GÜSTROW, im April. Ein johlender Mob, Brandbomben, die gegen ein Haus fliegen, darin eingeschlossen, im Dunkeln, 140 Menschen, die am Rauch zu ersticken drohen und verzweifelt hoffen, dass die Polizei ihnen endlich hilft. Rund tausend Meter entfernt die Einsatzzentrale, darin ein Mann, seit vierzig Stunden auf den Beinen, der sich mit Kaffee und Zigaretten wach hält und nur noch denkt: "Verdammt noch mal, warum lassen mich alle hängen?" Seit ihn das Schweriner Landgericht im letzten Prozess um die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen als Zeugen gehört hat, "seitdem sind die Bilder wieder da", sagt Polizeioberrat Jürgen Deckert. "Die Gedanken. Die Angst." Er wird die drei Tage im August 1992 nie vergessen, als in Lichtenhagen bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten. Als rechte Randalierer das Ausländerheim unter dem Beifall tausender Anwohner mit Steinen und Brandbomben bewarfen. "Und ich war der Sündenbock für das Unvermögen und die Fehler anderer", behauptet Deckert.Der Sündenbock. Jürgen Deckert lässt das Wort nicht stehen, er redet hastig darüber hinweg, es ist sein Weg, mit dem Trauma umzugehen. Reden, erklären, rechtfertigen. "Ja, ich habe Fehler gemacht. Aber ich bin nicht als Einziger schuld. Und schon gar nicht der Hauptschuldige." Jürgen Deckert, fünfzig Jahre alt, ist heute Dozent für polizeiliche Taktik an der Fachhochschule für Verwaltungsrecht im mecklenburgischen Güstrow. Ein starker Raucher. Ein Kumpeltyp. Ein Mann im Wartestand.Deckert war der Leiter der Schutzpolizei in Rostock und des Einsatzes in Lichtenhagen. Er hat jene anderthalb Stunden am Abend des 24. August 1992 zu verantworten, als die Polizei die bedrohten Vietnamesen und ihre deutschen Betreuer im so genannten "Sonnenblumenhaus" schutzlos ließ. "Es war ein tragisches Missverständnis", sagt er. Deckert sackt ein bisschen zusammen, wenn er davon spricht. Verurteilt wurden nach den Krawallen nur Jugendliche, die daran beteiligt waren. Alle Verfahren gegen Polizisten und Politiker wegen unterlassener Hilfeleistung sind schon lange eingestellt. Bis vor zwei Jahren hat die Justiz auch gegen Jürgen Deckert ermittelt. Er wurde in das Schweriner Innenministerium versetzt, dann an die polizeiliche Fachhochschule nach Güstrow. Da ist er heute immer noch. "Sicherlich ist das hier keine Verwendung, die mich zwingend glücklich macht", sagt Deckert. Er leitete mal Einsätze. Jetzt redet er nur noch darüber.Es sind diese Tage im August 1992, die ihn nicht mehr loslassen. Die er immer wieder für sich rekonstruiert, um zu erklären, was geschah. Damals. Am Freitagnachmittag des 21. August 1992 fuhr Jürgen Deckert nach Bremen, ins Wochenende. Der Arbeitersohn hatte sich vom Streifendienst bis in die Leitungsebene der Schutzpolizei in Bremen hochgedient. Er hatte als "Zugführer" an vielen Einsätzen teilgenommen. Als er 1991 nach Rostock ging, erhoffte sich Deckert davon auch einen Karrieresprung. Dass wegen der ständigen Überbelegung der Aufnahmestelle für Asylbewerber in der Bevölkerung von Lichtenhagen Unmut herrschte, wusste die Polizei. Dennoch wurde sie an jenem Sonnabend im August von der Gewalt überrascht. Deckert erfuhr von der Randale erst am Sonntagmorgen gegen fünf Uhr durch einen Anruf aus Rostock: "Jürgen, komm sofort her, hier brennt die Luft." Als er drei Stunden später eintraf, wurde er von Siegfried Kordus, dem Chef der Polizeidirektion Rostock, mit der Leitung des Einsatzes betraut. "Ich habe dann bis Montagnacht kein Auge zugetan, es war so viel los", sagt Deckert. Bis Montagnacht, als die Randale zum Inferno eskalierte. Deckert war aber wie Kordus, der vom Bundeskriminalamt kam, mit polizeilichen "Großlagen" nicht vertraut. In Schwerin gab es dafür einen erfahrenen Mann: den Leiter des Landespolizeiamtes von Mecklenburg-Vorpommern, Hans-Heinrich Heinsen aus Lübeck. Der "Sieger von Brokdorf" hatte 1981 den Großeinsatz am Atomkraftwerk geleitet. Doch es war Heinsen, der die Lage falsch einschätzte. "Die Erfahrung war: Nach dem Wochenende ist der Krawall vorbei", sagt er heute. Zunächst schien Heinsen auch Recht zu behalten. Am Morgen des Montags, des 24. August 1992, blieb es ruhig. Alle glaubten, die Gefahr sei vorüber. Trotzdem ruhte sich Jürgen Deckert nicht aus. Statt zu schlafen, gab er Interviews in der Polizeiinspektion, in der er sich jetzt ständig aufhielt. "Ich fühlte mich topfit", sagt Deckert. Sein Chef Kordus, ebenso lange auf den Beinen, hatte mit einem Rauschgiftfund im Rostocker Hafen zu tun. Die Lage schien vollends unter Kontrolle, als gegen vier Uhr nachmittags die Asylbewerber, das Ziel der Randalierer, evakuiert wurden. Über die Vietnamesen, die im Nebenaufgang wohnten, machte sich keiner Gedanken. "Vietnamesen waren doch integriert", sagt Deckert. "Wir waren uns sicher, dass sie kein Angriffspotenzial darstellten." Darin sollte er sich täuschen. Eine Stunde später begann ein Zustrom Hunderter Jugendlicher zum Wohnheim. Viele Einzelheiten des folgenden Desasters wurden erst jetzt im Schweriner Prozess bekannt. Fast zehn Jahre danach.Gegen 17.30 Uhr bekam Deckert den telefonischen Befehl, zwei Polizei-Einheiten aus Hamburg nach Hause zu schicken - seine besten Kräfte. Er kommandierte zu diesem Zeitpunkt rund 240 Beamte, die Hälfte davon jene Hamburger. Der Befehl zu ihrem Abzug stammte vom Polizeichef Heinsen. Deckert, der wusste, dass Jugendliche begannen das Wohnheim zu belagern, protestierte und forderte zwei Hundertschaften als Ersatz an. Als um halb acht heftige Kämpfe ausbrachen, befahl Deckert den Hamburgern am "Sonnenblumenhaus" den Rückzug. Er musste Heinsens Befehl ausführen. Außerdem wollte er die Lage "deeskalieren". Eine Mecklenburger Hundertschaft sollte die Polizisten aus Hamburg ersetzen.Es wird wohl nie geklärt werden, warum die Ereignisse in der Folge völlig aus dem Ruder liefen. Warum die Mecklenburger Hundertschaft die Hamburger nicht wie befohlen am Wohnheim ablöste, sondern zwar schon vor Ort war - aber ebenfalls abrückte. "Der Grund war ein falsch interpretierter Funkspruch", vermutet Jürgen Deckert. Dagegen behauptete der Chef der Mecklenburger Hundertschaft später, er habe mehrfach den Befehl zum Rückzug erhalten. Wie kam es zu diesem entscheidenden "Missverständnis"? Es ist das einzige Mal, dass Jürgen Deckert laut wird. Er haut mit der Faust auf den Tisch. Er sagt: "Ich habe nie einen solchen Befehl erteilt." Hatte der Untergebene Angst, seine Leute in den Kessel zu schicken? Oder hat Deckert ihm doch falsche Order gegeben, weil er glaubte, das Haus sei leer? "Es kann nicht stimmen, was der Mann sagt", sagt Deckert laut. Er brüllt es fast. Die Wahrheit ist bis heute nicht bekannt. Sicher ist nur: Gegen 21.15 Uhr war das "Sonnenblumenhaus" völlig ungeschützt. Diese Chance ergriffen die fünfhundert Randalierer. Sie schleuderten die ersten Brandbomben gegen das Wohnheim. Polizei war nicht zu sehen. Ein Polizeiführer, der um zehn Uhr in Deckerts Einsatzzentrale kam, hatte den Eindruck, es sei dort zugegangen "wie im berühmten Taubenschlag". Deckert selbst habe nichts mehr entschieden. "Meiner Einschätzung nach bestimmte Passivität das dienstliche Geschehen", erklärte der Polizist 1993 vor dem Untersuchungsausschuss des Landtags in Schwerin. Einiges spricht dafür, dass Jürgen Deckert damals den Überblick verlor. "Wenn Sie vierzig Stunden unter tausend Volt