Walddrehne. Jürgen Schmidt war Dramaturg, Intendant, LITERA-Chef. Jetzt ist er Rentner. Im Oktober 1990 endete sein letztes Arbeitsverhältnis. Mit dem Denken aufgehört hat er nicht. "Da sind meine Söhne und Enkelkinder - man denkt also an die Zukunft" - schreibt er in seinem "Lebenslauf eines mittleren Kultur-Kaders". Unter dem Titel "Ich möchte ich bleiben" ist das Buch 1996 in GNN-Verlag Schkeuditz erschienen."Schreib das auf", habe gleich nach der Wende, am Ende eines langen Gesprächs, der Kabarettist Dietrich Kittner zu Jürgen Schmidt gesagt. Kittner meinte, die Geschichtsfälscher stünden schon in den Startlöchern. Diese Vorstellung war der letzte Anstoß für Schmidt, seine Erfahrungen aufzuschreiben.1991 begann er mit ersten Notizen. Er habe sich vergewissern wollen, inwieweit er geirrt oder Fehler gemacht, sich gar in der Vergangenheit - "im moralischen Sinne, nicht im juristischen" - strafbar gemacht haben könnte. Um Antworten habe er hart gerungen. Mit Stolpersteinen Der Weg ins neue Leben nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft war für Jürgen Schmidt mit Stolpersteinen gepflastert. Die kleinbürgerliche Herkunft, sein Vater war Bankangestellter, sei in der jungen DDR eine schwer zu überspringende Hürde gewesen. Neulehrer und eine Art Schulrat sei er gewesen. "Glück gehabt", nennt er es heute, daß er auf der Brandenburger Landesjugendschule "durchfiel", zur "klassenmäßigen Erziehung" in die Produktion geschickt wurde. Nun - zur Arbeiterklasse gehörig - durfte er studieren: Germanistik und Theaterwissenschaft. In die Taiga gegangen Zur eigenen Überraschung landete Schmidt nach dem Studium als Dramaturg im Deutschen Theater Berlin. Als seine Lehrer nennt er den Chefdramaturgen Dr. Heinar Kipphardt, Verwaltungsdirektor Walter Kohls - Kommunist, Jude, Auschwitzhäftling, die Regisseure und Schauspieler Wolfgang Heinz und Wolfgang Langhoff. "Letzteren, von der Partei- und Kulturbürokratie arg gebeutelt, verehrte ich wie einen Vater."In Jener Zeit, von 1957 bis '63 bekam er Probleme mit der Obrigkeit. Schmidt, mittlerweile Parteisekretär am Theater, versuchte "jenen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, denen sie versagt war". Das gipfelte in harten Diskussionen um Peter Hacks Stück "Die Sorgen und die Macht".Einer "Strafversetzung" kam Schmidt zuvor. Er ging "in die Taiga", wie es damals hieß, wurde Intendant am Landestheaters Anklam. Für 1 200 Mark im Monat arbeitete er. Darin eingeschlossen waren Bemühungen um den Erhalt des maroden Hauses durch "organisierte" Feierabendbrigaden und Tricks bei der Materialbeschaffung am Rande der Gesetzlichkeit.Schmidt sah in Anklam "eine Nische" in der "immer verworrener werdenden Kulturpolitik". Eine neue fand er, als er 1971 Chefredakteur von LITERA beim VEB Deutsche Schallplatte wurde. Fast anekdotisch wirkt es heute, was er bei "Pflichtaufgaben", beispielsweise bei einer Produktion von den Weltfestspielen 1973, erlebte. Da wurde mit großer Mühe Honeckers Rede aufbereitet. Das Ergebnis war trotz der technischen Möglichkeiten noch immer so schlecht, daß die Platte nie auf den Markt kam. Dennoch ist Schmidt der Meinung, daß er verhältnismäßig freizügig arbeiten konnte. Berühmte Stimmen hielt er auf Schallplatten fest. Großer Beliebtheit erfreuten sich die Aufnahmen von Märchen. Schließlich hatte er mit seiner Produktion die DDR zu repräsentieren. Und er wollte es auch.Besonnen und konsequent betrachtet der heute 69jährige seine Vergangenheit. An einer gerechteren Gesellschaft mitwirken zu wollen, war das Fazit des junge Jürgen Schmidt aus dem Kriegserleben. Im Sozialismus sah er die große Idee. Wo immer er wirkte, hat er sie verteidigt. "Selbst dort, wo ich gegen Unrecht, Mißtrauen und sture Parteibürokratie angehen mußte." Verfall nicht gesehen Sein Ideal, auch als es abwärts ging mit der DDR, verlor er nicht aus den Augen. Jedoch gibt er auch zu, "im Banne des Ideals" zu wenig von dem offensichtlichen Verfall gesehen zu haben. Zu sehr habe er seinen Blick darauf gerichtet, "wovon ich annahm, daß es Marksteine auf dem Wege zum Ideal sind".Von seinem Wohnort Walddrehna aus verfolgt er nun "kritisch-wach" das Theatergeschehen in der Hauptstadt. Und er liest vor Leuten aus seinem Buch. +++