ZÜRICH. Man muss Joseph Blatter dankbar sein. Dieser Mann mehrt nicht nur altruistisch den Ruhm seiner Organisation, der Fifa, er leistet nicht nur unermüdlich seinen Beitrag für den Weltfrieden, nein, er nimmt sich trotz aller verzehrenden Aufgaben noch Zeit für grundsätzliche Überlegungen. Er produziert nimmermüde frische Gedanken zur Ideologie des Balls. Nun wäre es sicher übertrieben, Sepp, den Herrscher des Weltfußballs und Gebieter über 270 Millionen Erdenbürger, Qualitäten eines Sozialwissenschaftlers zuzuweisen. Doch manchmal haben seine putzig-launigen Vorträge, wenn er sich für Momente ausnahmsweise nicht am Redefluss berauscht, durchaus erhellende Momente.In einem Interview der Weltwoche berichtete er kürzlich von einer Diskussion mit Libyens Diktator Gaddafi, dessen Clan ihn stets auch bei der Stimmenbeschaffung unterstützt. Blatter jedenfalls musste Gaddafi den Plan ausreden, Fußball mit Hundert gegen Hundert spielen zu lassen, statt mit Elf gegen Elf. Solche Episoden erlebt er ständig. Und die Erlebnisse prägen so sehr, dass er auf Fragen nach einer eventuellen Mitgliedschaft der Fifa in der Uno antwortet: "Umgekehrt! Im Ernst!" Die Uno müsse der Fifa beitreten, um zu gesunden. Die Menschheit könne lernen von seinem Fußball-Konzern: "Wir bauen etwas. Wir bewegen etwas." Damit keine Missverständnisse aufkommen: Blatter glaubt an das, was er sagt.Der PrachtbauDie Botschaft jener Rede, die er am Dienstag vor der Fifa-Familie hielt, war eine höchst aktuelle, überraschend zumal. Sie lautete schlicht: In unserem Verband wurde schon immer Geld verschoben. Damit kennen wir uns seit 75 Jahren bestens aus. Natürlich hat Blatter das nicht so deutlich formuliert, eher unfreiwillig: Er erzählte die Anekdote, wie die Fifa nach Zürich kam, wo sie nun Einzug feierte in einen prächtigen, 240 Millionen Schweizer Franken teuren Bau, das Home of Fifa.1932 war es, als der damalige Schatzmeister, ein Holländer, den Gewinn aus der ersten Fußball-Weltmeisterschaft in Uruguay vor der Inflation retten wollte. Er fand den Weg in die Schweiz. Die Fifa blieb in Zürich und lernte die Verschwiegenheit Schweizer Bankiers und das schneckenhafte Tempo von staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen schätzen. Längst haben sie sich aneinander gewöhnt, die Fußballer und die Schweizer. Die Eidgenossenschaft hat ihre Gesetzgebung, nicht nur die fiskalische, weitgehend den Bedürfnissen des Weltverbandes angepasst. Weil alles so wunderbar korrespondiert in dieser unwirklichen Welt, rief der Schweizer Bundesrat Samuel Schmidt den Fußballfunktionären begeistert zu: "Es lebe die Fifa, es lebe der Fußball, es lebe der Sport!" Kurz darauf sprach ein Pfaffe auf der Bühne Gottes Segen.Ein "historischer Tag" war diese Einweihung des Prunkbaus für Blatter. "Es ist ein sehr lichtes Gebäude und schafft Transparenz. Und dafür stehen wir ja schließlich: Transparenz", flötete er. Der Donnerstag, wenn ihn das Völkchen im Amt bestätigt, wird auch wieder ein historischer Tag. Dazwischen liegt der Mittwoch, schon deshalb ein epochaler, weil ihn zwei historische Tage umgeben.Nur ein Familienmitglied stört gerade die Heiligsprechung des Großen Vorsitzenden. Es war der Schotte John McBeth, der eigentlich am Donnerstag zum Vizepräsidenten gekürt werden sollte. In seiner Vorfreude auf dieses Ereignis hatte McBeth schottische Zeitungen zu einer Interviewrunde geladen. Am vergangenen Sonntag war er selbst erschrocken, was er da so alles las: Blatter sei ein Trickser, ein windiger Zeitgenosse. In afrikanischen und karibischen Verbänden dominiere die Korruption. Jack Warner, dem dubiosen Multimillionär aus Trinidad, der einen Skandal nach dem anderen auslöst und alles mitnimmt, was sich mitnehmen lässt (Geld, Verträge, Posten), wolle er lieber nicht die Hand