Jürgen Habermas sieht mit der liberalen Eugenik den Menschen als moralische Person in Gefahr: Selbstinstrumentierung zwecks Selbstoptimierung

Dass Erwartungen, die menschliches Verhalten betreffen, unser Handeln und Urteilen tatsächlich prägen, zeigt unmissverständlich, dass Menschen ein normatives Bewusstsein haben. Sie leben im Kraftfeld erwarteter Erwartungen. Solche Erwartungen zweiter Ordnung nennen wir Normen. Für den Aufbau und Erhalt der sozialen Welt sind sie unabdingbar. Ein Fußgänger, der die Straße überqueren will, darf erwarten, dass ein herannahendes Auto bei Rot anhalten wird. Und da der Autofahrer eben diese Erwartung des Fußgängers seinerseits erwartet, ist das Verhalten beider Verkehrsteilnehmer durch Erwartungen zweiter Ordnung koordiniert. Sonst käme es zu bösen Überraschungen.Normen lassen sich aber auch anders interpretieren. Nach dieser Deutung erfüllen sie die Funktion, individuelle wie kollektive Lernprozesse zu steuern. Das kann unter Umständen bedeuten, solche Lernprozesse durch normative Eingriffe abzubrechen oder gar nicht erst in Gang kommen zu lassen. Die Regel, bei Rot anzuhalten, liest sich nach dieser Deutung als eine Maßnahme, die Fußgänger wie Autofahrer daran hindert, bestimmte Erfahrungen miteinander zu machen.In der Debatte um die Gentechnik spielt eine solche Interpretation des Normbegriffes keine unwichtige Rolle. Denn Äußerungen, wonach bestimmte Normen und juristische Regelungen mutmaßlich interessante Lernprozesse blockieren, sind wiederholt gefallen. Sie wurden von Naturwissenschaftlern vorgebracht, denen daran gelegen ist, medizinische Eingriffsmöglichkeiten der Gentechnik zu erforschen, um sie eines Tages womöglich therapeutisch auszuschöpfen. Solche Stellungnahmen verschieben die Beweislasten zwischen Befürwortern und Kritikern etwa der embryonalen Stammzellenforschung. Ist akzeptiert, dass gewisse Normen dem Erkenntnisgewinn im Wege stehen, verändert sich die Debatte. Nun sind Rechtsgüter gegeneinander abzuwägen, also beispielsweise die Freiheit der Forschung gegen die Unantastbarkeit vorgeburtlichen Lebens, wie sie im gegenwärtig noch gültigen Embryonenschutzgesetz garantiert ist. Wer angesichts dieser Situation, so wie es Vertreter religiöser Konfessionen getan haben, mit der Überzeugung argumentiert, der gesetzliche Schutz des Embryos sei gar kein Rechtsgut, das gegen andere abgewogen werden dürfe, zieht einen in liberalen Gesellschaften jedenfalls nicht unbegründeten Verdacht auf sich. In Ermangelung einer empirisch entscheidbaren Antwort auf die Frage, wann menschliches Leben beginnt, wolle er eine problematische, letztlich religiös motivierte Moralvorstellung verbindlich machen. Dass bestimmte Laborerfahrungen, die das Befinden der Spezies Mensch verbessern könnten, nicht gemacht werden dürfen, solle gesetzlich verankert werden. Das aber verletze den Rechtsfrieden, der dem Gesetzgeber nach liberalem Verständnis auferlegt, sich im Streit der Parteien weltanschaulich neutral zu verhalten, also religiösen Überzeugungen keine privilegierte Position einzuräumen.In diese Kontroverse hat sich Jürgen Habermas mit einem anspruchsvollen, geradezu raffinierten Argument eingeschaltet. Es besagt, dass gentechnische Praktiken, die er unter dem Stichwort "liberale Eugenik" diskutiert, die Grundlagen antasten, die bis dato erlaubt haben, uns wechselseitig Erwartungen zweiter Ordnung zuzumuten. Am Ende jenes Lernprozesses, den liberale Eugenik in Gang bringt, könnten uns die Voraussetzungen dafür abhanden gekommen sein, überhaupt noch Träger eines normativen Bewusstseins, also moralische Personen zu sein. Das Raffinement seiner Argumentation besteht darin, die liberale Eugenik zunächst nicht mit moralischen Argumenten zu reglementieren, sondern im Lichte eines Einwandes zu kritisieren, der sich aus dem humanen Interesse daran ergibt, auch zukünftig in einer moralisch erwärmten Welt zu leben. Habermas hebt die gentechnische Debatte auf ein Reflexionsniveau, das unser ethisches Selbstverständnis als Gattung betrifft. Ja, die Pointe seines Buches besteht gerade darin, herauszuarbeiten, dass die Vorbehalte gegenüber der Embryonenforschung und Präimplantationsdiagnostik die Absicht widerspiegeln, die Identität der Spezies gegen eine Biotechnik zu verteidigen, die sich anschickt, menschliche Natur unumkehrbar zu transformieren.Das Zusammentreffen von Reproduktionsmedizin und Gentechnik stellt die technische Möglichkeit in Aussicht, Organe zu züchten und genverändernde Eingriffe aus therapeutischen Gründen vorzunehmen. Freilich ist die Grenze zwischen einer "negativen Eugenik", die es Eltern erlauben würde, ihren zukünftigen Kindern Erbkrankheiten zu ersparen, und einer "positiven Eugenik", die Dritten gestattet, merkmalsverändernde Eingriffe im Erbgut vorzunehmen, in Wahrheit fließend. Was nun die "liberale Eugenik" definiert, ist die Vorstellung, therapeutische wie merkmalsverändernde Eingriffe den individuellen Wünschen von Marktteilnehmern zu überlassen. Sie würden - einmal vorausgesetzt, dass die Gentechnik ihre Versprechen verwirklicht - ihre Nachkommenschaften kraft biotechnologischer Dienstleistungen genetisch programmieren. Die Utopie liberaler Eugenik rückt die biologischen Grundlagen menschlicher Existenz unter die Perspektive "einer Selbstinstrumentierung zum Zwecke der Selbstoptimierung".Ein solches Projekt wäre mit dem politischen Liberalismus aber nur dann verträglich, wenn es weder "die Möglichkeit zu einer autonomen Lebensführung" noch "die Bedingungen eines egalitären Umgangs mit anderen Personen" einschränkte. Dass die liberale Eugenik beide Bedingungen verletzt, zeigt Habermas in einem bestechenden Gedankenexperiment. Ihm zufolge würden merkmalsverändernde Eingriffe in das Genom eines Individuums diese Person auf Absichten fixieren, die nicht seine eigenen wären, und folglich eine Abhängigkeitsbeziehung zwischen ihr und ihrem "Designer" etablieren, die nicht mehr aufzuheben wäre. Die Welt, deren Tag dann anbricht, wäre keine mehr, wo sich Menschen als freie und gleiche begegneten. Ein "Grundrecht auf unmanipuliertes Erbgut" wäre die Norm, die uns jenen Lernprozess erspart.Jürgen Habermas: Die Zukunft der menschlichen Natur. Auf dem Weg zu einer liberalen Eugenik? Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001. 120 S. , 27,99 Mark.AP/FRANK RUMPENHORST Jürgen Habermas in der Frankfurter Paulskirche bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am 14. Oktober 2001.