Von Hollywood hat er schon lange genug. Aber Hollywood scheint nicht genug von ihm zu kriegen: Seit er in "Fluch der Karibik" den wunderbar windigen Piraten Jack Sparrow gab und seine erste Oscar-Nominierung dafür erhielt, rennt die Filmindustrie Johnny Depp die Türen ein. Jetzt kommt er mit dem Thriller "Das geheime Fenster" als einsamer Schriftsteller ins Kino. Und zurzeit dreht er auf der britischen Isle of Man, wo wir ihn zuletzt trafen, "The Libertine". Depps Garderobe scheint stets einem Theaterfundus entlehnt. Das dunkle Haar steckt fast immer unter einer bizarren Kopfbedeckung - gern abgewetzte Hüte, bei unserem jüngsten Treffen eine khakifarbene Canvasmütze. Hinter Depps Hornbrille wirken seine dunklen Augen noch mysteriöser. Dazu trägt der Schauspieler eine olivfarbene Jacke und eine weiße Jeans, die Finger sind mit silbernen Ringen bestückt. Diesmal also weder Clochard-Look noch Fantasiegeschöpf, sondern ein überraschend ziviler Aufzug. Und dahinter wie immer eine Persönlichkeit voller Wärme, Freundlichkeit und Bescheidenheit. Mr. Depp, spielt Ihre sonst so eigenwillige Garderobe eigentlich eine Rolle bei dem Versuch, unerkannt zu bleiben?Wie ich aussehe, ist einfach das unglückliche Ergebnis dessen, was ich morgens aus meinem Schrank ziehe... Ich versuche damit umzugehen, dass man mich erkennt, aber eigentlich probiere ich, der ganzen Sache so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Dient Ihr im Gegensatz zu Kollegen wie George Clooney oder Brad Pitt betont unaufregender Kleidungsstil nicht auch zur Verschleierung Ihrer sprichwörtlichen Schönheit? Nein, ich kleide mich einfach so, dass ich mich wohlfühle. Ich habe zum Beispiel einen Hut, der mir ein sehr guter alter Freund ist. Ich habe ihn vor zwanzig Jahren in einem kleinen Kaufhaus in Florida erstanden. Manchmal ist er für mich sogar ein bisschen so etwas wie eine Schutzdecke.Sie sprechen von dem speckigen, löchrigen Filzhut, den Sie vielfach bei öffentlichen Auftritten getragen haben. Aber jetzt haben Sie einen anderen auf - haben Sie sich von Ihrem alten Freund getrennt?Nein, ich habe ihn noch nicht ganz in Rente geschickt, aber er braucht derzeit eine Pause. Dieser Hut ist jetzt mein neuer Rekrut. Ich mag alte Sachen, auch alte Hüte - mir gefällt es, dass man in den dreißiger Jahren dauernd Hüte trug, und dazu immer Anzüge und Krawatten. Das ist ein Stil, den man wieder beleben sollte.Dabei heißt es, dass Sie fürs Shoppen nicht zu haben sind. Stimmt, neue Klamotten mag ich nicht besonders. Altes, bequemes Zeug umso mehr. Schauen Sie sich meine Stiefel an - man sieht ihnen an, dass sie schon ganz schön rumgekommen sind, oder?Wie Sie selbst. Ihre Karriere begann vor zwanzig Jahren mit der Teenie-Serie "21, Jump Street". Ihren Ruf als Kultschauspieler haben Sie mit zumeist dunklen, schwermütigen Charakteren begründet. Sind die Ihnen nahe, weil Sie selbst viele düstere Seiten haben?Ich denke, ich habe beides in mir, Helles und Dunkles, Schatten und Licht. Aber ich bin an Extremen interessiert. Ich bin an Menschen interessiert, an ihren Lebensgeschichten und den Geheimnissen, die sie niemandem verraten wollen. Ich möchte verstehen, wie sie ticken.Sie haben schon häufiger Schriftsteller gespielt, nicht erst hier in Ihrem neuen Film "Das geheime Fenster" oder in dem Historienfilm "The Libertine", in dem Sie gerade als hedonistischer Autor Rochester vor der Kamera stehen. Zufall?Ich habe es nicht bewusst geplant, aber das kommt wohl daher, dass ich Schriftsteller