WIMBLEDON. Zu den Besonderheiten Wimbledons gehört ein grünes, mehr als 500 Seiten starkes Kompendium, in dem alles, aber auch wirklich alles steht, was irgendwie mit diesem Turnier zu tun hat. Darin finden sich die Namen der Ehemänner früherer Siegerinnen ebenso wie die Aufzählung der kleinsten und größten Spieler oder das Muster des Stirnbandes, das einer beim Titelgewinn trug. Und fast hätte es Julia Görges geschafft, beim ersten Auftritt in den heiligen Gründen des Tennis im legendären grünen Buch zu landen. Hätte sie zu ihrem Sieg in der ersten Runde gegen Katarina Srebotnik aus der Slowakei (4:6, 7:6, 16:14) nur fünf Minuten länger gebraucht, hätte sie nicht den vierten Matchball verwandelt, sondern erst den fünften oder sechsten, dann stünde sie im nächsten Jahr drin.Aber das war ihr am Ende des bemerkenswertesten und schönsten Tages ihrer jungen Karriere als Tennisspielerin so was von egal. Als sie sich eine Stunde nach dem Spiel frisch geduscht in einen Stuhl fallen ließ, da war sie zu gleichen Teilen stolz, glücklich und müde. "Gegen eine Top 30-Spielerin zu gewinnen und dann so", schwärmte sie, "das kann man nicht beschreiben".Drei Stunden und 40 Minuten hatte das Spiel gegen die Nummer 24 der Welt gedauert, davon der letzte Satz allein mehr als anderthalb Stunden. Die beiden ersten Matchbälle gegen sich - von insgesamt vier - hatte sie im Tiebreak des zweiten Satzes abgewehrt, ihren ersten - von insgesamt vier - hatte sie beim Stand von 6:5 vergeben. Zu einem Zeitpunkt, an dem die härteste Phase noch vor ihr lag. Sechsmal schlug Julia Görges in diesem dritten Satz zum Sieg auf, doch die verdammten letzten Punkte wollten nicht her. "Es war schrecklich", meinte sie hinterher, "ich hab immer gedacht: wie viele Chancen brauche ich denn noch, wie viele? Aber wenn man einen Traum hat, dann muss man da durch".Auf den schmalen Rängen von Court 16 litten die Eltern, der Trainer Björn Jakob, Fed-Cup-Teamchefin Barbara Rittner und zahlreiche deutsche Fans. Aber den undankbarsten Job hatte die Schwester daheim in Bad Oldesloe, die das Spiel am Live-Ticker des Computers verfolgte. Als es vorbei war, flossen auf Court 16 ein paar Tränen, daheim vor dem Computer wohl auch.Das große Glück dieses Tages setzte sich aus vielen kleinen zusammen. Über den ersten Sieg gegen eine Spielerin aus den Top 30 der Welt, über den Sieg an sich beim ersten Auftritt in Wimbledon und den ersten bei einem Grand-Slam-Turnier. Und vor allem darüber, in einer in jeder Hinsicht so aufreibenden Partie die Nerven nicht verloren zu haben. Nachdem sie ihren Namen Anfang Juni zum ersten Mal unter den ersten Hundert der Weltrangliste gefunden hatte, wird Görges in der nächsten Ausgabe am 7. Juli noch weiter vorn zu finden sein. Zumal die Aufgabe in Runde zwei gegen Marina Erakovic aus Neuseeland nicht unlösbar erscheint.Julia Görges gehört mit 19 Jahren zu einer Generation junger Spielerinnen, denen Teamchefin Barbara Rittner zutraut, das deutsche Frauentennis mit Schwung zu repräsentieren. Die Jule habe immer schon Talent gehabt, sagt Rittner, aber seit sie bei Björn Jacob in Hannover trainiere, habe sie begriffen, dass sie hart an sich arbeiten müsse.Das Fräulein Görges ist eine aparte, frische, fröhliche Erscheinung, 1,80 groß; ein wenig ähnelt sie der neuen Nummer eins des Frauentennis, Ana Ivanovic. Dass man sie im rechten Licht sehen wird, dafür garantiert eine der besten Management-Agenturen des Landes, und im Prinzip sind alle bereit zu weiteren Taten. Am liebsten gleich hier und jetzt in Wimbledon.------------------------------Foto: Frisch, fröhlich: Julia Görges, 19, aus Bad Oldesloe hat Grund, zu jubeln.