MADRID. Der Berg kreißte und gebar eine Maus. Nachdem europäische Sportminister und ihre Vertreter auf der Weltdopingkonferenz in Madrid in einem unwürdigen Schauspiel versucht hatten, die Präsidentschaft des Australiers John Fahey zu verhindern, konnten sie am Sonnabend im Stiftungsrat der Weltantidopingagentur (Wada) nicht einmal einen Kompromisskandidaten präsentieren, nachdem sie am Freitag noch versucht hatten, den korruptionserfahrenen ehemaligen französischen Sportminister Guy Drut ins Rennen zu bringen. Die Europäer präsentierten überhaupt nichts außer unbelegten Vorwürfen gegen die Wada und deren scheidenden, enorm erfolgreichen Präsidenten Richard Pound aus Kanada. So wurde also der Australier John Fahey (62) für drei Jahre zum Wada-Präsidenten gewählt.Achtzehn Sitze haben die Vertreter der Politik im Stiftungsrat, fünf davon Europa. Der Rest der Welt war sich einig und peinlich berührt vom Vorgehen der Europäer, die sich wiederum als schlechte Verlierer präsentierten. In einer vom deutschen Vertreter Christoph Bergner, Staatssekretär im Bundesinnenministerium, äußerst holprig verlesenen Erklärung wird der Wada ein Demokratiedefizit attestiert. Beweise für diese Behauptung werden allerdings nicht erbracht. "Der Rest der Welt fühlt sich düpiert. Europa hat der Wada geschadet und sich selbst", sagte Pound. In der Sitzung, die eigentlich nicht öffentlich war, wegen eines technischen Fehlers jedoch im Presseraum per Radiosignal zu verfolgen war, hatte er zu Bergner gesagt: "Wenn Sie darauf bestehen, nehmen wir diese Erklärung zu den Akten. Aber da gibt es ein paar Punkte, die ich so nicht stehen lassen würde. Ich denke, Sie werden später bedauern, das gesagt zu haben."Kabale der DeutschenGipfel der Peinlichkeit war das Wahlergebnis: Europa hatte sich geschlossen der Stimme enthalten wollen, wie Bergner lauthals verkündete. Doch es gab nur vier Enthaltungen. Nach Berichten von Augenzeugen soll der slowenische Sportminister Milan Sver ausgeschert sein. Er hatte Pound um eine geheime Abstimmung gebeten, offenbar, um von den anderen Europäern nicht als Überläufer enttarnt werden zu können. Doch Pound lehnte ab. "Das liegt in meinem Ermessen als Präsident", sagte er. "Wir haben in der Wada immer offen abgestimmt, das ist Teil unserer Transparenz." Bergner fand Pounds Vorgehen inakzeptabel.Die eigentliche Wahl war binnen Sekunden erledigt. Asien, Ozeanien, Afrika und Amerika, die dreizehn von achtzehn Stimmen vereinen, votierten für Fahey. Um 15.42 Uhr verkündete Pound: "John Fahey ist gewählt." Der Australier nahm die Wahl natürlich erleichtert auf, vermied aber jedes bittere Wort in Richtung der europäischen Kontrahenten. Fahey und Pound waren sehr um Versöhnung bemüht. "Eine meiner ersten wichtigen Aufgaben nach Amtsantritt am 1. Januar werden Gespräche mit den europäischen Partnern sein", sagte Fahey.Die Verabschiedung des neuen Wada-Codes, der ab 2009 gilt, war in den Diskussionen im Palacio Municipal de Congresos wegen der europäischen Kabale in den Hintergrund gedrängt worden. Nachdem der Code am Sonnabendvormittag durchgewunken war, blieb für den Nachmittag noch die Präsidialwahl offen. Die Bestimmung des Vizepräsidenten, der turnusgemäß für die nächsten drei Jahre vom Sport nominiert wurde, war nur Formsache: Arne Ljungqvist, der verdienstvolle schwedische Mediziner, wird John Fahey künftig assistieren. Fahey deutete an, dass er eine klare Arbeitsteilung bevorzugt: Er selbst wolle dafür sorgen, dass möglichst schnell sehr viel mehr Länder als die bisher 71 Nationen die Unesco-Konvention gegen Doping ratifizieren. Ljungqvist wird sich mehr den medizinischen Fachfragen widmen."Ich hoffe, dass es zivilisiert zugeht", hatte Pound vor der letzten wichtigen Sitzung des Stiftungsrats gesagt. Im Meeting verhielt er sich äußerst diplomatisch. Er lobte mehrmals die Leistungen der Europäer in der Wada: "Ohne Europa