sehr bewundere: ihre Fähigkeit und Kraft, vor einem leeren Papier oder Bildschirm zu sitzen und dann Worte aus sich herauszuholen. Wie David Koepp etwa, der Regisseur von "Das geheime Fenster", der auch das Drehbuch selbst geschrieben hat. Er ist mir übrigens extra ans Set von "Piraten" in die Karibik nachgereist, um es mir zu zeigen. Das hat mich schon beeindruckt. Und dann nahm das Buch auch noch nach 15 Seiten eine so unerwartete Wendung, dass ich mich richtig gehend brüskiert fühlte - damit hatte ich als Profi nicht mal gerechnet! Der Mann hat mich auf ganzer Linie überzeugt. Ein Kritiker schrieb über Ihre Leistung in "Das geheime Fenster": Er kommt endlich mit seinem eigenen Charisma zurecht.Wow! Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ich hatte nur das Glück, das Drehbuch ausfüllen zu dürfen. Und manchmal etwas hinzuzufügen - und der Regisseur hat es mir durchgehen lassen.Die meiste Zeit sieht man Ihren Romanautor in einen ungepflegten, abgewetzten Bademantel eingewickelt...Ja, das war meine eigene Idee. Und irre gemütlich noch dazu. Ich fand es perfekt für einen Mann, dem die Welt gleichgültig geworden ist. Seine Ehe ist ruiniert, seine Kreativität liegt brach, er liegt den ganzen Tag auf der Couch und verschläft das Leben. Bis der Wahnsinn der Realität ihn dann einholt.Der Film ist ein Psychothriller, in dem Sie als eigenbrötlerischer Autor an Ihrem Verstand zu zweifeln beginnen. Haben Sie selbst schon mal gefürchtet, den Verstand zu verlieren? Oh ja, ohne Frage! Es gab für mich des öfteren Situationen, privat und beruflich, in denen ich dachte: "Das ist jetzt alles zu viel. Ich kann nicht mehr. Ich muss hier irgendwie raus!" Aber all das war, bevor ich meine Basis fand, die mir heute Kraft gibt: meine Kinder und Vanessa. Vorher habe ich nie begriffen, worum es eigentlich geht. Jeder redete nur über Erfolg und Geld und Karriere. All das machte für mich keinen Sinn. Es war mir egal.Kommt Ihr Hang zu Außenseiter-Rollen daher, dass Sie sich selbst als einer empfinden?Ich weiß nicht, ob ich mich als Außenseiter fühle. Aber als echter Insider habe ich mich auch nie betrachtet, so viel ist sicher. Es stimmt, ich habe mich immer dafür interessiert, warum verschiedene Menschen so unterschiedlich behandelt werden. Weil sie anders aussehen, sich anders kleiden, weil man sie hässlich findet? Ich habe schon als Kind gehasst, wenn jemand deswegen schlecht behandelt wird. Aber seither fasziniert mich, was die Gesellschaft als normal und anormal betrachtet. Diese Vorgänge verstehe ich immer noch nicht. Wer entscheidet das? Und warum? Manches wird als völlig normal bezeichnet in dieser Welt. Für mich ist es aber völlig bizarr.Zum Beispiel?Golf. Und Bowling. Ach, diese Liste könnte sehr lang werden. Oder Politiker. In Ihrem Film heißt es: "Der Preis des Erfolges ist, dass immer mal wieder ein Verrückter in deinem Leben auftaucht." Würden Sie das unterschreiben?Es ist schon länger her, aber es gab auch in meinem Leben schon bizarre Episoden mit Leuten, na ja, der Spezies der Stalker eben. Das war ziemlich unangenehm. Ich sehe das, was ich tue, eben nur als Job. Vielleicht ist es ein komischer Job, aber mehr auch nicht. Ich verdiene damit meinen Lebensunterhalt. Dass jemand deshalb überschnappt, finde ich sehr seltsam.Ist es für den Superstar Johnny Depp schwierig, normal zu bleiben?Das Merkwürdige ist: Als Schauspieler ist es Teil meines Berufs, Menschen zu beobachten. Aber an einem bestimmten Punkt wird das schwierig, weil