ZÜRICH. Es wird schon noch etwas mit dem Friedensnobelpreis, keine Frage. Joseph Blatter, der 71 Jahre alte Schweizer Fex aus dem Bergdorf Visp, tritt nun seine dritte Amtszeit als Präsident des Fußball-Weltverbandes (Fifa) an. Er bleibt einer der mächtigsten Sportfürsten der Welt. In seine nächste Amtsperiode fällt auch die WM 2010 in Südafrika, für die sich Blatter am Donnerstag auf dem 57. Fifa-Kongress wieder mächtig ins Zeug warf. "Es gibt einen Plan A und es gibt einen Plan B", verkündete Blatter. "Aber ich möchte sagen, dass wir auch im Plan B nur von einem ausgehen: Südafrika, Südafrika, Südafrika!" Und schon schmetterten die Fanfaren, wie so oft an diesem Tag.Die Fifa hat sich im Hallenstadion von Zürich auch einen neuen Slogan verliehen. Hieß es bisher immer "For the Good of the Game" (Dem Fußball zuliebe), so gehen die Gutmenschen von der Fifa nun in die Offensive und geben sich nicht mehr nur mit dem Treiben auf den Sportplätzen ab. "For the Game. For the World", lautet das neue Motto der Fédération Internationale de Football Association. Für die Welt - darunter machen sie es nicht. "Gefällt ihnen das?" rief Blatter den Vertretern der 207 Nationalverbänden zu. "Ich sage ihnen: Lächeln sie! Für das Spiel! Für die Welt!" Prasselnder Applaus. "Danke!"Das GegenstimmchenSo ging das den ganzen Tag. Es gab keine Spielverderber. Als um 14.04 Uhr Tagesordnungspunkt 15 an der Reihe war, die Wahl des Präsidenten, verließ Blatter theatralisch den Saal. Es trat auf: Don Julio Grondona, erster Fifa-Vizepräsident, ein notorischer Geschäftemacher aus Argentinien. Grondona nuschelte etwas ins Mikrofon und brachte mit Mühe zusammen, was ohnehin schon alle wussten: Freunde, es gibt nur einen perfekt geeigneten Kandidaten. Den sollten wir auch wieder zum Boss küren. So geschah es. Beifall, Applaus, und die einzige Überraschung des Tages bestand darin, dass der listige kleine Fußball-Cäsar um 14.07 Uhr nicht durch das Türchen wieder herein flutschte, durch das er die Arena verlassen hatte, sondern durch eine Pforte auf der anderen Seite. Ergriffen teilte er mit: "Ja, ich nehme die Wahl an." Alsdann überreichten ihm Kinder einen kolossalen Globus. Welch ein Symbol: Sepp schultert die Last der Welt.Götzen wie Erich Honecker oder Leonid Breshnew ließen früher Passagen vom "lang anhaltenden Beifall", bei dem sich "die Delegierten von ihren Plätzen erhoben" oder vom "lang anhaltenden Beifall mit Hurra-Rufen" ins Protokoll stanzen. Blatters Hofstaat müsste die Wahrheit über die Maßen beugen, wenn behauptet werden würde, es hätte in Zürich Ovationen gegeben. Es blieb merkwürdig ruhig im Saal. Blatter, der für Stimmungen ein unvergleichliches Näschen hat, wird es registriert haben, schließlich hatte er zuvor auch manches Gegenstimmchen gönnerhaft gerügt, etwa bei der Verabschiedung des Finanzreports (201:1) oder des neuen Finanzplans (200:1). "Da gibt es immer noch eine Gegenstimme! Egal, das ist ja hier eine demokratische Abstimmung." Gewiss.Für das Diskussionsniveau dieser Weihestunde darf der Auftritt des asiatischen Konföderationspräsidenten Mohamed Bin Hammam als prächtiges Beispiel gelten. Der Katari referierte über die Arbeit der von ihm geleiteten Entwicklungshilfe-Kommission. In diesem Goal-Programm sind bisher dreihundert Projekte in 190 Ländern verwirklicht worden. "Liebe Freunde, glauben sie nicht, dass wir noch einmal dem Schöpfer dieses Vorhabens Danke sagen sollten?", flötete Bin Hammam. Beifall. Bin Hammam zu Blatter: "Lieber Präsident, wir danken ihnen!" Und zu den Delegierten: "Sollen wir dieses Programm weiterführen?" Beifall. "Ich danke ihnen, Herr Präsident, dass sie uns diese Vision gegeben haben."Blatter bemühte sich herzhaft, das Bild von einer Herde friedlicher Fifa-Schäfchen zu zeichnen, die von der garstigen Außenwelt bedroht