig. Von Rassen- und Studentenunruhen ist nichts zu erkennen. Was wäre geschehen, wenn Kennedy nicht ermordet worden wäre? Diese Frage wird bis heute in den USA heftig debattiert. Doch Antworten gibt es nicht, nur Mythen.

David O’Donnell hat sein Besuchergrüppchen inzwischen ins Bostoner Union Oyster House geführt, ins älteste Restaurant Amerikas. Im ersten Stock steht ein Tisch in einer Nische nahe der Theke. Er sagt, JFK habe hier gerne an den Wochenenden gesessen, eine Muschelsuppe gegessen und Zeitung gelesen. Jedes Detail aus dem Leben des 35. US-Präsidenten, und sei es noch so beliebig, klingt in diesem Augenblick wie eine unerhört wichtige Angelegenheit.

O’Donnell, dessen Wissen um solche Einzelheiten schier unerschöpflich ist, gibt eine relativ simple Erklärung für die Faszination ab, die die Amerikaner für JFK haben: „Die Ermordung hat ihn zum Märtyrer gemacht.“ Aber erst das Fernsehen, das sich in jener Zeit in den USA ausbreitete, habe diese Tatsache unter die Leute gebracht. Und zwar so erfolgreich, dass JFK heute in den USA präsenter sei als zu Lebzeiten. „Ich denke, es findet immer noch jeder sofort einen Verleger, wenn er die Idee hat, ein x-beliebiges Detail aus dem Leben von JFK zu einem Buch zu machen“, sagt O’Donnell. Kennedys Tod ist immer noch gut für den schnellen Dollar. Auch David O’Donnell beschäftigt inzwischen eine Handvoll Fremdenführer, die Kennedys Boston erklären.

Fragen nach den angeblichen Affären des Präsidenten, etwa mit Marilyn Monroe, mag er allerdings nicht so gern. Und auch zu den unterschiedlichen Thesen, die sich um Kennedys Tod ranken, möchte sich O’Donnell nicht äußern.

An Verschwörungstheorien ist keine Mangel. Eigentlich jeder wurde schon einmal für Kennedys Tod verantwortlich gemacht: die CIA, die Kubaner, die Sowjets, Kennedys Nachfolger Johnson, die Mafia. Auch Außerirdische sind schon als Mordverdächtige ausgemacht worden. Selbst der US-Außenminister John Kerry ist offenbar nicht ganz frei von solchen Gedanken. Erst vergangene Woche hat Kerry im Fernsehen gesagt, er habe ernste Zweifel, dass Lee Harvey Oswald der alleinige Täter gewesen sei. Einige Tage später wird er gefragt, was er damit eigentlich gemeint habe. Doch Kerry will nichts mehr dazu sagen. Die Frage nach dem Täter von damals ist vermintes Gelände.

Das liegt daran, dass eine Regierungskommission schon im Jahr nach dem Attentat erklärt, Oswald sei der alleinige Schütze gewesen. Er feuert am 22. November 1963 um 12.30 Uhr mittags aus einem Schulbuchlager auf das Cabrio, in dem JFK über die Elm Street in Dallas gefahren wird. Zwei Kugeln treffen den Präsidenten. Er bricht blutüberströmt über seiner Frau Jackie zusammen, die neben ihm im Fond des Autos sitzt.

Die Theorie, dass er allein es war, hält nur 14 Jahre. 1978 gibt eine andere Regierungskommission einen neuen Bericht ab, wonach es wahrscheinlich sei, dass es einen zweiten Schützen gegeben habe. Lee Harvey Oswald selbst kann keine Auskunft mehr erteilen. Er wird zwei Tage nach dem Attentat vom Nachtclubbesitzer Jack Ruby erschossen. Oswald befindet sich zu diesem Zeitpunkt im Gewahrsam der Polizei.

Es sind diese ungeklärten Details, die den Mythos von JFK in den USA am Leben halten. Und es sind die Erinnerungen an eine Zeit, in der plötzlich alles möglich zu sein schien, weil JFK ganz anders war als seine verknöcherten Vorgänger im Weißen Haus. Weil er versprach, die Amerikaner würden die ersten Menschen auf dem Mond sein. Die Ankündigung, abgegeben im Mai 1961 vor dem US-Kongress, verstehen damals viele in den USA als eine Metapher für eine bessere Zukunft.

Barbara Davis glaubt in gewisser Weise noch heute daran, dass JFK vieles zum Besseren gewendet hätte. Die 83 Jahre alte Frau aus der Nähe von Boston steht im Kennedy-Museum von Hyannis. Das ist ein kleines Städtchen auf der Halbinsel Cape Cod am Atlantik, wo die Kennedys bis heute ein mondänes Urlaubsanwesen unterhalten. Tränen fließen über das Gesicht der alten Dame, während sie ein Foto betrachtet, das JFK in seinem letzten Sommer im Kreise der Großfamilie zeigt.

„Ich bin zum ersten Mal hier, und es ist, als erlebte ich das Ganze gerade noch einmal“, sagt sie und streicht ihre fein toupierten Locken zurecht: „JFK – er hat das Land so wunderbar regiert.“ Barbara Davis überlegt jetzt ein wenig, wie sie das erklären könnte. Schließlich sagt sie, der amtierende US-Präsident Barack Obama sei Kennedy ähnlich: „Mr. Obama hat auch eine gute Ausbildung. Harvard. Das brauchen wir.“ Und zusammen mit seiner Frau Michelle gebe er ein schönes Paar ab. So schön wie seinerzeit Jack und Jackie Kennedy.

Der letzte Sommer

John Allen hat in den letzten Wochen oft beobachtet, wie ältere Menschen beim Anblick der Fotos in seinem Museum von Emotionen überwältigt werden. „Die Leute kommen hierher, weil sie sich an eine Zeit erinnern wollen, die ihnen wichtig ist“, sagt der Museumsdirektor. Das erkläre auch, warum es vielen Amerikanern so wichtig sei zu wissen, wo sie waren, als die Nachricht vom Tod Kennedys kam. So scheint es dem 69-jährigen Allen auch zu gehen. Denn ohne auch nur einen Augenblick lang zu zögern, erzählt er: „Ich war College-Student, hatte einen Ferienjob in einem Lagerhaus. Plötzlich kam ein älterer Kollege und sagte, es sei etwas Schlimmes geschehen. Danach hingen wir den ganzen Tag nur noch am Radiogerät und hörten zu.“

John Allen hat Karriere gemacht. Er war Banker und Unternehmensberater, unterwegs auf der ganzen Welt. Doch seit er im Ruhestand ist, widmet er sich nur noch John F. Kennedy. „Cape Cod“, sagt Allen, „das war ein wichtiger Teil seines Lebens. Er nannte die Gegend seine Heimat.“ Die Bilder in Allens Museum zeigen einen Präsidenten im Sommerurlaub, der mit seinen Kindern spielt, mit seiner Frau ins Blaue fährt, mit Freunden segelt. An Stellwänden hängen vergrößerte Ausschnitte aus Lokalblättern. Es ist wie eine Zeitreise in den Sommer 1963 – der letzte Sommer, den Kennedy erleben sollte.

Zwischen zwei Sätzen fängt Allen plötzlich an, in seiner rechten Hosentasche zu kramen. Von dort zieht er eine 50-Cent-Münze hervor. Sie trägt auf einer Seite das Bildnis von John F. Kennedy. „Seit 39 Jahren trage ich so eine Münze mit mir herum. Das ist jetzt meine dritte“, sagt der Museumschef. „Ich werde verrückt, wenn ich die verliere.“ Der Faszination JFK ist er schon lange erlegen.