du selbst derjenige geworden bist, der beobachtet wird. Ich möchte wie jeder andere ein normales Leben führen können. Leben. Spazieren gehen. Mit meinen Kindern im Park spielen - alles, was man als Papa eben so macht. Aber das lässt man nicht zu. Wenn ich mit meiner Freundin und unseren Kindern aus dem Haus gehe, sind irgendwo Leute, die versuchen, mit Teleobjektiven Fotos von den Kleinen zu schießen. Die Kinder haben doch mit all dem nichts zu tun, sie haben nie um diese Aufmerksamkeit gebeten! Warum müssen sie zum Opfer werden, nur weil es mein Beruf ist, meine Visage in die Kamera zu halten? Wie geben Sie Ihrem Frust Ausdruck? Ab und zu laufe ich den Paparazzi mit einem Knüppel hinterher. Nein, ich habe keine wirklichen Aggressionen gegen sie. Ich lebe einfach mein Leben. Ich will nicht wie einer dieser weinerlichen Schauspieler klingen. Das bin ich nicht. Mir ist klar, dass ich in einer sehr privilegierten Position lebe. Man bezahlt mir eine Menge Geld, damit ich meine Arbeit mache. Und ich kann mir aussuchen, welche Filme ich drehen will.Früher sind Sie gerne mal ausgerastet. Seit Sie mit Vanessa Paradis zusammen und Vater geworden sind, scheinen Sie zur Ruhe gekommen zu sein. Hat Ihr privates Glück Sie mit der Welt versöhnt?Das Leben mit ihr hat mir plötzlich neue Einsichten vermittelt: eine Perspektive für das, was wirklich wichtig ist im Leben. Früher war ich bestimmt aggressiver. Vielleicht auch verwirrt, weil ich nicht wusste, worum es im Leben geht. Aber dann fand ich meine Frau und durfte eine Welt voller Ruhe und Schönheit kennen lernen. Sie hat mir diese neue Basis geschenkt. Vater zu werden war ein einschneidendes Erlebnis. Als ich meine Tochter zum ersten Mal sah, habe begriffen, was wirklich zählt - Familie, für sie sorgen zu können und sie zu lieben. Filme, Presse, Auszeichnungen, das ist doch nur Beiwerk.Vor über vier Jahren haben Sie Hollywood den Rücken gekehrt, leben in der Provence. Sind Sie froh, dem Zirkus entkommen zu sein?Na ja, je weiter man wegrennt, desto weniger entkommt man dem, vor dem man flüchtet. Die ganze Sache hat einen völlig neuen Fragenkatalog aufgeworfen. Aber ich mache nur, was ich tun muss, um mich selbst noch wiederzuerkennen. Um mir meine geistige Gesundheit zu erhalten. Man hat so viel darüber geschrieben, dass ich Amerika hasse und antiamerikanisch eingestellt wäre. Das ist völliger Quatsch. Ich liebe die USA, sowohl das Land als auch die Leute - Mann, sie haben mir meine Karriere geschenkt! In Wirklichkeit sagte ich, dass ich enttäuscht bin von der Richtung, in die sich Amerika bewegt, von der Gier, die dort alles bestimmt, von Gewalt und Dummheit, die immer mehr Macht bekommen. Als Vater will man ja nichts weiter, als seine Kinder vor der Ignoranz und den blöden Realitäten dieser Welt zu beschützen. Für mich ist Amerika einfach zu grotesk. Insofern habe ich mich wohler damit gefühlt, in Europa zu leben, und Frankreich ist sehr gut zu mir.Warum lassen Sie Ihre Kinder lieber in der französischen Provence als in Los Angeles aufwachsen? In L. A. wächst man zu schnell auf. Die ganze Welt ist gefährlich, aber dort rast das Leben, alles ist zu schnell und zu groß, und es gibt von allem zu viel - es prasselt dort zu viel auf dich ein. Vor allem, wenn du ein Kind bist. Das war zumindest meine Erfahrung. Die Zeit, in der man Kind sein kann, ist so schnell vorbei, allzu bald wird man eh von der großen weiten Welt verschlungen. Ich möchte, dass meine Kinder ihre Kindheit richtig genießen