PRIZREN/PRISTINA, 13. Juni. Auf diesen Moment hat der Kosovo-Flüchtling Astre Maloku seit zwei Monaten gehofft. Der 30jährige Anglistik-Student aus Prizren steht in einer jubelnden Menschenmenge seiner Heimatstadt und umarmt unter Tränen einen Nachbarn, den er gerade auf der Straße getroffen hat. "Das ist so wunderbar, das kann man gar nicht beschreiben", sagt Maloku. Immer wieder schütteln sich die beiden Freunde die Hände.Der hochgewachsene junge Mann ist mit uns aus Albanien nach Prizren gekommen, nachdem die ersten deutschen Einheiten der Kfor-Schutztruppe den Grenzübergang bei Morina am Sonntag vormittag besetzten und vier Stunden später die Straße nach Prizren für Journalisten freigaben. "Ich fühle mich wie neugeboren", sagt Malokus Nachbar gerade, als plötzlich Beifall in der Straße aufbrandet. Die Menschen in der historischen Altstadt von Prizren, es mögen Hunderte, ja Tausende sein, rufen "Nato, Nato" und formen mit erhobenen Händen das Victory-Zeichen. Sie schwenken weiße Fahnen und amerikanische Wimpel. Da kurvt um die Straßenbiegung eine Kolonne von etwa zwanzig italienischen Panzern und einigen Begleitfahrzeugen.Auf vielen liegen gelbe oder rote Rosen, es regnet Bonbons; und auch die Panzerfahrer lachen und weinen und schwenken die Arme, ganz wie die Menschen, die um sie wogen und die am liebsten jeden einzelnen Befreier in die Arme nehmen und abküssen würden. So wie sie es mit den ersten Albanern und Journalisten tun, die im Gefolge der Italiener erscheinen. Da trommeln sie auf die Autodächer, wie damals beim Fall der Mauer in Berlin; wer wäre nicht zutiefst bewegt. "Viva Italia" und "Es lebe Deutschland" rufen sie."Onkel, Onkel!"Es ist einer jener Augenblicke, in denen die Zeit für einen Moment stillsteht und dann plötzlich neu zu ticken beginnt. "Onkel, Onkel!" ruft Astre Maloku, als wir wenig später vor dem Haus seiner Verwandten halten, einem Einfamilienhaus in einem grünen Viertel von Prizren. "Wie geht es dir, was machen die Cousinen?" Der kosovo-albanische Student wischt sich immer wieder die Tränen aus den Augen; herzergreifende Szenen spielen sich ab, als auch eine Freundin seiner Tante in der Tür steht, eine alte Frau, die aus einem Dorf bei Suareca in der Nähe von Prizren stammt und in der Provinzhauptstadt Zuflucht vor den Serben gesucht hatte. "Ach Junge", sagt sie und kann ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.Astre Maloku schaut sich um. "Da ist ja mein Auto!" ruft er plötzlich strahlend, "alt, aber gut, das wollten die Serben wohl gar nicht haben!" Der junge Kosovare stammt aus einer angesehenen Familie in Prizren. Sein Vater besaß ein Lebensmittelgeschäft und ein Kebap-Restaurant. Die gesamte Familie floh am 5. April aus der Stadt, weil alle wußten, daß sie ganz oben auf der Verfolgerliste der Serben standen."Mein Vater war ein politischer Aktivist", erzählt Astre Maloku, "und wir haben unser Haus an die OSZE vermietet es war klar, daß die Serben uns jagen würden." Ein Serbe, Bekannter der Familie und ein hoher Beamter bei der Polizei, hatte sich angeboten, sie für 6 000 deutsche Mark sicher über den Grenzübergang Morina nach Albanien zu bringen. Familie Maloku zahlte, hatte zwei Stunden Zeit, um ihre Sachen zu packen, und fuhr mit 21 Personen, einigen Jeans und T- Shirts und ein wenig Geld ins Exil."Ich hoffe sehr, daß niemandem von meinen Freunden etwas zugestoßen ist", sagt der Student nun, als er glücklich im Garten seiner Verwandten sitzt und schwarzen Kaffee