stehen, befinden Sie sich in einem physisch abgeschlafften Zustand", sagt er, "aber psychisch glauben Sie, Sie haben alles im Griff." Gegen neun Uhr abends hatte Deckert auch seine wichtigsten Informanten verloren, sieben zivile "Aufklärer", von denen vier im elften Stock des Wohnheims saßen, um die "Störer" zu beobachten. Die Zivilbeamten erklären heute, sie hätten einen neuen Auftrag bekommen, an den sie sich nicht erinnern könnten. "Das kann man schon als merkwürdig bezeichnen. Ich habe ihnen nicht befohlen wegzugehen", sagt Jürgen Deckert. Man könnte sagen, dass er "erblindete". Er wusste nicht mehr, was in Lichtenhagen geschah. Er war nicht informiert, dass Randalierer dort Feuer legten. Er wusste auch nicht, dass etwa fünfzig Mecklenburger Polizeibeamte, die er lange vorher als Objektschutz zum Haus beordert hatte, die Rowdys gewähren ließen oder einfach wegliefen. Er ahnte nicht, dass sein Chef Kordus um acht Uhr nach Hause gefahren war, "um das Hemd zu wechseln" und sich dabei ins Bett legte.Die gesamte Verantwortung lastete nun auf einem erschöpften Polizeiführer ohne entsprechende Erfahrung, ohne Informationen, ohne Konzept und ohne Leitung. Zeitweise brach auch der Kontakt zu den Einheiten und der Gesamteinsatzzentrale in der City zusammen. Der erste Notruf aus dem "Sonnenblumenhaus" ging bei der Feuerwehr um 21.38 Uhr ein. Am Wohnheim angekommen, wurde sie an den Löscharbeiten gehindert und von Rowdys mit Baseballschlägern und Steinwürfen in die Flucht geschlagen. "Ausländer raus", hallten Sprechchöre über das Gelände. "Jetzt werdet ihr geröstet." Schon schlugen die Flammen bis zum siebten Stock des elfgeschossigen Plattenbaus, nahm der Qualm im Treppenhaus den Vietnamesen die Luft. 140 Menschen flüchteten Etage für Etage höher. Gegen 22.15 Uhr gelang es ihnen, sich über das Dach in einen Nebenaufgang zu retten. Kurz nach dem Ausrücken der Feuerwehr hatte Jürgen Deckert erstmals erfahren, dass in Lichtenhagen Wohnungen brannten. "Ich gab sofort den Befehl, den Schutz der Feuerwehr zu übernehmen. Der Befehl wurde aber nicht befolgt", sagt er. Ob es wirklich einen solchen Befehl gab, ist bis heute ungeklärt. Eine halbe Stunde später hatte sich die entsprechende Hundertschaft jedenfalls immer noch nicht in Marsch gesetzt. "Als ich das erfuhr, bin ich selbst mit den Beamten zum Haus gefahren", sagt Deckert. Erst als er am brennenden Haus eintraf, habe er "von aufgeregten Personen" gehört, dass Menschenleben in Gefahr waren. "Ich war entsetzt, überrascht, ohnmächtig", sagt Deckert heute. Busse brachten die Vietnamesen in Sicherheit. Endlich konnte die Feuerwehr mit dem Löschen beginnen. Jürgen Deckert glaubt nicht, dass die Ereignisse jemals genau rekonstruiert werden können. Zumindest gab es Leute, die man verantwortlich machte. Innenminister Lothar Kupfer und der Rostocker Oberbürgermeister Klaus Kilimann traten 1993 wegen der Krawalle zurück. Dabei blieb es dann. Die Staatssekretäre im Schweriner Innenministerium blieben ebenso auf ihren Posten wie der Polizeichef Heinsen.Jürgen Deckert blickt auf die kahle Wand in seinem Büro in der Fachhochschule in Güstrow. Er hat kein Bild aufgehängt. Keine Bücher aufgestellt. Es gibt nur einen Computer, einen Ventilator, ein paar Akten. Nichts Persönliches. "Noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass man mich wieder mitspielen lässt", sagt Deckert."Ja, ich habe Fehler gemacht. Aber ich bin nicht als Einziger schuld. Und schon gar nicht der Haupt- schuldige. " Jürgen Deckert.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER "Vietnamesen waren doch integriert. " Jürgen Deckert in einem Vorlesungssaal der Fachhochschule für Verwaltungsrecht in Güstrow.