Die Stimme hat endlich ein Gesicht. Bislang hatte man Julia Deeg nur über von Störsendern beeinträchtigte Handyverbindungen gehört, über die sie atemlos berichtete von den Zuständen im Hauptquartier des Palästinenserführers Yasser Arafat.Seit einer Woche ist Julia Deeg wieder in Berlin. Zwei Monate hatte die 21-Jährige gemeinsam mit anderen Friedensaktivisten im Hauptquartier ausgeharrt, in das sie aus Protest gegen die israelische Besetzung gegangen waren. Freiwillig. Anfang Mai zogen sich die israelischen Truppen zurück. Die Friedensaktivistin blieb, half Verwundeten, dokumentierte Zerstörungen. Nun sitzt sie in einem Kreuzberger Restaurant, sie hat dicke Aktenordner vor sich, in einem hat sie alle Artikel gesammelt, die über sie geschrieben wurden. In einen anderen hat sie die Fotos geklebt, die sie in den besetzen Gebieten gemacht hat. Julia Deeg hat wache Augen. Über ihre Schulter hängt ein dünner, langer verfilzter Zopf. Es riecht nach Hund in dem Restaurant. Hinter Julia Deeg liegen ihre beiden Doggenmischlinge, die sie so vermisst hatte. Julia Deeg ist einundzwanzig. Sie wirkt wesentlich älter. Als Erstes sagt sie, was sie auch am Telefon immer wieder betont hat: Dass sie keine Anti-Israelitin sei, und schon gar keine Antisemitin, nur weil sie die Politik der Israelis kritisiert. Sie übe genauso viel Kritik an der Palästinensischen Autonomiebehörde und an Arafat. Dann verfängt sie sich in Detailbeschreibungen ihres Aufenthaltes in Ramallah. Auch dazu neigte sie während der Telefonate. Sie nimmt alles sehr genau, will, dass man sie versteht. Das ist kein Wunder, wenn man eine so intensive Zeit erlebt hat. Es muss unheimlich schwer für sie sein, anderen begreifbar zu machen, dass sie Todesgefahr, Hunger, Krankheiten auf sich genommen hat - nur, um anderen Menschen zu helfen. Sie passt so wenig in die heutige Zeit. Als Julia Deeg in der vergangenen Woche auf einer der Anti-Bush-Demonstrationen eine Rede hielt, bekam sie Beklemmungen, weil Militärhubschrauber über ihr kreisten. Als danach Freunde von ihr zu tanzen begannen, habe sie angefangen zu weinen. Ihr sei zurzeit nicht nach Party zu Mute, sagt sie, lieber ordnet sie Papiere, klebt Fotos ein, sichtet Presseartikel, hält Kontakt zu Freunden in Palästina. Es bleibe etwas hängen, von allem, was sie erlebt hat, sagt sie. "Ich achte plötzlich immer darauf, etwas zu essen bei mir zu haben", sagt sie. Wegen dieser Marotte hatte sie ihre Großmutter immer belächelt. Nun ist sie auch von einem Krieg geprägt. Deeg sagt, sie sei das erste Mal seit Monaten müde und erschöpft. Dabei hat sie in Ramallah ganze Nächte durchwacht. Die Kita, in der sie als Honorarkraft arbeitet, hat sie noch freigestellt. Sie hat 10 000 Euro Schulden wegen ihrer Handyrechnung. "Ich überlege, ob ich die Schule fertig machen und dann studieren soll. Ich könnte mir dann dort unten langsam eine Basis aufbauen." Sie sagt, es zerreiße sie, dass sie nicht dort unten sein kann. In Berlin möchte sie andere dazu bewegen, in dem kriegszerstörten Land Hilfe zu leisten. (uck.)