trinkt. Wie wohl alle Kosovo-Albaner glaubt er, daß sein Volk "nach all dem Blutvergießen" nicht mehr in Frieden mit den Serben zusammenleben könne. Die serbischen Kosovaren fürchten die Rache der Sieger. Noch kann es Astre Maloku nicht wagen, in seine eigene Wohnung zu gehen, die in einem überwiegend von Serben bewohnten Neubauviertel am Rand der Innenstadt von Prizren liegt.Dort herrscht am Sonntag jene Verzweiflung, die monatelang an den Grenzübergängen aus dem Kosovo zu beklagen war. Auf allen Zufahrtswegen der sechs- bis achtstöckigen Bauten schleppen serbische Familien ihre Habseligkeiten in die Autos; sie werden nun ebenso außer Landes fliehen wie zuvor ihre albanischen Nachbarn. Sie werden ihrer geschlagenen Armee folgen, die sich am Stadtrand und in einigen Dörfern außerhalb von Prizren sammelt, um sich dann nach Serbien zurückzuziehen.Es waren harte Gesichter, in die wir am Rand der Straße von Morina nach Prizren blickten. Stille lag über dem Land, keine Kuh, kein Schaf, keine Ziege und viele Fenster waren leere Höhlen. Hin und wieder lagen Betonsplitter auf der Straße, und auf den Feldern sahen wir tiefe Krater.Manchmal hatten die Nato-Bomben schwarze Löcher in die Wälder auf den Hängen gebrannt. Wir passierten eine Tankstelle, die nur noch aus verkohlten Stahlskeletten bestand, wir sahen eine quasi pulverisierte Betonteilfabrik und zahlreiche Traktoren, wie sie die Bauern im Kosovo nutzen, im Straßengraben.Dennoch waren die hübschen neuen Häuser der Kosovaren in dieser Grenzregion zwar leergeräumt und beschädigt, aber sie standen noch. "Das war mal ein gutes Fischrestaurant", sagte Astre Maloku, als wir an einem von Vandalen zerstörtes Haus vorbeifuhren. In der unheimlichen Stille, durch die am Nachmittag der Konvoi der Journalisten und später die gewaltige Kolonne der deutschen "verstärkten Einsatzbrigade" aus Albanien rollte, sammelten sich serbische Einheiten von Armee, den gefürchteten Einheiten des Innenministeriums und der paramilitärischen Verbände. Meist junge Leute, die erschöpft oder haßerfüllt die Kolonne der einrückenden Verbände beobachteten, schwer bewaffnet, aber nicht mehr in militärischer Ordnung.Immer wieder überholten wir Lastwagen oder sogar Traktoren, die auf ihren Anhängern Munitionskisten und Kanonen transportierten, um sie der Nato nicht in die Hände fallen zu lassen. "Das ist der wohl schwierigste Teil unserer Mission", sagte der deutsche General Helmut Harff zur möglichst friedlichen Übernahme des Kosovo aus den Händen der Serben. Harff, der mittags mit dem Hubschrauber am Grenzübergang Morina landete, um sich dort über die Lage zu informieren, äußerte sich zufrieden über den bisherigen Verlauf der Kfor-Mission und speziell auch der deutschen Operationen: "Bisher läuft alles nach Plan."Der historische Moment vollzog sich an diesem Grenzposten bei strahlender Sonne. Gegen 12 Uhr mittags begann in Morina die erste militärische Operation einer bundesdeutschen Armee seit dem Zweiten Weltkrieg. Mit drei Schützenpanzern rücken die ersten deutschen Einheiten der Kosovo-Schutztruppe Kfor zum Grenzposten vor, wo sie auf der anderen Seite auf ein Vorauskommando trafen, das der Bataillonskommandeur Fritz von Korff aus Prizren geschickt hatte, wo die Deutschen bereits in der Nacht zum Sonntag eingerückt waren."Heute nacht habe ich kein Auge zugetan", sagte der 31jährige Hauptmann Stefan Kirchhof aus Bielefeld, der dort mit seinen Kameraden die Grenze sicherte, damit während des deutschen