können.Hat Europa Sie verändert?Sehr. Jede Erfahrung verändert einen. Mir hat es gut getan, weil ich seitdem eine ganz andere Perspektive auf Hollywood, meine Branche und meinen Job habe. Ich schaue mir das Ganze lieber von außen an, statt mitten in der Suppe zu schwimmen - oder gar gekocht zu werden. Jetzt lebe ich in Frankreich auf einem Grundstück mit Ponys, Hunden, Katzen und ärgere mich über die Wildschweine, die uns ab und an heimsuchen.Vermissen Sie etwas?Meine Familie und Freunde, klar, und meine Lieblings-Hotdogs. Das Gute ist: Wenn man so lange weg ist, kann man es richtig genießen, mal wieder in L. A. zu sein. Aber das jeden Tag zu haben, nein, das ist nichts mehr für mich. Da dreh' ich durch. Dort geht es nur um die Filmindustrie, um Dreharbeiten, Rollen und Einspielergebnisse - Himmel! Da wird man doch wahnsinnig, so einseitig ist das.Wie war Ihr erster Eindruck von Europa, und hat der sich heute verändert? Ich habe in Frankreich zu Beginn kein Wort verstanden. Manchmal ist es ja ein Vorteil, eine Sprache nicht zu sprechen, dann musst du nicht lange Konversation machen mit Leuten, die du gar nicht kennst. Als ich 1989 das erste Mal nach Europa kam, merkte ich, dass hier ein anderes Leben möglich ist. Amerika und Europa sind so verschieden. Amerika ist ein so junges Land, es ist wie ein wildes, ungeschicktes Hundekind. Europa hat die Vielfalt der alten Kulturen und ist tief in seinem Erbe verwurzelt. Frankreich bietet mir die Möglichkeit zu etwas, von dem ich dachte, es für immer verloren zu haben: ein einfaches Leben zu führen. Einfach Vater zu sein. Runter ins Dorf zu fahren, auf dem Markt Gemüse einzukaufen und danach im Bistro etwas trinken zu gehen. Und dabei nicht wie eine Sehenswürdigkeit, ein Freak oder ein exotisches Tier im Zoo angestarrt zu werden.Mit Ihrer androgynen Schönheit faszinieren Sie nicht nur Fans, sondern auch Kollegen. Danny Trejo, der mit Ihnen "Irgendwann in Mexiko" drehte, fühlte sich neben Ihnen sogar "von Gott gestraft". Für mich macht das überhaupt keinen Sinn. Ich finde es total seltsam.Haben Sie sich je maskiert, um unerkannt einen Spaziergang machen zu können?Einmal habe ich mir tatsächlich eine Perücke mit Zottelhaaren aufgesetzt und eine Baseballkappe drübergestülpt. Hat aber auch nichts genützt.Sie haben es auch schon mit einem denkwürdigen Pseudonym versucht: "Oprah Noodlemantra". Hat das eine tiefere Bedeutung?Ich hatte einmal einen Kurzauftritt in einer Horrorkomödie, den meine Freundin Lady Rachel Talalay drehte - es war ein ironischer Tribut an "Nightmare on Elm Street", mit dem ich ja meinen ersten Auftritt im Filmgeschäft hatte. Jedenfalls fragte sie mich, wie sie mich im Nachspann benennen soll. Und ich sagte: "Als Oprah Noodlemantra". Ich fand es einfach so schön albern.Sie sind seit zwei Jahrzehnten Schauspieler, doch Ihr vorletzter Film "Der Fluch der Karibik" war Ihr erster Blockbuster-Erfolg, brachte Ihnen die erste Oscar-Nominierung ein und wird Ihr erstes Sequel sein - die Fortsetzung ist in Arbeit. Wie ist es, zum Kassenmagneten geworden zu sein?Zuerst war es ein richtiger Schock, dass ein Film, in dem ich mitspiele, solch einen Erfolg hat. Aber ich bin auch sehr dankbar dafür: Ich bin ja schon über zwanzig Jahre im Geschäft, und es berührt mich sehr, dass so viele Leute sich diesen Film ansehen. Es ist unbezahlbar, wenn auf der Straße Kinder auf mich zeigen und rufen: "Guck mal, da ist Käpt'n Jack Sparrow!"Viele behaupten, Sie würden mit zunehmendem Alter immer