Josef Haslingers "Opernball": Ursachen und Folgen eines Giftgas-Attentats: Heute Tokio - morgen Wien?

Dieser Opernball war besonders gut vorbereitet. Die private europäische Fernsehgesellschaft ETV berichtete live von dem gesellschaftlichen Ereignis. Politiker, Showstars und Industrielle hatten mehr als sonst ihren Ehrgeiz darein gesetzt, an diesem Abend gesehen zu werden.Doch dann ziehen grauenhafte Bilder auf den Bildschirmen vorbei: "Menschen schwanken, stolpern, taumeln, erbrechen. Reißen sich noch einmal hoch, können das Gleichgewicht nicht halten. Stoßen ein letztes Krächzen aus. Fallen hin wie Mehlsäcke. Einige schreien kurz, andere länger. Ihre Augen sind weit aufgerissen. Sie sehen, sie spüren, daß sie ermordet werden." Ein Giftgas-Attentat verwandelt die Wiener Staatsoper in eine Todeskammer - und Österreich ward seiner Führungsschicht beraubt. Polit-Thriller Alles erfunden. Ausgedacht von einem Schriftsteller an seinem Schreibtisch, von einem Österreicher gar. Doch so utopisch ist das Ganze nicht. Man braucht nicht sonderlich viel Vorstellungskraft, um zu glauben, was Josef Haslinger in seinem Roman "Opernball" schildert. Haben die Briefbombenattentate des vergangenen Jahres in Österreich nicht Repräsentanten der Gesellschaft als Adressaten gehabt? Hat nicht der gestrige Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn Hunderte Menschen dem Ersticken nahegebracht und einigen das Leben gekostet? Alles ist möglich. Josef Haslinger behandelt ein hochpolitisches Thema. Zeitungleser und Fernsehzuschauer von heute merken: Was in diesem Thriller passiert, ist zwar nicht wahr - aber wahrhaftig.Berichtet wird das apokalyptische Geschehen in der Wiener Oper von einem Fernsehreporter. Kurt Fraser, ein alter Haudegen zwischen Irak und Sarajevo, war an jenem Abend mit der Aufnahmeleitung betraut und sollte anschließend eine Dokumentation über die Katastrophe erstellen. Sein Sohn, Kameramann bei der gleichen Fernsehanstalt wie er, ist unter den Opfern. Fraser kapituliert vor der Aufgabe, und beginnt - ohne Kamera, aber mit einem Tonbandgerät - zu recherchieren, wie es zu dem Anschlag kommen konnte. Er unterbricht die Erzählung mit Ausschnitten aus seinen Interviews. Zu Wort kommen: ein Ingenieur, Mitglied der rechtsradikalen "Bewegung der Volkstreuen", die den Anschlag ausgeführt hat; ein Revierinspektor, der im Polizei-Einsatz war; ein Brot-Fabrikant und Gast des Opernballs, der nur für eine Stunde abwesend sein wollte, um seine prominente Begleiterin vom Flughafen abzuholen; und eine Hausfrau, deren Vater zu den Opfern gehört.Geschickt wird der Fluß der Informationen nach und nach erweitert, so daß die Neugier des Lesers ständig wachbleibt. Die Zeugenberichte geben Raum für Rückblenden und weiterführende Fragen. Haslinger schreibt in einem schnörkellosen Stil. Das Geschehen wird immer wieder neu durchdrungen und erhält so eine Plastizität, die diejenige des Reality-TV jenes Abends hinter sich läßt. Rolle des Fernsehens Und doch hat der Roman auch eine Schwäche: Die Personen reden alle sehr ähnlich. Selten sind sie durch Eigentümlichkeiten in der Wortwahl charakterisiert, selten unterscheiden sich Tempo und Rhythmus; wie Tonbandprotokolle lesen sich die Texte nicht. Nur Fraser hat Gelegenheit, sich mit seinen Widersprüchen zu präsentieren - als Sympathieträger (der trauernde Vater) und als hartgesottener Journalist, der stolz auf seine Kriegserlebnisse ist.Im dunkeln bleibt, wieviel die Polizei vorher von der geplanten Katastrophe gewußt hat. Ungeklärt bleibt auch die Rolle von ETV, dem - fiktiven - Nachrichtenkanal, der in Konkurrenz zu CNN und den öffentlichrechtlichen Sendern die besten Bilder aus Europa bringen will. Europas Zukunft Aus Haslingers Schilderungen ergibt sich Erschreckendes für die innere Struktur der österreichischen Gesellschaft - und nicht nur dieser. Da sind Verstrickungen mit den Nazis unaufgeklärt geblieben, da tut sich die Regierung schwer, Juden zu empfangen, denen es vor 1938 gelang, aus Wien zu emigrieren, da lehnen die Polizisten das Engagement des "Ausländerhilfsvereins" ab, weil er dokumentiert hat, wie Ausländer von den Straßen geprügelt wurden. Der Autor löst die Zusammenhänge nicht vollends auf, er setzt auf einen Leser, der kritisch weiterdenkt.Haslingers "Opernball" provoziert dazu, über nichts Geringeres als über die Zukunft Europas nachzudenken. Vor fünfzig Jahren wurde der deutsche Faschismus besiegt, in vielen Köpfen spukt er wieder oder immer noch. Die Gegner der Demokratie haben sich längst organisiert, mit Computersystemen vernetzt und ihre "Mutproben" absolviert. Sollten wir ihnen tatsächlich nicht mehr entgegenzusetzen haben als eine Polizei? Und was bedeutet die Kommerzialisierung des Rundfunks für die Politik? CNN hat die höchsten Einschaltquoten, wenn die Amerikaner in einen Krieg involviert sind. Ist es da nicht für einen Fernsehkanal verlockend, ein Attentat bei einer Veranstaltung zu organisieren, von der er die alleinigen Übertragungsrechte hat? Und warum dann nicht auch einen Krieg? Nicht auszudenken. Doch. Josef Haslingers Polit-Thriller kommt zur rechten Zeit. Josef Haslinger: Opernball. Roman. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 1995, 475 Seiten, 44 Mark. Josef Haslinger ist morgen (22. 3.) im Gespräch mit Karin Reschke im Literaturforum im Brecht-Haus zu erleben. 20 Uhr, Chausseestr. 125. +++