Freitag, 12 Uhr mittags im deutschen Fernsehen: Weinen vor dem Traualtar. Die Kamera zoomt in Boris Beckers Tränen, danach ist das Rennen der Fotografen auf Lillys Brautkleid eröffnet. Für die Jugendmedientage in Hannover auf der Expo Plaza hätte man ein "Public Viewing" für dieses wichtige Ereignis einrichten müssen, scherzt Christian Schicha. Der Saal kichert. Dann erklärt der Professor für Medien-Management seinem jungen Publikum, warum einige Themen bis zur Blutleere in den Medien ausgeschlachtet werden, andere Ereignisse es dagegen fast nie in die Öffentlichkeit schaffen. Dem 22-jährigen Jan Martin Ahlert fällt etwas Konkretes ein: Ein Amoklauf wird überall hochgeschrieben. Ist das eigentlich ethisch vertretbar, wegen der Nachahmungstäter?Witwenschütteln in WinnendenÜberhaupt Winnenden. Der Name geistert ständig durch die viertägige Veranstaltung. Oft muss er als Beispiel herhalten für richtig schlechten Journalismus, denn es geht bei den diesjährigen Jugendmedientagen um "Eine Frage der Ehre". Das Tatort-Bloggen, Witwenschütteln und Friedhofsfilmen in Winnenden ist für Zuhörer wie Referenten die Pietäts-Pleite des Journalismus schlechthin. Einer aktuellen Studie im Auftrag der katholischen Journalistenschule zufolge ist der Ruf der Journalisten noch schlechter als angenommen. Oft seien sie "rücksichtslos, intolerant, unsozial". Außerdem glaubten die Befragten, dass Journalisten gern unwillkommene Experten-Meinungen verschwiegen und sich kaufen ließen.Journalisten im Allgemeinen scheinen das Vertrauen der Menschen verloren zu haben. Die Begeisterung für Medienberufe ist hingegen ungetrübt. Natürlich wollen die jungen Zuhörer diskutieren - über Ethik zwischen verdeckten Interessen gewiefter PR-Experten und unkritischer Berichterstattung überforderter Journalisten. Trotzdem zielen Fragen aus dem Publikum an Diskussionsteilnehmer auch auf etwas, was sie ebenso interessiert: "Und wie sind Sie eigentlich an Ihren Job gekommen?"Am Sonnabend ist Workshop-Tag, da lässt sich vieles ausprobieren. Marina Größl sitzt in einem Radiokurs und schreibt ihre erste Wetter-Moderation. Sie mag Fußball, die Bundesliga-Spiele im Fernsehen kommentiert sie oft lieber selber. Deshalb könnte sie sich gut vorstellen, Sportmoderatorin zu werden. "Bisher schreibe ich aber nur für die Schülerzeitung", sagt die 17-Jährige verschämt, "andere arbeiten ja schon frei bei einer richtigen Zeitung." Tatsächlich betätigen sich die allermeisten schon in irgendeinem Medium. Oft ist zu hören, dass sie Journalisten sein wollten, um über "Themen, die wirklich interessieren", zu berichten. Als Auslandskorrespondentin, Spiegel-Reporter oder Magazinkolumnistin, nicht so gerne als Reporter in der "popeligen Lokalredaktion".Auch die Projektveranstalter selbst sind noch Jugendliche. Sie sind in Jugendpresseverbänden aktiv, oft jünger als einige Teilnehmer. Die diesjährige Projektleiterin Mareike Engels nahm sich zehn Monate nach ihrem Abitur Zeit, um die Veranstaltung zu planen. Dienstältester ist der 23-jährige Paul Praßer. Er half schon mit, als vor acht Jahren die ersten Jugendmedientage in Schwerin ausgerichtet wurden. Früher, mit 16, wollte er auch mal Journalist werden. Aber davon ist er abgekommen. "Journalismus ist ein bisschen wie Fleischwurst", erklärt Paul. "Wenn man weiß, wie's gemacht wird, ist's eklig."Das sehen die meisten Teilnehmer noch anders. An Idealismus mangelt es dem fleißigen Nachwuchs nicht. Trotzdem ist "desillusionierend" noch so ein Wort, das durch das verlängerte Wochenende wabert. "Wenn man so hört, wie hart der Job ist und wie wenig dafür rumkommt", sagt eine Teilnehmerin über die Arbeit als freier Journalist niedergeschlagen, "dann ist das doch nichts für mich."Dass das Weltverbessern seine natürlichen Grenzen manchmal schon darin findet, die eigene Miete bezahlen zu müssen, weiß auch Kuno Haberbusch vom Medienmagazin "Zapp". In seinem Workshop "Medien ohne Moral" greift auch er auf Winnenden zurück. "Wollt ihr etwa ohne die spannendste, aktuellste, emotionalste Reportage zu eurem Chefredakteur zurückkommen?", fragt er angriffslustig in die Runde. "Haltung", so Haberbusch, sei das Wichtigste im Journalismus. Als Leiter eines Medienmagazins hat er gut Reden. Doch die Teilnehmer lauschen mit großen Augen.Weltverbesserer scheitern?"Die Diskussionen haben meinen Blick auf Medien völlig verändert", sagt Clemens Küpper. Beim eigenen Schreiben werde er von nun an auch "kritischer sein, mehr querdenken." Haberbusch lächelt. Bisher sei jeder gescheitert, der die Welt verbessern wollte. "Meist dauert so eine Diskussion um journalistische Ethik einen Tag oder ein Wochenende und danach gehen alle mit Kopfschmerzen wieder an die übliche Arbeit." Vielleicht hält der Eindruck bei manchen Nachwuchs-Journalisten ja doch ein bisschen länger.------------------------------"Und wie sind Sie eigentlich an Ihren Job gekommen?" Teilnehmer bei den Jugendmedientagen------------------------------Foto: 430 Jugendliche diskutierten ein Wochenende lang in Hannover über Medien, Moral und übten Wetter-Moderationen.