besser......besser als Mensch bestimmt, und besser als Vater, das ist doch das Wichtigste.Wäre es da nicht bald an der Zeit, dass Sie sich John nennen statt Johnny?Ach, ich glaube nicht. Es gibt zwar ein paar Leute, die mich, aus welchen Gründen auch immer, John nennen. Aber ich wurde mein ganzes Leben lang Johnny genannt, seit ich ein kleines Kind war - jetzt bleibe ich dabei.Niemand hat Sie je John Christopher gerufen?Nur meine Mutter, wenn sie wirklich sauer war. Stimmt es eigentlich, dass Sie wieder Zuwachs erwarten?Nein, nicht dass ich wüsste. Das ist nur ein Gerücht, das gerade kursiert. Aber ich wünsche mir sehr ein drittes Kind, auch ein viertes, fünftes, sechstes - ach, zwölftes, fünfzehntes. Ich würde gerne völlig von Kindern umgeben sein. Aber ich habe ja den leichteren Job dabei, oder?Wenn Sie über Ihre Familie reden, scheinen Sie von Frieden und Freude nur so durchdrungen zu sein - bei Ihnen daheim scheint pure Harmonie zu herrschen. Worüber geraten Sie mit Vanessa in Streit?Seltsamerweise streiten wir kaum. Wir haben irgendwie - ich kann es schwer in Worte fassen - ein wundersames gegenseitiges Verständnis. Wir reden zu Hause nie über den Beruf. Unser Leben ist deshalb einfach. Wir sind sehr enge Freunde und sehr verliebt. Wir haben wunderbare Kinder. Wo soll es da etwas zu streiten geben?Kommen Sie, jeder streitet mal.Also wenn, dann geht es um etwas wirklich Dummes, Überflüssiges: Wer macht den Kaffee? Hätten Sie eigentlich etwas dagegen, wenn ich rauche?Nein, bitte sehr. Sie sollten es ausnutzen, dass wir nicht in L. A. sind. Ein Freund von mir behauptet, ich wäre nur nach Europa gezogen, weil ich da rauchen darf. Es gibt sogar Leute, die sagen, Sie suchten sich Ihre Filmrollen danach aus, ob Sie rauchen dürfen. In "Das geheime Fenster" tun Sie's ja auch.Jede Begründung, rauchen zu müssen, ist für mich gut genug. Aber im Ernst: Manche Figuren, wie zum Beispiel Inspektor Abberline in "From Hell", sind ziemlich verletzte Mensch mit vielen Dämonen. Da finde ich es wichtig, ihre dunklen Seiten und Laster zu erkunden - Drogenmissbrauch, Süchte, all das.Sie haben selbst umfangreiche Erfahrungen mit Drogen und Sucht gemacht. 1993 ist Ihr Kollege River Phoenix vor Ihrem Club "The Viper Room" in Los Angeles an einer Drogenüberdosis zu Grunde gegangen. Wie stehen Sie heute dazu?Es schockiert mich manchmal, dass so viele Menschen sich vormachen, Drogen seien nichts als ein harmloses Freizeitvergnügen. Da wird fröhlich behauptet, man nehme Drogen schließlich nur, um auszugehen, Partys zu feiern und ein bisschen Spaß zu haben. Ich habe das lange Zeit aus erster Hand miterlebt. Ich habe gesehen, was Drogen mit Menschen alles anstellen. Spaß ist eine Lüge. Natürlich fängt es damit an, und es ist leicht, sich damit zu täuschen, man sei bloß Freizeitkonsument - aber es bleibt eine Lüge. In Wirklichkeit ist es ein Fluchtversuch. Manche fliehen vor Dingen aus der Vergangenheit, andere vielleicht vor irgendwelchen chemischen Schieflagen im eigenen Hirn. Letzten Endes sind Drogen Selbstbetrug, und sie sind eine ungeheure Zeitverschwendung.Sie haben aber selbst auch schon Gestalten verkörpert, die den Drogenrausch als visionäres Erlebnis feiern.Ja, und das kann man gut oder schlecht finden. Aber man sollte bedenken: Viele Rock'n' Roll-Stars, einige der größten Pop-Ikonen des 20. Jahrhunderts, sind auf solche Weise zu Märtyrern geworden, Janis Joplin zum Beispiel, Jim Morrison oder Jimi Hendrix. Das Ganze ist eine ganz schön gefährliche