Junge Menschen suchen Liebe, Sinn und Arbeit - in Katrin Dorns Debüterzählung "Der Hunger der Kellnerin" und anderswo: Eine Frau von dreißig Jahren

Der Osten ist nicht mehr der Osten und doch nicht der Westen, wird es vielleicht nie sein. Der Westen ist der Westen geblieben. Was für Arten literarischer Debüts bringt diese Verwirrung hervor? Katrin Dorn, geboren 1963, wuchs in Thüringen auf und lebte von 1984 bis 1995 in Leipzig. Sie studierte Psychologie, arbeitete für Theaterprojekte, gründete die Literaturzeitschrift "eDIT. Papier für neue Texte", zog 1996 nach Berlin und hat ein erstes Buch veröffentlicht. Eine kleine Erzählung, ein schwieriges und manchmal holpriges Buch, aber auch eins, das viel verspricht. Seit vier Jahren arbeitet Marta als Krankenschwester in einer Nervenklinik. Marta lebt in sogenannten bescheidenen Verhältnissen in einer großen Stadt, ein Zimmer, Küche, Ofen. Marta wird von einem unstillbaren und zunächst vagen Hunger gequält. Sie holt sich des Nachts Männer aus den Tanzschuppen in ihre Wohnung; jeden Morgen danach bezieht sie ihr Bett neu. Marta kann sich nicht interessieren, doch "sie muß sich doch einmal interessieren in dieser Welt, in der soviel passiert". Marta ist eine asthenische Figur - ein Mensch, geplagt vom "Gefühl, ohne Gedächtnis zu sein, ein einziges Vergessen zu sein". Martas Hunger ist von Katrin Dorn natürlich metaphorisch gemeint und äußert sich doch konkret. Marta frißt, was das Zeug hält, ganze Kühlschränke leer. Dennoch bleibt ihr Körper weich und leicht und leer, so leer wie ihr Leben. Kein Mann, kein Gedanke kann es füllen. Katrin Dorn eröffnet ihre Debüterzählung, indem sie die Fallen der Einfühlung beschreibt. Marta hält nichts von Schulpsychiatrie, von Spritzen und Pillen. Sie versucht, einem Patienten in dessen Wahn zu folgen und verursacht damit seinen Tod. Marta wird entlassen. "Seit Erwins Fenstersturz hat sich ihr Blick nur nach innen gewandt." Katrin Dorn führt ihre Marta als "humanistischen Mörder" ein. Dorns These ist modisch, kühl und intelligent: Das Verständnis ist ein Killer. Allerdings ist es eigentlich die Lieblingsthese Heranwachsender - warum sollten sie sonst revoltieren? -, und Marta ist immerhin schon an die Dreißig. Dieser Umstand und die Tatsache, daß der Grund von Martas Hunger-Neurose im dunkeln bleibt, verleiht Katrin Dorns Erzählung anfänglich so etwas wie den Fluch ewiger Jugend, eine Atmosphäre postmoderner Starrheit. Wenn das so bliebe, müßte man kein Wort über das Buch verlieren, doch Katrin Dorn hat in ihrem Buch gewichtige Themen unterzubringen. Was geschieht mit Marta, nachdem sie ihre Arbeit verliert und aus der Gruppe herausfällt? Wie verändert der Fall in die Freiheit von allen Verpflichtungen ihre Begegnungen mit anderen Menschen? Innerlichkeit hat eine lange und nicht immer glorreiche Tradition in der deutschen Literatur. Auch Katrin Dorn setzt ihre Erzählung auf einer Abstraktionsebene an, die ihr nicht immer gut bekommt. Die Bars, Kaufhäuser, Straßen, Wohnungen und Ateliers von Martas Stadt bleiben universell - eine Außenwelt, gesichtslos und unverbindlich. Alles in der Welt von Katrin Dorns Erzählung ist eine große Anstrengung, Liebe genauso wie Einkaufen. Ein Ansatz, den die Autorin jedoch selbst als eine Falle erkennt, so gefährlich wie das Verständnis. Verständnis nivelliert Konflikte, Innerlichkeit auch. Martas Konflikt jedoch führt sie wider Willen von außen nach innen, fort von der Aktivität als Vermeidungsstrategie. "Wenn man sich an die Zeiten hält", sagt Marta, "fällt man