säßen wir nicht hier." Er legte nüchtern die Fakten im präsidialen Procedere dar, die ja klar und überschaubar waren: Zum Meldeschluss im September hatte es zwei Kandidaten gegeben - den Franzosen Jean-François Lamour und den Australier John Fahey. Im Oktober war Lamour zurückgetreten und brüskierte damit seine Alliierten, die keinen neuen Kandidaten präsentierten. "Wir werden heute also einen neuen Präsidenten haben, wir werden wählen", sagte Pound.Am Freitag hatten die Europäer noch die Bereitschaft der französischen Skandalnudel Guy Drut eingeholt, als Kompromisskandidat einzuspringen. Die Personalie war einigen aber offenbar zu heikel. Am Freitagabend blieb kaum jemand ungefragt, ob er sich nicht aufstellen lassen wolle. Dänemarks Sportminister Brian Mikkelsen lehnte ab. Auch Russlands Sportminister Wjatscheslaw Fetisow wurde vorgeschlagen. Eine Mehrheit fand sich für ihn aber ebenso wenig wie für den Franzosen Guy Drut.So blieb es im Stiftungsrat bei Appellen, die von der Holländerin Maud de Boer Buquicchio, der stellvertretenden Generalsekretärin des Europarates, und eben von Christoph Bergner vorgetragen wurden. Maud de Boer, die zwei Tage zuvor von einem ozeanischen Delegierten beinahe handgreiflich attackiert worden sein soll, behauptete im Namen der Mitgliederstaaten des Europarates, die Wahlprozedur würde weder mit den Wada-Statuen übereinstimmen noch mit internationalem Recht. Sie forderte eine Verschiebung der Wahl auf Mai 2008, um bis dahin einen Konsens in der Politik herbeizuführen.Die Vertreter aus Asien, Ozeanien und Amerika sprachen sich dann kurz und energisch für John Fahey aus. Harsche Kritik an Europa übte die malaysische Sportministerin Datuk Azalina Othman Said. Sie sei geschockt über das Vorgehen, sagte Frau Said: "Mein Regierung ist empört! Alle Länder müssen das Procedere akzeptieren. Es gibt nur noch einen Kandidaten, das allein zählt. Alles andere ist ein Problem der europäischen Gruppe."Pound erklärte erneut, der Prozess sei in Ordnung, und schritt dann rasch zur Tat. Nach 21 Minuten war die Sache erledigt und John Fahey gewählt.------------------------------Der neue Wada-CodeVierjahressperre: Der neue Weltantidopingcode, der in Madrid verabschiedet wurde, gilt ab 1. Januar 2009. Wichtigste Änderungen ist eine Strafverschärfung: Für schwerwiegende Erstverstöße wie systematisches Doping oder Verhinderung der Aufdeckung von Vergehen wurde die Sperre von zwei auf vier Jahre erhöht.Flexiblere Strafen: In Einzelfällen können besondere Umstände berücksichtigt werden. Eine Strafminderung kann z.B. gewährt werden, wenn ein Athlet beweist, dass eine verbotene Substanz ohne Verschulden in seinen Körper gelangte.Provisorische Suspendierung: Nach einer positiven A-Probe wird eine provisorische Suspendierung des Athleten ausgesprochen. Die B-Probe muss spätestens siebe Tage später analysiert sein.Kronzeugenreglung: Die Kronzeugenregelung ist in Madrid erweitert worden. Wenn ein Athlet die Aufdeckung von Dopingverstößen Dritter substanziell mit Detailinformationen unterstützt, kann die Sperre künftig um bis 75 Prozent reduziert werden. Eine Verkürzung bis zur Hälfte wird eingeräumt, wenn ein Athlet Doping gesteht, bevor er positiv kontrolliert wurde.Geldbußen: Neben Sperren können künftig zusätzlich Geldbußen verhängt werden.Wettkampfausrichter: Sportorganisation werden alles tun, um Weltmeisterschaften nur an Länder zu vergeben, die die Unesco-Konvention zum Doping unterschrieben haben. Länder, die sie nicht ratifiziert haben, dürfen keine führenden Positionen in der Wada einnehmen.Die Beschlüsse der Weltantidopingkonferenz von Madrid finden sich im Internet unter:www.wada-ama.comwww.wadamadrid 2007.com------------------------------Foto: "Ich hoffe, dass es zivilisiert zugeht": Richard Pound aus Kanada, der die Wada acht Jahre lang leitete (r.), und sein Nachfolger, der Australier John Fahey.