Sache.Glauben Sie an Möglichkeiten zur Erweiterung des Bewusstseins oder an übersinnliche Wahrnehmung?Ja, ich denke schon, dass solche Sachen möglich sind. Schauen Sie sich ein Baby an, das zum ersten Mal die Welt betrachtet - so rein und unvoreingenommen und noch nicht von der Welt verletzt. Allerdings werden offenbar bei den meisten Menschen solche Fähigkeiten nach und nach verschüttet, dank der Art und Weise, wie wir erzogen werden. Und irgendwann sind wir beschädigt. Es ist, als würde eine Schicht nach der anderen uns die Sicht versperren, würden Mauern errichtet, die bestimmte Wahrnehmungsmöglichkeiten in unseren Körpern und Gehirnen blockieren.Wie steht es mit Ihren eigenen Süchten? Beschränken Sie sich aufs Kettenrauchen, ein Laster immerhin, das Ihnen das Leben in Hollywood schwer macht.Ich finde es völlig verrückt, ausgerechnet in einer der schmutzigsten Städte dieses Universums zu hören zu kriegen: Rauchen verboten. In Los Angeles darf man inzwischen nicht mal mehr in einer Bar oder einem Club rauchen. Sie können in eine Kneipe gehen, sich bis an die Kante voll laufen lassen und sogar hinterher noch ins Auto steigen und sich, oder noch schlimmer, andere umbringen, aber Sie dürfen nicht rauchen, denn das ist ungesund. Ich habe schon überlegt, meine eigene Fluggesellschaft zu gründen. Ich würde sie "Air Smoke" nennen. Man darf nur mitfliegen, wenn man auch raucht. Nichtraucher sind strengstens verboten!Rauchen Sie auch zu Hause?Nein, ich rauche nicht in der Nähe der Kinder. Ich gehe zum Rauchen nach draußen.Wer hätte gedacht, dass die Rolle des Familienvaters den einstigen Rebellen Johnny Depp derart verändert?Verändert ist das falsche Wort. Als ich Vater wurde, bin ich quasi neu erschaffen worden - als würde mir urplötzlich ein neues Leben geschenkt. Ich war 35, als meine Tochter zur Welt kam, aber zum ersten Mal überkam mich eine große Klarheit. Plötzlich wusste ich ganz deutlich, worum es in meinem Leben geht. Ich war jahrelang selbstzerstörerisch drauf, weil ich keine Antwort fand auf die Frage: "Wozu das alles?" Nichts und niemand hatte tiefere Bedeutung für mich, und nichts, was ich anfing, befriedigte mich wirklich. Und tatsächlich macht nichts richtig Sinn, bis man endlich den Menschen trifft, den man liebt.Dabei hält man Sie für einen ungewöhnlich leidenschaftlichen Schauspieler. Hat die Kreativität des Jobs Ihnen nie Glück bedeutet?Oh nein. Die Schauspielerei ist mein Beruf. Damit verdiene ich mein Geld, davon lebe ich. Ich genieße den Prozess des Filmens sehr, und zwar heute noch viel stärker als in den letzten Jahren. Vor der Kamera zu stehen, das ist für mich, als ob man nach Hause kommt. Bequem. Gemütlich. Vertraut. Den Prozess des Filmens brauche ich, damit mein Gehirn beschäftigt bleibt, meine Vorstellungskraft gefordert wird. Es macht mir großen Spaß, Filme zu drehen. Das Resultat ist mir, ehrlich gesagt, ziemlich egal. Sie spielen Ihre Filmrollen gern mit etwas schrägem Witz. Ist Humor ausschlaggebend bei der Wahl Ihrer Rollen?Nein, ob ich einem Film zusage, hängt von der Rolle und dem Drehbuch ab. Aber ich gebe zu, ich habe immer sehr auf den Humor geachtet. Es ist mir wichtig, dass die Rollen einen humorvollen Aspekt haben. Oder dass man selbst todernste Figuren mit einem Augenzwinkern spielt.Fällt Komik Ihnen schwerer als Tragik?Komödien sind viel schwieriger zu spielen als Dramen, das Timing muss ja genau stimmen - man muss es beim Drehen punktgenau bringen. Und dann kann man nur noch hoffen, dass