nicht mehr aus dem Tag heraus und hinein in seine Innerlichkeit. Man hält sich aus sich selbst heraus mit solchem Regelmaß." Die Gefühlsgeschichte von Katrin Dorns Marta trägt, da muß man nicht lange spekulieren, autobiographische Züge. Marta "nimmt jeden Angriff auf, als ob ihr Herz ein Bahnhof wäre". Katrin Dorns schöne Sätze sind Bekenntnissse, weswegen ihre Heldin auch die größte Schwäche der Erzählung ist: Introspektion bis an den Rand des Kryptischen und Theatersätze - wie das oft kommt, wenn eine Figur dem Autor zu vertraut ist. Manchmal "wird Marta klar, welcher Zufall es war, daß sie geboren wurde, und die Tatsache, daß sie immer noch lebt, erscheint ihr so vage, als könnte sie sich bald als Irrtum herausstellen und ihr Leben einfach aufhören." "Der Hunger der Kellnerin" ist ein Debüt mit vielen so grundsätzlichen Sätzen. Der Leser benötigt einigen guten Willen, um sie zu verkraften. Zum Glück für die Erzählung trifft Marta auf Kai, einen jungen Maler. Immer, wenn Katrin Dorn die Perspektive der Krankenschwester Marta verläßt und eine Geschichte für eine andere Figur häkeln muß, die ihr nicht so nahe ist, wird ihre Erzählung überzeugend, rund und stark. Kai schmeißt in beabsichtigter Mißachtung für den letzten Wunsch seines toten Vaters sein Studium an der Kunsthochschule. Er kauft sich einen blauen, seidenen Künstlerschal; nicht nur damit, auch mit seinem Haß auf die eigene Bestimmung und seinem pittoresken Spät-Existentialismus macht er sich vor sich selbst lächerlich. Wenn Katrin Dorn Kais einsames, wütendes Malerleben mit Wein und Ofen beschreibt, tritt sie einen Schritt zurück, ohne sich lustig zu machen. Distanz aber ist die Bedingung für Liebe und für Kunst. Katrin Dorn erklärt Kai nicht, sondern folgt ihm als Beobachterin, seinem "heiteren Leben, das ihm der Verzicht auf jeglichen Ehrgeiz beschert hat". Und das ist Katrin Dorns Erzählung dem Wesen nach: Menschen um die Dreißig, die nichts wollen und daran kranken, daß sie es wissen. Ihr einziger Halt ist das Entkommen in die Anonymität, damit niemand mehr etwas von ihnen erwartet: weder Originalität (Kai) noch Anpassung (Marta). "Der Hunger der Kellnerin" ist Liebes-, Familien- und kathartische Krankengeschichte, als letztere die Anamnese einer Sprachlosigkeit, die in der Kindheit beginnt. Martas Eltern werden abgebildet, wie sie immerzu fernsehen, ohne Marta je zu hören - ein sehr didaktisches Gleichnis. Das Essen ersetzt das Reden, und so offenbart sich Martas unstillbarer Hunger letztlich als Unfähigkeit, sich und seine Wünsche formulieren zu können. Marta gibt der neuen Zeit letztendlich, was die verlangt - künftig trägt die Ex-Krankenschwester, die nun als Kellnerin jobbt, "den Mittelpunkt der Welt spazieren": sich selbst. Doch in dieser Zustandsbeschreibung eines erwachenden Egos bleibt "Der Hunger der Kellnerin" nicht stecken. Dorn beschreibt, wie Marta, das große Ich der Erzählung, sich neu definieren lernt - ohne Arbeit, nach dem endgültigen Abschied von den Eltern. Ein Leben ist zu Ende, ein neues noch nicht kenntlich. Doch Marta konfrontiert sich mit der Vergeblichkeit vergangener Anstrengungen, ihrer eigenen und denen der Elterngeneration. Das ist immerhin eine Basis. Katrin Dorns Debüt ist kein Deut besser als die Erzählungen von Alissa Walser oder Birgit Vanderbeke - das ist schade, aber nicht schlimm. "Der Hunger der Kellnerin" ist auch keinen Deut schlechter. Was man durchaus als Kompliment verstehen soll. Katrin Dorn: Der Hunger der Kellnerin. Aufbau-Verlag, Berlin 1997. 157 S., 29,80 Mark. +++