Ziemlich am Anfang des Films, als er mal wieder den Job über die Familie stellt, fragt sie: "Was willst du denn erreichen? Was ist denn dein Ziel?" Heino Ferch spielt in dem Wirtschafts-Thriller "Das Konto" einen erfolgreichen Manager, dem alles zuzufliegen scheint. Gerade erst hat er seiner Firma ein lukratives Geschäft beschert, nun steht er vor seinem größtem Coup: Die von ihm eingefädelte feindliche Übernahme eines Konkurrenten soll ihn in die Konzernleitung befördern. Doch auch privat gibt es keinen Grund zur Klage. Er kann eine attraktive Frau vorweisen, eine reizende Tochter, ein schickes Haus, Luxus-Cabrio natürlich. Am Ende des zweiten Teils wird er fast alles verloren haben. Den Job, das Haus, das Auto. Und die Frau.Die spielt Julia Jäger, und ihre anfangs gestellte Erkundigung nach Sinn und Ziel ist eine typische Julia-Jäger-Frage. Sie denke einfach zu viel nach, sagt die 33-Jährige, über ihre Arbeit, die Schauspielerei an sich und das Leben überhaupt. Und trotzdem oder gerade deshalb hat sie mehr Fragen als Antworten, von Gewissheiten ganz zu schweigen. Nach welchen Regeln funktioniert Fernsehen, und was, zum Teufel, hat sie eigentlich damit zu tun? Oder muss sie mitspielen? Aber um welchen Preis? Was willst du denn erreichen? Was ist denn dein Ziel? Manches leichter nehmen könnenDas sind so Fragen, Zweifel auch, die im schnellebigen und oft oberflächlichen Fernsehen die Arbeit nicht unbedingt erleichtern. Dabei hat Julia Jäger, nach der Schauspielausbildung und drei Jahren am Theater, seit 1995 mit den besten Regisseuren gedreht. Mit Dominik Graf die erste "Sperling"-Folge, mit Andreas Kleinert die "Klemperer"-Tagebücher und das Wendedrama "Neben der Zeit", mit Frank Beyer "Nikolaikirche", mit Detlev Buck "Karniggels". Sie hat mit Götz George gespielt, mit Barbara Auer, Ulrich Mühe, Jörg Schüttauf. Sie war im "Tatort" und im "Polizeiruf". Sie hat als Aidskranke in Rolf Schübels "Woanders scheint nachts die Sonne" beeindruckt und in Torsten Fischers "Der gerechte Richter" nach einer Erzählung von Anna Seghers. Julia Jäger, 1970 in Angermünde geboren, zählt zweifellos zu den besten Schauspielerinnen im Lande, nur leider wissen das die wenigsten. Und es liegt auch an ihr, dass sie, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, nicht zu den Bekannten und Berühmten in der Branche gehört. Obwohl sie eigentlich längst dazu gehören müsste.Chancen hatte sie, früh sogar. Noch während ihres Studiums an der Theaterhochschule in Leipzig gab sie 1991 ihr Debüt in dem Film "Erster Verlust" und wurde prompt mit dem Max-Ophüls-Preis als beste Nachwuchs-Schauspielerin ausgezeichnet. Eine Einladung zur Talkshow bei Schreinemakers folgte. Julia Jäger sagte ab. "Weil ich nicht wusste, wie das geht. Da sitzt man dann und redet irgendwas." Damals sei sie zu feige gewesen, sagt sie. Und heute? "Bislang habe ich mich noch nicht getraut." Sie habe ja schon Mühe, sich fotografieren zu lassen. "Weil ich nie weiß, wie ich gucken soll." So wird man natürlich nicht bekannt, und Julia Jäger beneidet ihre Kollegen, die sich ganz locker den Medien, auch dem Boulevard, präsentieren. "Die setzen sich hin und haben ganz viel zu reden." Bei ihr dauere es einfach zu lange, bis sie auf eine Frage geantwortet habe, weil sie noch einen Nebensatz einschiebt und noch einen Gedanken und dann noch ein Gegenargument. Oder gar nichts