Einmarsches keine Kosovo-Flüchtlinge über die Straße nach Pristina zurückströmen konnten. "Ich gehörte zur ersten Truppe, die reingegangen ist", sagte Kirchhof, "wir sorgen hier dafür, daß keine Kosovo-Albaner auf Serben treffen und vielleicht ein Drama passiert."Die Jugend tanztVon Mazedonien aus marschieren etwa zu dieser Zeit britische Einheiten in den Kosovo ein. Wo in Skopje die vierspurige Ausfallstraße zur Stadt hin immer enger wird, kommt der britische Konvoi durch ein Slumviertel, das teils von Albanern, teils von Roma bewohnt wird. Dort drängen sich zu Hunderten barfüßige Kinder auf die Fahrbahn, recken die Hand zum V-Zeichen und rufen "Nato, UCK, Nato, UCK". Das säuberlich umzäunte Flüchtlingslager Stenkovac, das am Weg zur jugoslawischen Grenze liegt, wird von der Begeisterung einfach gesprengt: Die ganze Nacht steht die Jugend auf der Straße, tanzt, singt, reckt die Arme. Nach der Einfahrt ins Kosovo dann auf einmal eine unheimliche Stille. An den Hängen oben sind wenige Häuser auszumachen, die Fensterläden sind geschlossen. Der Grenzort Djeneral Jankovic, der demnächst wohl wieder den albanischen Namen Han i Elezit tragen wird, ist teils zerstört, teils nur geplündert, auf jeden Fall aber ganz menschenleer. Wer es schafft, das Dröhnen der Motoren aus den Ohren auszufiltern, hört hier, in der idyllischen Schlucht, nur Vogelgezwitscher. Dann Kacanik, der Ort, an dem der Konvoi über eine Umgehungsstraße an der anderen Talseite vorbeifährt. Kein Haus ist zerstört, auf den Leinen hängt zum Teil noch die Wäsche. In der Ortsmitte reckt sich das Minarett. Die Gurkhas haben Minendraht gespannt, so daß man dem leblosen Postkartenmotiv auch nicht näher kommen kann. Hinter Kacanik öffnet sich das Tal; die Schnellstraße führt kaum durch Orte. Aber nur wenige Kilometer nach der verlassenen Stadt haben sich die ersten Albaner am Straßenrand eingefunden: Männer, Frauen, Kinder winken begeistert, lachen auch noch dem tausendvierhundertzwölften Armeelaster glücklich zu. Junge Mädchen machen sich einen Spaß daraus, mit den vorbeifahrenden Soldaten einen schmerzhaften Schlag auf die Handfläche zu tauschen. Schulkinder haben mit Kuli ein Schild gemalt, auf dem "Welcome Nato" steht und halten es den Ungetümen feierlich entgegen. Ein Bauer reckt die Schaufel und strahlt. Die UCK kommt in den Sprechchören nicht mehr vor; vielleicht traut man sich das noch nicht, vielleicht spielt die Befreiungsarmee im Bewußtsein der Übriggebliebenen auch nicht die große Rolle. Die Dörfer sind, soweit man sie von der Straße aus sehen kann, intakt, nur einzelne Häuser sind gründlich gesprengt. Aber an der Straße von Kacanik an Ferizaj vorbei nach Pristina kann man auch andere Bilder sehen. Über eine Straßenbrücke kreuzen drei jugoslawische Armeefahrzeuge den Weg des Konvois; der erste läßt eine riesige rot-weiß-blaue Fahne flattern. An einer Tankstelle stehen noch einmal ein paar Wagen der Jugo-Armee. Neben ihnen parkt mit der Schnauze nach Norden ein Flüchtlingstrekker mit dem typischen Anhänger, voll beladen mit Taschen, Koffern, Plastiktüten und Matratzen; seine Passagiere haben sich vor der anrückenden Nato ins Cockpit eines jugoslawischen Armeelasters geflüchtet. Serben fliehen; wie viele von ihnen, läßt sich nicht einmal ahnen.An einer weiteren Tankstelle kurz vor Pristina haben drei britische Panzer Stellung bezogen. Der serbische Pächter steht reglos und mit verschränkten Armen vor seinem Häuschen und schaut dem Militärkonvoi