Joseph Vilsmaier hat den Erfolgsroman "Schlafes Bruder" verfilmt: Von Hör-Genuß und Hörigkeit

"Komm, o Tod, du Schlafes Bruder": Der Choral einer Bach-Kantate gab dem Roman "Schlafes Bruder" von Robert Schneider den Titel und verbindet dessen wichtigste Elemente: Schlaf, Tod - und Musik.Elias, der tumbe Held der Geschichte, scheint tot zur Welt zu kommen. Erst als Mutter und Hebamme ein "Te Deum" anstimmen, beginnt er zu schreien und hört nicht mehr auf bis zu seiner Taufe. Das Orgelspiel in der Kirche läßt ihn verstummen, fortan schreit er nicht mehr, er singt. Und das mit einer reinen Engelsstimme, die den unmusikalischen Dorfkantor so beschämt, daß er den Bub windelweich prügelt. Elias scheint nicht von dieser Welt, etwas Göttliches schlummert in ihm. Und das eskaliert, als bei den Nachbarn das Mädchen Elsbeth geboren wird. Der Junge hört schon ihr Herz pochen, bevor sie auf der Welt ist, und erlebt an einem magischen Stein ein Hörsturz-artiges Wunder: Alle Laute des Universums dringen wie eine gewaltige Sinfonie der Töne in ihn ein. Von nun an besitzt er das absolute Gehör. Und die Gewißheit, daß Elsbeth einmal die Seine wird.Doch auch deren Bruder Peter liebt Elias, und so entspinnt sich im Laufe der Jahre eine höchst seltsame Dreiecksgeschichte von Hörgenuß und Hörigkeit, von Zuneigung und Eifersucht. Zwischen all dem aber steht die Musik: Der entrückte Wunderknabe hat kein Ohr für diese Welt. Am Ende wird er dem Rat des Dorfmagiers folgen: "Wer liebt, schläft nicht "Robert Schneiders Erstlingsroman ist dem Ohr, was "Das Parfüm" von Patrick Süskind der Nase war. Literarisch wird eine sinnliche und kaum beschreibbare Wahrnehmung mit großer Fabulierkunst beschworen. Das ist der Höhepunkt im Roman, der 1992 erschien, wie im Film, der nun in die Kinos kommt. Selten sind die Möglichkeiten des Dolby-Surround-Digital-Tonsystems so genutzt worden. Gleich zweimal entfaltet sich ein orgiastischer Klangteppich: Beim Hörwunder überlappen sich Naturlaute zu einem Chaos, in der man den Wald rauschen und das Gras wachsen hört; ein einziger Wassertropfen, der auf einem Stein aufprallt, wird zum Urknall.Der zweite Höhepunkt ist das Domkonzert des erwachsenen Elias, der zum ersten und einzigen Male der Welt seine musikalische Begabung beweist. Mit seinen gewagten Variationen über den Bach-Choral bricht sich die Moderne Bahn und entfacht einen Sturm im Gotteshaus, der die Kerzen ausbläst und den Leuten die Hüte vom Kopf reißt. Auch dem Filmbetrachter werden die Ohren klirren, vorausgesetzt, er sitzt in einem technisch hochgerüsteten Kino. Wie Action-Filme von ihren Special Effects leben, so lebt "Schlafes Bruder" von seiner Tonspur: der Film zum Soundsystem.Die Bilder bleiben dabei auf der Strecke. Immerhin: Der Film, der in einem entlegenen Bergbauerndorf zu Beginn des letzten Jahrhunderts spielt, hat mit dem Heimatfilm der 50er Jahre nichts gemein, weder die menschelnde Heimeligkeit noch die bunte Postkartenästhetik. Vielmehr zeigt er düstere, karge Bilder, die Atmosphäre ist naturalistisch und stimmig, die Dorfbewohner wirken ärmlich und häßlich.Doch die Spannung, die der Ton suggeriert, kann der Film auf der visuellen Ebene nicht einlösen. Wer das Buch nicht kennt, dem bleibt das Verhalten der Protagonisten unklar. Obwohl der Film bis in die kleinsten Rollen hochkarätig besetzt ist, agieren die Figuren holzschnittartig und leblos. Andre Eisermann variiert in der Rolle des Elias instinktiv seinen Kaspar Hauser, und Dana Vavrova ist als Elsbeth mal wieder die Kindfrau, die sie seit 15 Jahren spielt. Beiden mag man das Spiel nicht recht glauben, auch Ben Becker nicht, dem Schwarzen Peter der Geschichte. Obwohl Joseph Vilsmaier die Darstellung des Unerhörten sichtlich gelungen ist, hat er doch darüber die Inszenierung der Bilder und die Entwicklung der Figuren aus dem Blickpunkt verloren. Der Regisseur ist somit selbst ein Schlafes Bruder im Geiste. Für das Verhältnis von Literatur und Film hat er immerhin ein wunderbares Gleichnis gefunden. Vilsmaier hat den Verfasser des Romans nicht nur fürs Drehbuch gewonnen, sondern auch in einer winzigen Rolle als Kutscher besetzt. Hämisch kichernd, sitzt Robert Schneider auf dem Kutschbock, doch kaum kommt er von seinem hohen Roß herunter, erhält er prompt eine schallende Ohrfeige. So wird ein Autor buchstäblich mit seinen eigenen Mitteln geschlagen. +++