BERLIN, im Januar. Vor ein paar Tagen lief in der Berliner Volksbühne der Film "Zardoz". Sean Connery läuft darin mit einem roten Höschen bekleidet durch eine Welt, in der die meisten Menschen aufgehört haben, sich zu vermehren, weil sie nicht mehr sterben müssen. Die Männer tragen rosa Häkeloberteile und Leggins. Die Frauen sind herrisch und schön und streichen Sean Connery, der noch ein echter Mann ist, übers Brusthaar. Es gibt Filmbücher, in denen "Zardoz", der 1974 gedreht wurde, als einer der besten schlechten Science Fiction-Filme aller Zeiten bezeichnet wird. Es war voll im Saal der Volksbühne und das lag wohl daran, dass es geheißen hatte, Jonathan Meese werde eine Einführung in seinen Lieblingsfilm geben. Es war aber nur seine Stimme im Dunkeln zu hören. Sie sagte Dinge wie "Ich will das Erz der Nahrung sein, ich will das Erz sein. Bin ich denn hier, um Nahrung zu sein?" Dann sah man Jonathan Meese auf Video, ein blasser junger Mann mit sehr langem Haar.Er nannte Volksbühnenchef Frank Castorf eine Inkastatue und sagte, wie viel Respekt er vor ihm habe. Und dass es eine Fügung sei, dass er nun das Bühnenbild für Castorfs neue Inszenierung "Kokain" mache. Dann kam der Film. Man merkte den Leuten im Saal an, dass sie mit mehr gerechnet hatten. Dass Meese kommt und rumschreit vielleicht. Dass er einen Stahlhelm aufsetzt, wie in der Kunsthalle Bielefeld, Heil Hitler brüllt wie in den Berliner Kunstwerken, oder mit der Axt Dinge zerschlägt wie in New York. Seine Performances, Bilder und Installationen haben ihn in den letzten fünf Jahren zu einem der bekanntesten deutschen Künstler gemacht. Man hat ihn als faschistisch bezeichnet, als verrückt, als pubertär. Als neuen Beuys, als Scharlatan. Da gibt es bestimmte Erwartungen.Schluss mit dem Lärm.Ein paar Tage nach der Filmvorführung sitzt Jonathan Meese in seinem Atelier in Berlin-Mitte und sagt, dass es erstmal vorbei sein soll mit dem Lärm. Er will anders weitermachen, lieblicher, ohne die ganz großen Töne. Jonathan Meese ist gerade 34 geworden. Er sieht genauso aus wie auf dem Video in der Volksbühne. Nur den wilden Blick hat er nicht. Er guckt sehr freundlich, ein bisschen erstaunt und manchmal besorgt, dass man ihn nicht versteht. Das kommt vor. Jonathan Meese will verstanden werden, aber man muss schon eintreten in seine Welt, in der es Worte gibt wie "Staatsgott" und "Staatssatanismus", und in der, wenn etwas noch größer werden soll, oft ein "Erz" davor gesetzt wird. Sein Kosmos braucht eine eigene Sprache.Er redet von seiner Arbeit als Bühnenbildner für das Stück "Kokain". Am Sonnabend ist Premiere in der Volksbühne. Castorf inszeniert. "Kokain" basiert auf einem Roman aus den 20er-Jahren, es geht um Rausch, um Besessenheit. Es klingt wie ein verheißungsvolles Trio: Castorf, Meese und Pitigrilli, der italienische Autor von "Kokain". Meese sagt aber, dass ihm das Buch egal sei. Sein Bühnenbild sei eine Homage an den Film "Zardoz".Eines Tages war Bert Neumann gekommen, der Bühnenbildner der Volksbühne und hatte ihn gefragt, ob er nicht auch mal eine Kulisse bauen wolle für Castorf. Meese geht nie ins Theater, aber er hat ja gesagt. Im Grunde baut er doch immer Bühnen. Die, die ihn in den Kunstbetrieb katapultierte, stand 1998 bei der Berlin-Biennale im Postfuhramt. Ein zugemülltes Jungs-Zimmer, in dem Bilder von Klaus Kinski, Romy Schneider und Lex Barker die Wände bedeckten. Das Personal hat sich dann schnell geändert. Ezra