Bei einer Massenschlägerei in Reinickendorf hat die Polizei in der Nacht zu Donnerstag neun Personen festgenommen. Rund 80 Jugendliche waren gegen 21 Uhr im Dannenwalder Weg aufeinander los gegangen. Zunächst waren die Beamten von einer Auseinandersetzung zwischen rivalisierenden Jugendbanden ausgegangen. Schließlich stellte sich aber heraus, dass die Prügelei nicht verabredet war.Die Kontrahenten gingen mit Knüppeln, Baseballschlägern, Eisenstangen und Totschlägern aufeinander los. Ein Passant alarmierte die Polizei. Als gegen 22 Uhr schließlich rund 100 Beamte im Einsatz waren, beruhigte sich die Lage. "Bei den Auseinandersetzungen wurden auch unsere Beamten attackiert", sagte Polizeisprecherin Christine Schubert am Donnerstag. Von den Polizisten sei jedoch niemand verletzt worden.Streit um zwei Frauen?Nach Angaben der Polizei haben sich Spätaussiedler aus Russland mit deutschen Jugendlichen türkischer Abstammung geprügelt. Augenzeugen berichteten, dass es bei dem Streit um zwei 18-jährige Frauen russischer Herkunft ging. Diese sollen von den türkischen Jugendlichen belästigt worden sein das war offenbar der Auslöser für den Streit.Die Polizei konnte dies allerdings nicht bestätigen. "Wie die Schlägerei begann, lässt sich nicht mehr genau feststellen", sagte ein Reinickendorfer Polizeibeamter. Sicher sei, dass manchmal schon ein "schiefer Blick" oder ein "dummes Wort" ausreicht, um angestauten Frust und Hass zum Ausbruch kommen zu lassen. Ein Problem sei, dass viele der jungen Spätaussiedler "kaum ein Wort Deutsch sprechen und sich hier als Fremde fühlen", sagte ein Polizist. Wenn sich diese Russlanddeutschen mit Jugendlichen eines anderen Kulturkreises treffen, dann komme es immer öfter zu Auseinandersetzungen, hat der Beamte beobachtet.Einen anderer Polizeibeamter erklärt sich die Gewaltbereitschaft folgendermaßen: "In ihrer früheren Heimat werden Meinungsverschiedenheiten mit Hauen und Schlagen durchgesetzt. Diese Lebensweise übertragen sie dann auf Deutschland", sagte er wörtlich. Die jugendlichen Spätaussiedler sähen sich selbst nicht als Minderheit, obwohl sie von vielen Bürgern als solche angesehen würden. "Deshalb geht es dann bei den Konflikten darum, wer ist der bessere Deutsche", sagte der Polizeibeamte. Vorbeugend könne zumindest die Polizei nur wenig gegen diese Auseinandersetzungen tun. "Wir werden über Konflikte erst dann informiert, wenn es schon zu spät ist", sagte Polizeisprecherin Schubert.Eigenes NormengefügeDer Strafrechtsprofessor Felix Herzog von der Humboldt-Universität teilt diese Meinung: "Die Gruppe der Russlanddeutschen lebt abgeschottet von anderen Kulturkreisen." Deren Kinder würden sich ein eigenes Normengefüge zusammenbauen. "Diese Jugendlichen leben hier mit ihren Gesetzen, mit den Regeln ihrer ethnischen Gruppe, und da ist die Beleidigungsschwelle oft sehr gering." Revier-Rivalitäten kämen da dementsprechend häufig vor, sagte Herzog. "Hauptproblem ist, dass die unterschiedlichen Gruppen sich gegenseitig keinen Respekt entgegenbringen."RUSSLANDDEUTSCHE Vier Zeitungen und ein Fernsehsender // 23 0000 Russlanddeutsche leben nach offiziellen Schätzungen in Berlin. Nach Angaben der evangelischen Kirche kamen seit 1990 mehr als 60 000 Russlanddeutsche nach Berlin und Brandenburg.Die russischsprachigen Familien wohnen vor allem in den Bezirken Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen.Vier Zeitungen und ein Fernsehsender wenden sich mittlerweile an die russischsprachige Berliner Bevölkerung.Experten beklagen, dass sich die Hauptstadt nur wenig für die Integration der Russlanddeutschen interessiert.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.