Nach dem Anschlag auf den Jüdischen Friedhof an der Charlottenburger Heerstraße am Sonnabend sucht der Staatsschutz jetzt nach dem Fahrer eines dunklen Autos. Der Pkw war gegen 19.50 Uhr in der Einbahnstraße Angerburger Allee entgegen der Fahrtrichtung unterwegs und dabei mehreren Zeugen aufgefallen.Zehn Minuten zuvor hatten unbekannte Täter einen mit Sprengstoff gefüllten Metallbehälter über die Mauer des Friedhofs geschleudert. Der selbst gebaute Sprengsatz detonierte im Innenhof. Durch die Explosion wurden mehrere Fenster der Trauerhalle sowie des angrenzenden Bürogebäudes zerstört. Menschen wurden nicht verletzt. Die Polizei stellte Teile des Metallbehälters sowie zerbrochene Vasen und Putzreste der Gebäude sicher. Die Höhe des Sachschadens ist noch nicht geklärt. Die Explosion war mehrere hundert Meter weit zu hören. "Zuerst dachte ich, es sei ein abgestürztes Flugzeug", sagte Anwohnerin Helga Wishiewska. Nach Polizeiangaben entsprach die Sprengwirkung der Detonation von 100 Gramm TNT. "Der Täter hätte dadurch getötet werden können", sagte der Leiter des Landeskriminalamtes, Peter-Michael Haeberer.Bekennerschreiben erwartetDie Polizei prüft derzeit einen Zusammenhang zwischen dem Anschlag auf den Jüdischen Friedhof und der Schändung des sowjetischen Ehrenmals auf dem Städtischen Friedhof in Marzahn. Dort waren ebenfalls am Sonnabend an dem Denkmal schwarze Hakenkreuze entdeckt worden.Der Staatsschutz geht davon aus, dass Mitglieder der rechten Szene auch den Anschlag in Charlottenburg verübt haben. Jedoch seien möglicherweise auch arabische Organisationen für den Charlottenburger Anschlag verantwortlich, sagte ein Beamter. Ein Bekennerschreiben sei bisher noch nicht eingegangen. "Damit rechnen wir in den nächsten Tagen." Dennoch dämpften Polizisten am Sonntag die hohen Erwartungen an einen schnellen Ermittlungserfolg. Denn der Sprengstoff-Anschlag auf das Grab des früheren Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Heinz Galinski, im Jahr 1998 ist ebenfalls noch nicht aufgeklärt. Mittlerweile seien die Chancen, die Attentäter zu finden, gleich null, sagte ein Polizist. "Da hilft uns nur noch der Zufall."Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) äußerte sich am Sonntag bestürzt über die Tat. "Das ist ein schändlicher Anschlag", sagte er am Rande der Haushaltsklausur. Auch bei prominenten Mitgliedern der jüdischen Gemeinden sorgte der Anschlag für Entsetzen. "Das ist ein feiger Akt der Barbarei", sagte der Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Michel Friedman, der "Berliner Zeitung". Die Störung der Totenruhe sei im Judentum das schlimmste Vergehen. "Ich verlange schnelle Aufklärung und harte Strafen, auch um mögliche Trittbrettfahrer abzuhalten", forderte Friedman. Er erinnerte daran, dass es bundesweit in diesem Jahr bereits mehr als 20 Schändungen von jüdischen Friedhöfen gegeben habe.Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Alexander Brenner, warf Teilen der deutschen Medien vor, den Nahostkonflikt zu nutzen und durch die Berichterstattung zu einer "aufgeheizten Atmosphäre" beizutragen. Jüdische Einrichtungen seien derzeit besonders gefährdet. Deshalb handele es sich bei den Anschlägen um eine "neue Qualität antisemitischer Vorfälle"."Erschüttert" zeigte sich der bekannte Autor Rafael Seligmann: "Man muss als Jude Angst haben, wieder in diesem Land zu leben." Doch Juden dürften sich nicht "unterkriegen" lassen. Seligmann appellierte, sich gegen solche Taten zur Wehr zu setzen. Es gehe nicht nur um Juden - letztlich würden auch Ausländer, Behinderte, Homosexuelle angegriffen. "Solche Anschläge sind ein Angriff auf die Menschlichkeit, auf den Frieden", sagte Seligmann."Das ist entsetzlich"Der Geschäftsführende Direktor der "Stiftung Topografie des Terrors", Andreas Nachama, hatte sich am Sonntag persönlich ein Bild über das Ausmaß der Zerstörung gemacht. "Ein Bild der Verwüstung. Das ist entsetzlich", sagte der frühere Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Auf dem Friedhof ist auch Nachamas Vater, Gemeindekantor Estrongo Nachama, beigesetzt.Meist gibt es keine Spur zu den Tätern // Im Dezember 1998 war bei einem Sprengstoffanschlag auf dem Jüdischen Friedhof am Charlottenburger Scholzplatz die Grabplatte des früheren Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Heinz Galinski, zerstört worden. Die Täter entkamen. Seitdem gelten für jüdische Friedhöfe erhöhte Sicherheitsanforderungen.Im Oktober 1999 waren auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee, dem größten jüdischen Friedhof in Europa, 103 Grabsteine zerstört worden. Auch in diesem Fall blieben die Ermittlungen des Staatsschutzes bis heute ohne Ergebnis.Im Oktober 2000 waren Fensterscheiben der Synagoge am Kreuzberger Fraenkelufer zerschlagen worden. Die Polizei nahm unter Tatverdacht einen jungen Araber fest, musste ihn jedoch wieder freilassen.Das Mahnmal an der Moabiter Putlitzbrücke ist wiederholt mit neonazistischen Symbolen beschmiert worden. Die Täter entkamen.DPA/KRUMM Auf dem Friedhof Marzahn sind Grabsteine und das sowjetische Ehrenmal beschmiert worden.