geben, bemerkte McBeth: Warner klaut mir am Ende noch die Finger.Der StörenfriedMan könnte argumentieren, John McBeth habe nur gesagt, was ohnehin alle wissen. Das Fifa-Exekutivkomitee gab sich am Sonntag allerdings kollektiv erschüttert. "Wie kann man so etwas sagen über Leute, mit denen man zusammenarbeiten muss", fragte Ahongalu Fusimalohi aus Tonga. Über Einzelheiten wollte er aber nicht reden. Das vermied auch Mohamed Bin Hammam, der einflussreiche Katari: "Es ist ein bizarrer Vorgang, mehr will ich dazu nicht sagen."Besonders der notorische Betrüger Warner, der unlängst erst einen Strafzoll für den millionenschweren Handel mit WM-Tickets zahlen musste, hat McBeth im Exekutivkomitee hart angegriffen und ihm Bigotterie und "Rassismus schlimmster Art" vorgeworfen: "Er hat uns alle schwer verletzt. Wir sollten ihn nach Schottland zurückschicken, wo er hingehört." Niemand unter den 24 Mitgliedern wollte sich für McBeth aussprechen, nicht einmal David Will, der Schotte, dessen Platz John McBeth eigentlich am Donnerstag einnehmen sollte. "Ich bin Anwalt, kein Kommentar", sagte Will in der Königsrunde. Was er seit fünf Jahren eigentlich immer sagt, wenn sie ihn mal etwas fragen.Seit David Will im Frühjahr 2002 mit dem damaligen Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen beim Versuch scheiterte, Blatter per Gerichtsbeschluss flächendeckende Korruptionspraktiken nachzuweisen, wird er nur noch geduldet. Nun muss er gehen, und momentan sieht es nicht so aus, als ob McBeth je seinen Posten übernehmen könnte. Der Platz des Fifa-Vizepräsidenten, der für die britischen Verbände reserviert ist, wird auf dem Kongress nicht besetzt. McBeth musste den Feierlichkeiten in Zürich fernbleiben. Mit seinen Äußerungen beschäftigt sich jetzt die Fifa-Ethikkommission, jenes bizarre Grüppchen, das gern auch Journalisten zu unerwünschten Personen in der Fifa-Familie erklärt und sich in schweren Fällen, wie etwa bei Jack Warner, stets großzügig zeigt. Wenig deutet darauf hin, dass die Ethiker unter Leitung von Lord Sebastian Coe, Boss des olympischen Organisationskomitees London 2012, diesmal ausnahmsweise gründlich arbeiten: Denn sie laufen Gefahr, den Wahrheitsgehalt von John McBeth's Äußerungen zu beweisen. Das aber ist nicht im Interesse des Auftraggebers.So werden die Krönungsfeierlichkeiten in Zürich weiter ohne größere Zwischenfälle ablaufen. Erst am Freitag könnten, wenn die meisten Delegierten abreisen, auf der konstituierenden Sitzung des neuen Exekutivkomitees brisante Personalien anstehen. Es heißt, Joseph Blatter wolle sich vom Generalsekretär Urs Linsi trennen, jenem Mann also, der 2005 in Marrakesch beim Versuch scheiterte, fehlerfrei eine Auslosung mit zwei Kügelchen durchzuziehen: Er hatte nur das Heimrecht in der WM-Qualifikation zwischen Uruguay und Australien losen müssen. Allerdings wird über Linsis Ablösung schon seit Jahren spekuliert. Derzeit gelten sein Stellvertreter Michael Schallhart und der wie Blatter aus dem Wallis stammende Gianni Infantino, der zuletzt die Uefa-Geschäfte führte, als Favoriten auf die Linsi-Nachfolge im nagelneuen Home of Fifa.Wie sagte Joseph Blatter, der Schöpfer dieser sonderbaren Welt? "Wir sind keine Demokratie. Wir suchen nicht den totalen Konsens." Aber totale Zustimmung wäre sehr schön.------------------------------"Wir sind keine Demokratie. Wir suchen nicht den totalen Konsens." Fifa-Präsident Joseph Blatter------------------------------"Es ist ein sehr lichtes Gebäude und schafft Transparenz. Und dafür stehen wir ja schließlich: Transparenz." Blatter über den neuen Fifa-Palast------------------------------Foto: Tänzchen für den König: Der Schweizer Joseph Blatter schaut sich sein Konterfei auch gern mal außerhalb von Zürich an. Zum Beispiel bei einem Besuch im indischen Kalkutta.