Um Menschen aus Ungarn zu treffen, muß man nicht bis zum Plattensee fahren. Seit 150 Jahren leben "Magyaren" in Berlin. Am Sonnabend feiern sie dieses Jubiläum mit einem Ball im Schöneberger "Pallast": Der ungarische Botschafter wird da sein, die Tanzgruppe "Piroschka" und Köche, die extra aus der Heimat kommen.Etwa 6 000 Ungarnstämmige wohnen in Berlin. In zwei Vereinen pflegen sie ihre Sprache und Kultur, laden ungarische Künstler ein und organisieren Vorträge. Es kamen auch schon deutsche Politiker zu den Vereinstreffen, die sich besonders für Ungarn interessieren: Lothar de Maiziere (CDU) und Regine Hildebrandt (SPD) gehörten dazu. Allerdings zählen die Vereine nur etwa 140 Mitglieder. "Leider kommen immer weniger junge Leute zu uns. Denn die sind meist hier geboren und fühlen sich als Deutsche", sagt Albert Gyöngyösi, der Ehrenvorsitzende der "Ungarischen Vereinigung". Von Studenten geprägt Im 19. Jahrhundert sei das anders gewesen. "Da haben die Studenten maßgeblich das kulturelle Leben bestimmt", erklärt Gyöngyösi. Sogar eine Art Reiseführer mit Tips über Berlin sei damals entstanden, um nachfolgenden Landsleuten das Einleben zu erleichtern. Mit der Geschichte der ungarischen Gemeinde kennt sich der 70jährige Ehrenvorsitzende gut aus. Er sammelt Dokumente und will ein Buch über den ersten Ungarn-Verein in Berlin schreiben.Der Verein war im Jahre 1846 von Handwerkern gegründet worden. Ein paar Jahre später übernahmen jedoch Studenten und Adlige die Leitung, die nach der Revolution aus Ungarn geflohen waren. Einige der Studenten machten später Karriere: Istvan Tisza war in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts Mitglied des Vereins und wurde 1913 ungarischer Ministerpräsident. Ödön Lechner kehrte als Architekt in sein Heimatland zurück und entwarf mehrere Gebäude in Budapest. Und aus Ignacz Goldzieher wurde ein anerkannter Gelehrter für orientalische Sprachen. Berühmtestes Ehrenmitglied war Franz Liszt, der sich 1877 schriftlich für die Aufnahme bedankte. "Das Verhältnis zwischen den Ungarn und den Berlinern war meist gut. Schließlich hatten viele von ihnen deutsche Frauen geheiratet", weiß Gyöngyösi. Er selbst lebt seit 1965 in Berlin. Denn auch er ist mit einer Deutschen verheiratet. Ein Beispiel für das gute Einvernehmen der Berliner Ungarn mit den Deutschen: Im Jahr 1866 bildete sich in der Stadt eine "Ungarische Legion", die mehrere hundert Mann umfaßte. Sie wollte Bismarck im Kampf gegen Österreich unterstützen; die Ungarn trugen preußische Uniformen. Ironie der Geschichte: Bevor die Legionäre zum Einsatz kamen, hatte Bismarck Österreich schon in der Schlacht von Königgrätz besiegt.Nur einmal seien die Berliner verstimmt gewesen: Nach dem Ersten Weltkrieg sollen ungarische Adlige rauschende Feste gefeiert und sich arrogant benommen haben. Im Ungarn-Verein konnte sich eine Fraktion durchsetzen, die die Adligen in ihre Schranken verwies. "Die Gruppe schrieb damals fünf Gebote auf, wie sich Ungarn in Berlin verhalten sollte", erzählt Gyöngyösi. Die zweite Regel lautete: "Sei stolz darauf, Ungar zu sein. Sei selbstbewußt, aber nie unhöflich!"Mit der Teilung Berlins im Jahr 1961 änderte sich auch das Vereinsleben: Im Westteil führte die "Ungarische Kolonie" die Tradition fort; im Ostteil wurde das staatliche "Haus der Ungarischen Kultur" eröffnet. Enge Zusammenarbeit Seit 1989 gibt es auch im Osten der Stadt die unabhängige "Ungarische Vereinigung", die mit der "Ungarischen Kolonie" eng zusammenarbeitet. Auf den Jubiläumsball am Sonnabend, sagt Gyöngyösi, freue er sich schon sehr. "Nur Csardas tanzen werde ich nicht mehr. Das ist mir zu anstrengend!" Bernhard Lill +++