Wenn sich eine Band Wir sind Helden nennt, beweist sie Selbstbewusstsein und Selbstironie. Die Frage "Warum heißen die so?" beantworten sie auf ihrer Homepage so: "Weil Helden groß sind. Und ganz klein. Furchtlos, romantisch. Zu visionär, um sich selbst die Schnürsenkel zu binden." In Wirklichkeit haben sie ihre Schnürsenkel fest zugebunden und sind gerannt. Einen kräftigen Schub verpasste ihnen eine, die früher für sie selbst eine Heldin war: Nena. "Mit acht Jahren habe ich mich als Nena verkleidet", erzählt Sängerin Judith Holofernes. Beim "Tip"-Jubiläum im Sommer traten die Helden vor Nena auf und wurden von ihr "adoptiert", wunderte sich Judith. Nena kaufte eine Hand voll ihrer T-Shirts mit dem Aufdruck "Guten Tag, wir sind Helden", trug die Hemden überall und holte die Musiker als Vorband für ihre Tour. Danach strömte das Publikum auch zu den eigenen Auftritten. Der Rote Salon war am Sonntag bei der Record-Release-Party jedenfalls überfüllt.Judith Holofernes ist in Berliner Clubs keine Unbekannte. Einige Jahre lang trat sie mal solo, mal mit wechselnden Begleitern auf, spielte Songs wie "Afroamerikanerküsse" zur Gitarre und träumte in einem Lied schon mal vom Leben als "Popstar". Obwohl sie sich mit ihrem Künstlernamen Judith Holofernes männermordend gibt - in der Bibel schlug Judith dem Feldherrn Holofernes den Kopf ab - suchte sie feste Mitstreiter und fand sie vor zwei Jahren bei einem Pop-Kurs in Hamburg. Zwar finden Keyboarder Jean-Michel Tourette und Trommler Pola Roy diesen Ort der Heldengründung heute "uncool". Doch natürlich sind sie froh, sich gefunden zu haben. Bassist Mark Tavassol, der als Einziger seinen richtigen Namen trägt, stieß diesen Sommer dazu. Treffpunkt ist bis heute Judiths Kreuzberger Zweizimmer-Wohnung, wo ihre Jungs, die noch in Hannover und Freiburg wohnen, nächtigen. Praktischerweise teilt die Sängerin mit Schlagzeuger Pola das Bett. Aus Judiths Lagerfeuermusik wurde Heldenmusik. Das spielerische Liedchen vom "Popstar" wird heute mit einem Keyboard-Intro eröffnet. Für alle, die es genau wissen wollen, haben die Helden ihren "Synthie-Punk-Pop" wissenschaftlich zerlegt: Ihre Musik setzt sich zusammen aus 28 Prozent Synthie, 34 Prozent Punk und 38 Prozent Pop. Die Mischung aus Witz und Herz beweist Judith auch in den Texten. In "Reklamation" etwa will sie das wahre Leben gegen die Warenwelt zurücktauschen. Schon in ihrem Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation engagierte sie sich für Werbekritiker wie die "Adbusters", die Spots verhöhnen und weltweit am 30. November einen Kauf-Nix-Tag organisieren. Auch bei anderen Ansinnen verweigert sie sich. So legten ihr wohlmeinende Berater nahe, sie sollte doch auf diese drei Kerle verzichten, schließlich könne sie den "Popstar"-Traum allein verwirklichen. Natürlich steht die Sängerin im Mittelpunkt, wenn sie mit ihrem Sexappeal das Publikum anmacht und ihre "Bratz-Gitarre" bearbeitet. Aber neben ihr rockt Jean-Michel Tourette wie ein Irrer mit seinem tragbaren Keyboard los, und hinten eifern Mark und Pola den beiden Vorderleuten nach. Erst zu viert sind die Helden richtig stark.Foto: NEXT Weil der Bandname Helden schon vergeben war, behaupten Jean-Michel Tourette, Judith Holofernes, Pola Roy und Mark Tavassol (v. l. ) eben: Wir sind Helden.