Eine von Tüll umhüllte Schönheit steht im Halbdunkel auf einer schiefen Scheibe, tausend in Nebel getauchte Lichtlein überziehen die Insel mit dem Hauch der Glückseligkeit. Die schöne Frau ist Annabella, die Schwester. Stolz und stumm beginnt sie ihren Weg, umkreist die Scheibe. Ein zweiter Körper scheint auf im warmen Licht, ein nackter, ein männlicher. Das ist Giovanni, der Bruder. Sein Blick begleitet Annabella, bis sie angekommen ist, die Schwester beim Bruder, der ihr die Brust vom Tüll entblößt.Mit diesem großen Versprechen an die Sinne beginnt Hausregisseur Markus Dietz seine Inszenierung von John Fords "Schade, dass sie eine Hure war" auf der großen Bühne des Leipziger Schauspiels. Er wird es nicht einlösen.Das Stück, zu Zeiten Shakespeares entstanden, erzählt in feurigen, informationsüberladenen Szenen von der Liebe der Geschwister, die an einem Wust skrupelloser Intrigen kaputtgeht. Annabella verschmäht alle Hochzeitsanwärter. Diese metzeln sich deshalb gegenseitig nieder. Erst als Annabella von ihrem Bruder schwanger ist, willigt sie in die Ehe mit einem der Bewerber ein, um die Blutschande zu vertuschen. Der frisch gebackene Ehemann bemerkt den Betrug und lädt Giovanni zu einem Fest, auf dem er ihn töten will. In einer letzten Liebesnacht ersticht Giovanni Annabella. Er bringt der Festgesellschaft das Herz, das er ihr aus der Brust geschnitten hat und nimmt seinen eigenen Tod in Empfang. Im Verlaufe des Stücks kreuzen sich jede Menge listiger Pläne derart ungünstig, dass es immerzu die falschen trifft und vor allem katastrophal viele. Im Leipziger Programmheft bemüht sich ein Schema aus Fotos und Pfeilen, wenigstens die Verwandtschaftsverhältnis-se zu erhellen. Es ist schwierig, den Plot zu begreifen, und noch schwieriger, sich ins Geschehen involvieren zu lassen, denn die Inszenierung verzichtet auf die schauspielerische Bewahrheitung der Konflikte. So entsteht ein Abend, bei dem es ausschließlich Nebenrollen gibt.Vierzehn Schauspieler haben viele kleine Auftritte, die zwar im unaufwändig wandelbaren Bühnenbild von Franz Lehr flott und elegant vonstatten gehen, die aber in der Hauptsache eifrigem Texttransport dienen. Den großen, hitzigen Abgängen, bei denen gebrüllt, gekrochen, geröchelt, gestorben wird, sitzt man dann achselzuckend gegenüber, weil man schlichtweg nicht erfährt, warum hier so ausgiebig gelitten wird. Der Kern der Geschichte ist die Liebe zwischen Annabella und Giovanni. Und der wäre zu verteidigen gewesen. Zwar ist viel nackte Haut zu sehen; zwar wird sich viel geküsst und gewälzt; zwar spreizt Annabella (Konstanze Becker) in verschiedenen Kleidern die Schenkel; zwar fädelt Giovanni (Oliver Kraushaar) sich des Öfteren da ein - aber dennoch bleibt die Geschwisterliebe eine flüchtige Behauptung. Warum verfallen Geschwister einander körperlich? Warum bleiben zwei Kinder lieber im eigenen Nest, statt in die Welt zu gehen? Das müsste man schon erahnen können, um mit Annabella und Giovanni zusammen das Inzest-Tabu brechen zu wollen. In Leipzig werden diese Fragen nicht gestellt, geschweige denn wird ihren Antworten nachgespürt. Wo die Liebe hinfällt - auf diesem Spruch baut das Stück auf und damit gibt sich die Aufführung zufrieden.An die Stelle eines gedanklichen Zentrums tritt ein riesiger Kronleuchter, der auf die Scheibe herabgesenkt wird. Die Schauspieler stecken in edlen Kostümen, tragen fantasievolle Perücken, sind geschmackvoll um den Kronleuchter arrangiert - eine ästhetisch einwandfreie Ausstattung, in der nur eines fehlt: Menschengeschichten. Spätestens nach der Pause hat sich das Premierenpublikum, da ihm die emotionale Anteilnahme verweigert wurde, entschlossen, das Ganze eher komisch zu nehmen. Giovanni zückt den Dolch, setzt ihn an, er weiß nicht recht wie und wo, auf Knien und mit hochgestrecktem Hinterteil hängt er über Annabella, küsst sie noch ein paar Mal und sticht zu - ein Zivildienstleistender, der zur Waffe greift. Mit Annabellas Herz auf dem Dolch kommt Giovanni zum Fest, auf dem die übrig gebliebenen Herren müde herumstehen. Es fallen ein paar Schüsse, ein paar Männer, ein paar Sätze. Einer nuschelt schlapp den letzten Satz des Stückes: "Wer sagt nicht von ihr, jung, begabt sogar, wie schade, dass sie eine Hure war."Wer das sagt? Ach, bloß der Vater von Annabella und Giovanni, aber der war schon den ganzen Abend nicht bei der Sache.Vorstellungen: am 19. und 25. Januar, 2. und 23. Februar im Schauspiel Leipzig (Karten: 0341/12 68 168)