Jubeln mit Joschka

Mit dem Eierwerfer hatte keiner gerechnet. "Mit Verlaub, Herr Fischer, Sie sind ein Arschloch", ruft ein vielleicht 40jähriger mit grauen, schulterlangen Haaren, und dann fliegen zwei Eier auf Joschka Fischers schwarzes Jackett. Rohe Eier, versteht sich. Der Mann hatte sich mit den Fotografen und Kameraleuten auf die Bühne gedrängelt, als Fischer am Donnerstag abend zum Wahkampfauftakt der Grünen in den Berliner "Prater" kam. Der Eierwerfer wollte Fischer offenbar aufrütteln, ihn an seine wilden Zeiten erinnern mit dem beigegebenen Satz, der ein Fischer-Zitat aus dem Jahr 1984 ist. Der Grüne hatte damals dieselben Worte an den damaligen Parlamentspräsidenten Stücklen von der CSU gerichtet, weil der seine Fraktionskollegin Christa Nikkels des Saales verwiesen hatte. Fischer nimmt die Aktion nach einer Schrecksekunde gelassen, legt bei den Sicherheitsleuten noch ein gutes Wort für den Eierwerfer ein und entfernt die Sache mit ein paar Taschentüchern.Schwer zu sagen, wann es passiert ist. Womöglich erst im Laufe dieses Jahres. Aber es scheint eindeutig: Joschka Fischer, der "Realo", hat die Herzen der Grünen erobert. Und die Partei, selbst die Berliner, hat sich in die Tatsache ergeben, daß ein grüner Wahlkampf ohne Fischer nicht halb so schön, geschweige denn erfolgreich wäre. Mehr als tausend warten an diesem kühlen Abend lange darauf, ihn endlich bejubeln zu können. "Joschka, Joschka", tönt es aus dem Saal. Fischer beginnt mit Kohl ("Überlegt mal, sechzehn Jahre Neujahrsansprache !") und Jubel schwillt an. Und er endets mit Kohl ("Wir kennen sein Verfallsdatum, es ist der 27. September"), Begeisterung im Saal. Die meiste Zeit jedoch redet Fischer über die grünen Sofortvorhaben nach der Wahl, über Arbeitsplätze, eine Ausbildungs-umlage für Unternehmen, über ein neues Staatsbürgerschaftsrecht, über mehr demokratische Rechte, über eine andere Verkehrspolitik. Fischer läßt nichts aus. Auch nicht die "Fehler", die die Grünen im Wahlkampf gemacht hätten. "Fünf Mark Benzinpreis" in ein Wahlprogramm zu schreiben, sei falsch gewesen, sagt er. Doch sei er "zutiefst" davon überzeugt, daß es ohne eine Verteuerung der Energie nicht gehe.Seine Anhänger klatschen dankbar. Dafür, daß er sie aus dem selbstgemachten Benzinpreis-Tief wieder herausgeholt hat. Aber auch dafür, daß er sich offensiv zur grünen Programmatik bekennt. Es ist kurz vor Mitternacht, als Fischer im "Prater" endet, die Grünen feiern sich selbst, mit Luftballons und dem "Countdown drei, zwei, eins, tschüß Helmut!", der Eierwerfer ist vergessen, aber es war vielleicht ganz gut, daß er da war. Wer wüßte sonst nach diesem Abend, daß es bei den Grünen auch noch militante "Fundis" gibt.