werde. "Wir müssen die Werte des Fußballs verteidigen gegen die Teufel, die es gibt", rief er. "Wenn wir gegen die Dämonen kämpfen, müssen wir unsere eigenen Gesetze durchsetzen und nicht darauf warten, bis uns fremde Gerichte sagen, wo es lang geht." Als Teufelswerk bezeichnete er "Doping, Korruption und Rassismus". Und weil er gleich so schön in Fahrt war, warf er dem Schotten John McBeth, der ihn als Trickser und Schlitzohr bezeichnet hatte, Rassismus vor. "Glückwunsch an die vier britischen Verbände für ihren Entschluss, eines ihrer Mitglieder zu ersetzen, das die Karibik angegriffen hat, das Afrika angegriffen hat mit verleumderischen, rassistischen Äußerungen. Das entspricht nicht unserer Ethik."Wie es um die Ethik der Fifa bestellt ist, lässt sich überzeugend an der gerichtlichen Auseinandersetzung um die Sponsorenverträge mit den Kreditkarten-Multis Visa und Mastercard nachweisen. Mit beiden hatte der Weltverband Verträge geschlossen - irgendwie blöd. Das fanden die Konzerne auch, der Fall ist vor einem New Yorker Gericht anhängig, und in den Gerichtsakten findet sich eine Fifa-interne Mail, in der gefragt wird, wie man es so aussehen lassen kann, als hätte die Fifa noch einen Funken von Geschäftsethik. Derzeit entgehen der Fifa knapp zwei Millionen Dollar Einnahmen auf Grund von eklatanten Managementfehlern und systemimmanenten Wahrnehmungsverzerrungen. Blatter erklärte seinem Völkchen dazu nur: "Es wird uns etwas kosten. Aber es wird Sie überhaupt nichts kosten." Was denn nun? "Sie müssen nichts aus der eigenen Tasche zahlen. Wir werden es woanders wieder reinholen. Wer kann da Besseres bieten?"Blatter predigte dem Fußballvolk zwei seiner Lieblingsvokabeln: Hoffnung und Liebe. Mehrmals rief er aus: "Es geht um Hoffnung und Liebe!" Seine Fußballfamilie, seine Brüder und Schwestern, sollten künftig mehr Intellekt und Herz einbringen in diese böse Welt. "Der Fußball ist oft Opfer, er wird zur Geisel gemacht von Vertretern eines bestimmten Milieus." Und natürlich von den, wie er es formulierte, "niederträchtigen Medien". Aber auch das kriegt er noch in den Griff, ganz gewiss. Er muss nur ganz fest dran glauben im Banne der Dämonen.------------------------------Kongress-BeschlüsseDie Fifa-PräsidentenRobert Guérin (FRA) 1904-1906Daniel B. Woolfall (ENG) 1906-1918Jules Rimet (FRA) 1921-1954R. W. Seeldrayers (BEL) 1954-1955Arthur Drewry (ENG) 1955-1961Stanley Rous (ENG) 1961-1974João Havelange (BRA) 1974-1998Joseph Blatter (CH) ab 1998Exekutivkomitee: Mit der Wiederwahl Blatters zum Fifa-Präsidenten wurden die neuen Vizepräsidenten und Exekutivmitglieder eingesetzt. Der Sitz Ozeaniens wurde zum Vizepräsidium für Reynald Temarii (Tahiti) aufgewertet. Weitere Vizepräsidenten: Issa Hayatou (Kamerun), Mong-Joon Chung (Korea), Jack Warner (Trinidad&Tobago), Angel Maria Villar Llona (Spanien), Michel Platini (Frankreich), Geoff Thompson (England). Zu den 15 Exekutivmitgliedern gehört nun auch Franz Beckenbauer, der den Platz von Gerhard Mayer-Vorfelder einnahm.Mitgliedsverbände: Der Verband Montenegros ist als 208. Mitglied des Weltverbandes Fifa aufgenommen worden. Die Delegierten nahmen diesen Antrag der Exekutive an.Berufungsrecht: Die Fifa hat künftig ein Einspruchsrecht beim Internationalen Sportgerichtshof (Cas) gegen verbandsintern endgültige Entscheide in Dopingangelegenheiten der Konföderationen, der Mitglieder oder der Ligen. Ein Berufungsrecht stand bisher nur der Weltantidopingagentur (Wada) zu. Der Cas in Lausanne ist die höchste und letzte Rechtsinstanz im Sport.------------------------------"Wir müssen die Werte des Fußballs verteidigen gegen die Teufel, die es gibt." Joseph Blatter------------------------------Foto: "Lächeln Sie! Für das Spiel! Für die Welt!": Joseph Blatter, seit 1998 Präsident des Fußball-Weltverbandes Fifa.