Vor dem Besuchereingang des Berliner Landgerichts hat sich an diesem Montag kurz vor 8 Uhr eine Traube gebildet. Oliver Knaupp steht schon eine halbe Stunde in der Menschenmenge und wartet, dass sich die Tür endlich öffnet. Er weiß, dass er noch eine Stunde ausharren muss, bis es losgeht. Knaupp fällt auf wegen seines weißen T-Shirts mit blauem Aufdruck. „I am Jonny“, steht darauf. Um den Tod von Jonny K. geht es an diesem Tag in Moabit. Der 20-Jährige wurde in der Nacht zum 14. Oktober 2012 nahe des Alexanderplatzes ohne ersichtlichen Grund totgeschlagen.

„Ich kenne die Familie von Jonny“, erklärt der 30-jährige Wilmersdorfer. Er sei hier, weil er Tina unterstützen wolle, Jonnys ältere Schwester, die nach dem gewaltsamen Tod ihres Bruders den Verein „I am Jonny“ gegründet hat und nun im Prozess um den Tod ihre Bruders als Nebenklägerin auftritt.

Es war klar, dass der Andrang bei dem Prozess besonders groß sein würde. Es geht um den gewaltsamen Tod eines jungen Mannes, der von allen als sanftmütig beschrieben wird. Ein Tod, der die ganze Stadt aufgewühlt, der die Diskussion um Jugendgewalt in Berlin angefacht hat.

Es sind drei Anklagen, die der Staatsanwalt verlesen muss, weil sich die Tatverdächtigen erst nach und nach gestellt haben. Die 19 bis 24 Jahre alten Angeklagten sollen jene Nacht im „Cancun“ verbracht haben, einer Cocktailbar in der Rathausstraße in Mitte. 300 junge Leute feierten dort. Jonny K. beging zur selben Zeit im Lokal „Mio“ unterm Fernsehturm den Geburtstag zweier Freunde.

Jonny K. wollte Streit schlichten

Gegen vier Uhr früh machte sich die Gruppe um Onur U. auf den Heimweg. Die jungen Leute waren angetrunken. Auch Jonny und drei seiner Freunde verließen das „Mio“. Einer von ihnen war so betrunken, dass ihn einer der Freunde, Kaze G., Huckepack tragen musste.

Auf dem Gehweg vor den Rathauspassagen kam es zu dem verhängnisvollen Aufeinandertreffen. Als Jonny K. und seine Freunde den Betrunkenen auf einen Stuhl absetzen wollten, soll Onur U. den Stuhl grundlos weggezogen haben. Es kam zum Streit. In dieser Situation soll Jonny K. schlichtend eingegriffen haben. Doch das machte Onur U. offenbar noch wütender, er soll dem sichtlich unterlegenen Jonny K. mindestens einmal mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen haben. Dann prügelten auch die anderen Angeklagten los, heißt es.

Selbst als K. mit dem Hinterkopf auf den Gehweg aufschlug und bewusstlos liegen blieb, nahm die Gewalt kein Ende. Auch Kaze G. wurde weiter traktiert. Dann ergriffen die Schläger die Flucht.

Jonny K. starb einen Tag später im Krankenhaus an den Folgen einer Hirnblutung, ohne noch einmal das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Bei seinem Freund Kaze wurde das Jochbein und eine Handwurzel gebrochen sowie der linke Augenhöhlenboden zertrümmert.

Nicht Mord, nicht Totschlag

Drei der mutmaßlichen Täter stellten sich kurz nach der Tat. Ein vierter Beschuldigter wurde Wochen später festgenommen. Zwei setzten sich in die Türkei ab. Einer war Onur O., der am 8. April nach Berlin zurückkehrte. Das habe aber nichts mit den Ermittlungen gegen ihn in der Türkei zu tun, versichert er vor Gericht. Die Tickets für den Rückflug seien lange vor dem Zeitpunkt gekauft worden, an dem in den Zeitungen gestanden habe, dass in der Türkei wegen Mordes gegen ihn ermittelt werde. Er wolle zur Aufklärung der Tat beitragen, versichert er. Und: Jonny K. will er nicht einmal wahrgenommen haben.

Nicht etwa Mord oder Totschlag wird den sechs jungen Männer vorgeworfen. Denn wäre ein Kapitalverbrechen angeklagt, da sind sich einige Zuschauer im Saal später sicher, dann wären Onur U. und Bilal K. wohl nie aus der Türkei, dem Land ihrer Eltern, zurückgekehrt. Die Anklage lautet auf Körperverletzung mit Todesfolge, gefährliche Körperverletzung und Beteiligung an einer Schlägerei.

„Sachlich korrekt“, findet das Anwalt Mirko Röder. Die Angeklagten seien keine Totschläger. „Sie hatten keine Tötungsabsicht.“ Der Jurist verteidigt nicht etwa einen der Angeklagten, er vertritt Jonny K.s Familie. Röder sieht aber die Gefahr, dass das Ganze als eine Kneipenschlägerei abgetan werden könnte. „Es darf aber nicht sein, dass die Angeklagten aus dem Gerichtssaal kommen und erzählen, dass das alles nur ein Unfall gewesen sei“, sagt er. Es sei ganz wichtig für die Familie, dass jetzt alle mutmaßlichen Täter auf der Anklagebank sitzen.

Es wird nicht einfach sein für den Vorsitzenden Richter der Jugendstrafkammer, Helmut Schweckendieck, jedem Angeklagten die individuelle Tatbeteiligung nachzuweisen. Alle Beschuldigten sagen, dass ihnen das Geschehene unsagbar leid tun würde. Dass sie sich schämten für das, was sie getan hätten. Für das Leid, das sie Jonnys Familie gebracht hätten. Alle geben zu, an der Tat irgendwie beteiligt gewesen sein. Aber jeder beschuldigt den anderen, für die tödlichen Verletzungen von Jonny K.. verantwortlich zu sein. Doch vor allem Bilal K. wird durch seine Mitangeklagten schwer belastet.

Tina K. hat sich jede Aussage genau angehört, jedem Angeklagten dabei in die Augen geschaut. „Ich will sehen, wer für den Tod meines Bruders verantwortlich ist“, sagt sie. Es sei erschreckend für sie, die Angeklagten zu sehen: ganz normale Jungs, die nicht älter sind als Jonny.