Pound, Wagner, Caligula, Nero, Mussolini, Marquis de Sade. Aber auch Zorro, Alex De Large aus "Clockwork Orange" und Dr. No. Er schmierte ihre Namen an die Wände seiner begehbaren Installationen, wie etwas Unanständiges. Die meisten anderen jungen Künstler präsentierten Videoinstallationen, Meese baute seine Rumpelkammern, voll gestopft mit Symbolen. Er wirft Namen in den Ring, die vibrieren vor Bedeutung und schaut, was passiert. Und natürlich passiert was beim Betrachter, schließlich handelt es sich um schwere Kaliber. Böse Namen vom rechten Rand, ein paar Filmhelden, dazu ein germanisches Raunen. Man hat ihm dann vorgeworfen, dass seine Arbeit sich im Spektakel erschöpft.Er sagt, er hat nun selbst genug von den Dämonen, die ihn immer anspringen. "Ich will, dass mir jemand neue Zeichen gibt, dass jemand sagt, Jonathan, nimm doch mal das anstelle der Hitler-Fratze, das ist doch viel besser. " Seine Stimme ist jetzt lauter und aufgeregter, er reißt die Augen auf und lässt die Fingerknöchel knacken.Man kann sich nun vorstellen, wie die Nächte sind, von denen er erzählt, in denen er auf und ab geht, als ob er so den alten Obsessionen davonlaufen könnte. Fast bekommt man Angst um ihn, weil der Augenblick kommen kann, in dem der Lärm in seinem Kopf zu groß wird. Er fürchtete schon manchmal, verrückt zu werden an den Namen und Sachen, die zu ihm wollen. Er muss sie dann haben und ablegen. Er könnte sie ja noch brauchen. Seine kleine Wohnung quillt über. Jetzt hat er einem Volksbühnen-Mitarbeiter auch noch eine goldene Sänfte abgekauft und ein riesiges S/M-Kreuz mit Schlaufen, durch die Arme und Beine passen. Gut, dass so viel von seiner Kunst verkauft wird jetzt. An Sammler, an Museen. Wenn die Sachen in der Welt sind, dann bekommt er sie auch aus dem Kopf. "Das Geld ist schön, aber das wichtige ist: das alles kommt weg. " Vielleicht ist es seine Rettung, dass er doch noch Künstler geworden ist und nicht nur ein Mann, der nichts wegwerfen kann. Lange Zeit wusste er nur, dass er irgendwie anders ist. Mit zwölf erfand er Fantasieworte, mit denen er fast jede Unterhaltung bestritt. Beim Zivildienst in einer Kita, ließ er die Kinder tun, was sie wollten. Er fand das richtig so, die Erzieherinnen nicht. Mit 22 wünschte er sich von seiner Mutter einen Skizzenblock. Ein knappes Jahr später war er Student der Kunsthochschule Hamburg.1998 riefen Bruno Brunnet und Nicole Hackert von der Galerie Contemporary Fine Arts in Berlin bei ihm an. Jemand hatte ihnen gesagt, dass es da einen interessanten Typen gebe. Sie trafen sich und nach 20 Minuten boten ihm die Galeristen eine Ausstellung an. Seine Arbeiten hatten sie noch nicht gesehen. Nicole Hackert sagt, es sei ein Gefühl gewesen. "Dieser Blick, die Haltung. Uns war klar, so jemanden trifft man nicht oft im Leben. " Dann ging es schnell. Im gleichen Jahr die Berlin-Biennale, seitdem zwei dutzend Einzelausstellungen von Mailand bis New York. Die wichtigste wurde vor zehn Tagen eröffnet: In der Kunsthalle Schirn in Frankfurt.Ein Kind ist er immer noch; aber jetzt eins, das man lobt für seine Geheimsprache. Zurzeit guckt er Castorf bei den Proben zu und findet es gut, dass sein Bühnenbild, ein riesiges Holzkreuz, nur Beiwerk ist. Einmal nicht im Mittelpunkt stehen, das tue gut jetzt. Er schöpft Kraft. Die Waffen schärfen, nennt er das.BLZ/MAX LAUTENSCHLÄGER "Dieser Blick, die Haltung. So jemanden trifft man nicht oft im Leben" - eine Galeristin über Jonathan Meese.