Der Vorschlag sieht aus, als entstamme er dem Nachwende-Bauboom von 1991. Damals hießen die Projekte "Yorck-Plaza" am Gleisdreieck, "Teleport" am SFB oder "Intercity Hotel" am Zoo. Gemeinsam war ihnen die himmelstürmende Vertikale und die klangvollen Versprechungen von Dienstleistungszukunft und luxuriösen Appartementwohnungen. Doch gelandet sind diese Investorenpläne meist im Papierkorb, weil der Immobilienmarkt für solche Wachstumshoffnungen nicht stark genug war. Jetzt haben Florian Mausbach, Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR), und der Berliner Architekt Josef Paul Kleihues einen dieser Jugendträume der Hauptstadt wieder aufleben lassen. Auf dem Gelände hinter dem Bahnhof Zoo zwischen Hardenbergstraße und Tiergarten schlagen sie den Bau eines Stadtteils namens "Europolis" vor. Er besteht aus gut einem Dutzend Neubaublöcken, die einen miniaturisierten Central Park rahmen und von einem 300 Meter hohen Wohnturm gekrönt werden. Wo heute ein zerrissener Hinterhof mit Busstationen, Universitätsgebäuden und die berühmte "Salat-Bar" zur Nahrungsversorgung des Zoologischen Gartens liegt, möchten Mausbach und Kleihues eine "Stadt in der Stadt" emporwachsen sehen.Während das derzeitige Bausammelsurium eine Bruttogeschossfläche von nur 40 000 Quadratmetern ergibt, sollen hier 450 000 Quadratmeter entstehen, die mit einem Wohnanteil von 60 Prozent amerikanische Wohnformen nach Berlin holen. Dass der Vorschlag im neuen BBR-Jahrbuch "Bau und Raum" (Hatje-Verlag) präsentiert wird, gibt diesem privaten Gedankenspiel einen unverdient offiziellen Charakter. Zwar liegt Mausbachs Bundesamt an der Fasanenstraße mitten in diesem städtischen Restraum. So springt das Ärgernis dieses vergeudeten Bereichs Mausbach jedes Mal ins Auge, wenn er aus seinem Bürofenster schaut. Bereits vor zwei Jahren hatte er Studenten des Hamburger Architekten Meinhard von Gerkan eingeladen, auf dieser Stadtbrache Fingerübungen im Turmbau zu betreiben. Mit der jetzt vorliegenden Bebauungsstudie des tonangebenden Berliner Architekten Kleihues suggeriert die "Europolis" eine Entscheidungsreife, die sie nicht hat. "Berlin ist nicht nur Preußen mit Fluchtlinien und Traufhöhen. Berlin ist auch Amerika", sagt Florian Mausbach mit kritischem Blick auf die traditionellen Rekonstruktionsbemühungen im Berliner Neuaufbau. Man müsse der eines Tages entstehenden Turmfamilie am Alexanderplatz ein ebenbürtiges Stadtwahrzeichen im Westen gegenüberstellen; zudem benötige das nördliche Charlottenburg am Ernst-Reuter-Platz eine Verbindung zum Zoo und Breitscheidplatz, weshalb das Niemandsland hinter der Hardenbergstraße Neubauten braucht. Dieser Ansicht sind der Stadtentwicklungssenator Strieder und sein Staatssekretär Hans Stimmann auch. Deshalb haben sie im Rahmen des bereits vom Senat teilweise beschlossenen "Planwerks Innenstadt" diese Gegend längst in die Mangel genommen. Doch während Mausbach/ Kleihues die Gebäude der BBR mitsamt der Oberfinanzdirektion abreißen wollen und die geplante "Volkswagen Universitätsbibliothek" der TU völlig ignorieren, zielt das "Planwerk" auf die städtische Integration der Technischen Universität. Außerdem will das "Planwerk" die Einrichtungen der Verkehrsbetriebe und des Zoos nicht verdrängen, sondern neu ordnen und überbauen, damit dort Platz für ein weitaus bescheideneres "attraktives City-Quartier mit Wohnanteilen" entsteht. Allerdings reicht die derzeitige Berliner Immobiliennachfrage gerade aus, dass wenigstens zwei kleinere Türme am Breitscheidplatz entstehen. Und die potenziellen Grundstücke, die durch die "Planwerks"-Rückbauten der überbreiten Verkehrsschneisen in der gesamten Innenstadt freiwerden, machen die "Europolis"-Bodengewinnung auch auf längere Sicht hin überflüssig. Zudem hat die Entwicklung des Alexanderplatzes eindeutige Priorität. Doch Mausbach ist unbeirrbar: "Berlin muss erst wieder eine Boomtown-Atmosphäre auf leicht erschließbaren Flächen entwickeln, bevor die schwierigeren Grundstücke nachgefragt werden." Außerdem dürfe man "den Westen nicht anhalten, um den Osten zu fördern". Stadtplaner Stimmann reagiert ziemlich unwirsch: "Mausbach soll lieber schöne Bundesbauten errichten und dafür mit diesem Unfug in Berlin aufhören.""Man darf den Westen nicht anhalten, um den Osten zu fördern".Florian Mausbach