Einst, in den 1920er-Jahren, wurde Berlin von mehr als 100 Tageszeitungen überschwemmt. Manchmal mit bis zu fünf Ausgaben pro Tag. Schneller als heutzutage aus den TV-Nachrichten erfuhr der S-Bahn-Passagier die neuesten großen und kleinen News aus seinem Kiez.Heute findet der Spätheimkehrer den Briefkasten abends mit journalistischen Pseudoprodukten der Werbebranche verstopft. Die lässt er in aller Regel gleich in den bereitstehenden Müllkarton fallen. So kann es passieren, dass auch manche Perle den Reißwölfen zugeworfen wird. Stadtmagazine wie die Friedrichshainer Chronik, die Prenzlberger Ansichten, die Kotti-Rundschau oder die Kreuzberger Promenadenpost."Kostenlos, aber nicht käuflich" - so definiert die Friedrichshainer Chronik ihre Existenz und vermittelt Entdeckungen rund um den Boxhagener Platz. Ein wärmendes Gefühl von Stadtseele, identitätsstiftend besonders im Kleingewerbe. "Unsere Existenz verdanken wir all den kleineren und größeren Friedrichshainer Firmen, die Werbeanzeigen schalten", sagt der Macher Thomas Heubner. 3 000 Exemplare bringt der einstige Verlagslektor und Buchautor monatlich eigenhändig an den Mann und die Frau. 32 Seiten Reportagen, Straßenhistorie, Sozialstorys, Prominentenporträts, Szenenkultur - gut gemachter Journalismus, wo nicht die Anzeigen den Text tragen, sondern der Text die Anzeigen. Vom Titelblatt der jüngsten Ausgabe lächelt Angelika Domröse. Heubner begleitet sie an die Friedrichshainer Drehorte ihres größten filmischen Erfolgs "Paul und Paula". Auch sein Periodikum hat inzwischen eine Erfolgsstory aufzuweisen: Mit dem Domröse-Titel feiert er das Erscheinen der 50. Ausgabe.Im Westen Berlins sind Stadtmagazine mehr als ein halbes Jahrhundert verwurzelt. Im Osten sind es ausnahmslos Nachwendegewächse, die Herausgeber starten fast durchweg als Idealisten. Nicht nur aus Geldknappheit, sondern auch wegen der Kontaktpflege ziehen sie es meist vor, ihre teils selbstgeschriebenen, größtenteils selbstredigierten und manchmal auch selbstfotografierten Blätter gleich selbst zu verteilen - in Supermärkten, Kinos, Fitnessstudios, Bäckereien, Restaurants, Arztpraxen, Modegeschäften. Im Westen hilft manchen dieser Umsonst-Blätter die Bindung an kirchliche Kreise oder die Verflechtung mit sozial orientierten Trägern wie der Brandenburgischen Stadterneuerungsgesellschaft mbH. Im Osten sind fast alle auf sich allein gestellt.Erfolg hat auf diesem schmalen Pfad nur, wer sich auf ein jahrelanges Geduldsspiel einlässt. Michael Steinbach, aus dem Märkischen zugewanderter Elektromonteur, tummelt sich seit 1992 in dieser publikumsnahen Berliner Medienwelt. Seine Prenzlberger Ansichten, monatlich zwölf Seiten, 22 000 Exemplare, 250 Auslegestellen, versteht er als Unikum im Kiez. Bei dem halben Dutzend Mitarbeitern setzt er Spaß am Schreiben und lokales Sendungsbewusstsein voraus. Honorare kann er kaum zahlen, es handelt sich eher um eine moralische Aufwandsentschädigung.Alltagskunde im Kiez erweist sich indessen als die beste Ingredienz dieser journalistischen Promenadenmischungen. Wo intellektueller Anspruch zu sehr durchscheint, fehlt der Milieucharme. Scheinschlag, mehr als 15 Jahre lang bohemienhaft im Künstler- und Parvenü-Milieu von Mitte und Prenzlauer Berg flanierendes Edelkiezblatt, musste das schmerzhaft erkennen und hat sich einst, im Jahr 2007, wegen Finanzierungsschwierigkeiten von seiner Leserschaft standesgemäß "in den Untergrund" verabschiedet." Mit dem herzdrückenden Appell, wachsam zu bleiben für alle Geschehnisse in dieser Stadt.------------------------------Foto: Titelbild der aktuellen Ausgabe der Friedrichshainer Chronik