der Regisseur beim Schneiden den Witz nicht vermasselt.1997 haben Sie sich mit "The Brave" selbst an der Regie versucht. Hat das Ihre Perspektive verändert?Ich habe jetzt ein tieferes Mitgefühl für alle Regisseure. Nachdem man das einmal mitgemacht hat, empfindet man anders für sie.Der Film blieb ohne Erfolg. Sind Sie nun mit dem Thema Regie durch, oder erwägen Sie, noch einmal einen Film zu inszenieren?Oh ja, es gibt da einen Film, der mich sehr reizen würde. Er heißt "It Only Rains at Night". Es ist eine kleine, seltsame Liebesgeschichte.Die Sie selbst verfasst haben?Nein. Ich wollte als Regisseur mehr Abstand haben. In "The Brave" war ich zu tief involviert. Ich habe zusammen mit meinem Bruder Danny das Drehbuch geschrieben, habe selber gespielt, Regie geführt und war auch noch an der Produktion beteiligt. Das war einfach zu viel. Es ist leichter, die Geschichte eines Anderen zu inszenieren.Würden Sie gerne mal mit Ihrer Lebenspartnerin Vanessa Paradis gemeinsam drehen?Wenn sich etwas ergeben würde, wäre das toll. Aber wir suchen nicht aktiv danach. Es ist vielleicht auch gar nicht schlecht, das getrennt zu halten. Sie macht ihre Arbeit, ich meine, und das Wichtige machen wir sowieso zusammen - zum Beispiel Kinder.Wie halten Sie Ihr Familienleben aufrecht, wenn Sie wie jetzt lange zum Arbeiten im Ausland sind?Sie sind alle bei mir. Ich würde nirgendwo hin gehen ohne sie.Bekommen die Kinder schon mit, wer ihr Vater ist?Jedenfalls sprechen wir darüber zu Hause nicht. Trotzdem passieren manchmal seltsame Dinge: Da zappt man im Fernsehen herum, und plötzlich taucht das eigene Konterfei auf der Mattscheibe auf. Ich bin richtig zusammengezuckt. Meine Tochter Lily saß neben mir, entdeckte das sofort, zeigte mit ihrem Fingerchen hin und rief fröhlich: Daddy! Inzwischen ist das sogar schon häufiger passiert. Sie hat sich fast schon dran gewöhnt. Das finde ich aber auch etwas beunruhigend. Das Gespräch führten Nina Rehfeld und Mariam Schaghaghi.------------------------------Zur Person // JOHN CHRISTOPHER DEPP II wurde am 9. Juni 1963 in Owensboro/Kentucky geboren. Der Vater verließ die Familie, als Johnny 15 war, seine Mutter hat ihn und seine drei Geschwister allein aufgezogen. Seine High-School-Ausbildung brach er mit 16 ab und tourte fortan mit seiner Band "The Kids" durch die USA.ÜBER 20 JAHRE ist Depp im Filmgeschäft. Mit "Der Fluch der Karibik" und "Irgendwann in Mexiko" landet der 40-Jährige zum ersten Mal echte Kassenschlager. Nach "Das geheime Fenster" wird Johnny Depp als Peter-Pan-Erfinder J. M. Barrie in "Neverland" zu sehen sein.DASS ER FRÜHER MIT DROGEN experimentierte, leugnet Depp nicht. Seit er mit Vanessa Paradis zusammenlebt, hat er nach eigener Aussage Alkohol und Drogen abgeschworen.DIE MUSIK WAR IMMER SCHON eine seiner großen Leidenschaften: Mit zwölf hat sich Depp allein das Gitarrespielen beigebracht. Zum Soundtrack des Films "Chocolat" hat er einen eigenen Song beigesteuert. 1983 HEIRATETE DEPP seine Freundin Lori Ann Allison, die Ehe wurde zwei Jahre später geschieden. Danach war er mit Sherilyn Fenn, Jennifer Grey und Winona Ryder zusammen. Seit 1998 lebt Johnny Depp mit der französischen Schauspielerin und Sängerin Vanessa Paradis zusammen. Das Paar hat einen Sohn und eine Tochter und lebt heute in Südfrankreich.------------------------------Foto: Unser Fotograf Christian Schulz fotografierte Johnny Depp im Hotel Kempinski in Berlin.------------------------------Foto: Johnny Depp im Film "Das geheime Fenster"