zu. Die Angst steht dem Mann ins Gesicht geschrieben. Auf serbisch angesprochen, stellt er ohne ein Wort eine Flasche Branntwein auf den Tisch und lädt zum Begrüßungstrunk wie ein Indianer zur Friedenspfeife. Bevor man nach Pristina kommt, führt die Straße über eine Anhöhe; oben angekommen, breitet sich plötzlich das Panorama der Stadt vor uns aus.Der Himmel hat sich vor Pristina verdüstert. Als die ersten Armeefahrzeuge die Höhe passieren, zucken Blitze, und starker Regen setzt ein. Was vom Konvoi übriggeblieben ist, macht noch einen Bogen um die Stadt und biegt in Richtung Flughafen ab. Wer weiter fährt, kommt in eine ganz andere Welt. An der Sykline hat sich nichts verändert. Die vielen Hochhäuser, die hier in den siebziger Jahren gebaut wurden, stehen unbeschädigt da. Die albanischen Geschäfte in der Innenstadt sind sämtlich geplündert, die Scheiben sind eingeschlagen, aber abgebrannt sind sie nicht. Kaum ein Mensch ist auf der Straße zu sehen, und wenn, dann trägt er meistens die Uniform der serbischen Polizei oder der jugoslawischen Armee.In den Straßen parken Autos mit durchstochenen Reifen und zerschlagenen Scheiben, die offenbar seit Wochen nicht bewegt wurden. Über den Vidovdan-Boulevard fahren mit hoher Geschwindigkeit zwei jugoslawische Panzer, ein weiterer blockiert die Abzweigung zu einer Straße, in der früher die schönsten albanischen Cafés waren.Verbrannte HäuserIm Hotel Grand, dem kulturellen Zentrum der serbischen Community, hat sich kaum etwas verändert; vor dem Haus stehen wieder ein paar vierschrötige Männer und schauen, was passiert. Kein Albaner traut sich auf die Straße. Fährt man von der Innenstadt hinauf in die Peripherie, ändert sich das Bild wieder: hin und wieder verbrannte Wohnhäuser und gar kein Lebenszeichen mehr: nirgends Licht, Haustüren stehen offen. Daß mit den ausländischen Journalisten zum erstenmal seit dem 24. März wieder in größerer Zahl Ausländer hergekommen sind, quittieren die wenigen Serben mit galliger Ironie. Es wird ständig irgendwo geschossen; für den Begrüßungssalut ist offenbar noch genug Munition vorhanden. "Herzlich willkommen", sagt ein Soldat im Vorbeigehen. Noch ist keine Frage, wer hier das Sagen hat.Auf der Straße von Pristina nach Mitrovica kommt man nach ein paar Kilometern zum Schauplatz der Schlacht auf dem Amselfeld von 1389, an die ein turmartiges Denkmal erinnert. Für die Nationaltouristen ist dort ein Dorf entstanden, das den Namen Obilic trägt. Rechts und links der Straße brennt je ein Haus. Die wenigen Albaner, die hier gelebt haben, sind offenbar nicht willkommen. An der Straße nach Pec liegt Kosovo polje, eine fast rein serbisch bewohnte Nachkriegssiedlung. Im Hotel ist für Ausländer kein Zimmer frei. An der Hauptstraße steht ein betrunkener Soldat und hält die Autos an. Freischärler mit Kokarden in den serbischen Nationalfarben patrouillieren mit der MP in der Straßenmitte. "Na, Kamera dabei? Fotoapparat?" fragt einer aus einem Dreiertrüppchen lachend. Als wir freundlich verneinen, gehen sie ihrer Wege.Unter denen, die hier die Straße beherrschen, hat sich Volksfeststimmung breitgemacht; jedenfalls sehen sie nicht aus wie jemand, der gerade einen Krieg verloren hat. Die Nato will Pristina am Dienstag nehmen. In einem ersten Telefongespräch mit dem britischen General Mike Jackson hat der serbische Stadtkommandant abgeraten, sofort in die Stadt zu fahren. Es drohe ein "Verkehrschaos", hat er gemeint. Der Nato-General hat sich überzeugen lassen.