sagt, weil sie es hasst, sofort und zu allem eine klare Meinung zu haben. Ja oder Nein ist ihr zu einfach. "Ich wünsche mir", sagt Julia Jäger, "manche Dinge leichter nehmen zu können".Bei so vielen Selbstzweifeln ist es andererseits erstaunlich, wie gut sie sich im Geschäft hält. Obwohl sie im Sommer wegen einer Krankheit ihres damals zweijährigen Sohnes drei Monate gar nicht gedreht hat, kommt sie allein im vergangenen Jahr auf fünf Produktionen, darunter einen Kinofilm, eine TV-Komödie und zwei Donna-Leon-Folgen. Insgesamt hat Julia Jäger in knapp 50 Filmen und Serien mitgespielt und trotzdem noch das Gefühl, "darauf angewiesen zu sein, dass mich ein Regisseur oder Produzent möchte, genau mich". Die große ChanceDer Regisseur Frank Beyer wollte sie, genau sie. Das war 1998 und die richtig große Chance für Julia Jäger. Sie sollte die Gesine Cresspahl in Uwe Johnsons "Jahrestage" spielen. Die Hauptrolle. In einem Vierteiler. Das Buch galt als nicht verfilmbar, es war das Prestigeprojekt der ARD. Kurz vor Beginn der Dreharbeiten kam es zum Eklat. Obwohl von allen Beteiligten bereits akzeptiert, lehnte der Produzent plötzlich Beyers Regie-Asssistentin ab. Und die Hauptdarstellerin. Beyer hielt an beiden fest, immerhin habe er Julia Jäger sein Wort gegeben, da könne er sich nicht einfach eine neue Schauspielerin suchen. Auch die Assistentin sollte bleiben. Worauf Frank Beyer gefeuert wurde. Dann drehte Margarethe von Trotta die "Jahrestage", Suzanne von Borsody übernahm die Hauptrolle. Julia Jäger hat den Film bis heute nicht gesehen. "Ich komme da nicht ran", sagt sie, "auch wenn mancher denken mag, wie bekloppt ist die eigentlich, das kann man doch irgendwann mal wegstecken." Ihr macht das immer noch etwas aus. "Ich fand das menschlich so enttäuschend." Nicht, dass es dann andere gemacht haben, "was weiß ich schon, in welcher Situation Frau von Trotta damals war". Obwohl es Menschen gab, die das Angebot ablehnten. Andreas Dreesen etwa oder Andreas Kleinert, wie Beyer ehemalige DDR-Regisseure, haben gesagt: Das kommt für uns überhaupt nicht in Frage. Von Volker Schlöndorff initiiert, protestierten 26 namhafte Regisseure, Autoren und Schauspieler öffentlich. Julia Jäger hat es nicht verwunden, aber weiter gemacht. Sie hat sich in leichteren Stoffen versucht, weil sie auch mal weg wollte von diesen schwer beladenen Figuren, "von diesem ewig stillen Gesicht, wortlos und die Kamera hält und hält und hält". Einige Versuche hat sie nachher bereut, weil sie ihrem Anspruch an sich selbst nicht genügten. Sie ist auf Wahrhaftigkeit aus, in ihren Rollen und im Leben. Auch wenn sie weiß, dass so etwas oft nicht gefragt ist. "So eine Ernsthaftigkeit will man nicht mehr haben. Das macht nicht fröhlich, das macht keinen Spaß." Dann eben nicht.Zwei neue Filme // Julia Jäger wurde 1970 in Angermünde geboren. Ihr Vater arbeitete am Theater in Frankfurt (Oder).Von 1988 bis 1992 studierte sie an der Theaterhochschule "Hans Otto" in Leipzig. Bis 1995 war Julia Jäger am Schauspiel Leipzig engagiert, seitdem hat sie in knapp 50 Filmen und Serien mitgespielt.Der Zweiteiler "Das Konto" mit Julia Jäger und Heino Ferch läuft an diesem Freitag (22 Uhr) und Sonnabend (22. 10 Uhr) in der ARD.Am Sonnabend ist sie außerdem in einem neuen Krimi der ZDF-Reihe "Bella Block" zu sehen.ARD Was ist denn dein Ziel? Julia Jäger und Heino Ferch in "Das Konto".