Nicht jeder Mensch, der in einer riesigen Betonbausiedlung wohnt, denkt wie eine genormte Betonplatte. Doch wenn er die meiste Zeit nichts anderes sieht, kann es passieren, dass sich sein Bewusstsein dem Design der Umgebung bedenklich annähert. Enttäuschung und Sehnsucht fressen sich dann durch seine Kopfhaut wie Lärm und Feuchtigkeit durch die dünnen Wohnungswände. Boris ist das wohl passiert. Er hat so lange gegen die Wohnkästen in Hellersdorf gestarrt, bis er plötzlich merkte, dass sie aus ihm selbst herausstarrten, und er floh nach Amerika. Jetzt sitzen Mutter und Schwester allein in der Zwei-Raum-Wohnung im elften Stock und rätseln über Boris, warum er sich nicht mehr meldet. Die Mutter murmelt, während sie den Kaffeetisch deckt, immer die gleichen Fragen: Ist es ein Makel, wenn einen die Ausdrucksweise als Ostdeutschen verrät? Ist es nicht verständlich, wenn in der Erinnerung alles besser erscheint? Die Tochter steht auf dem Balkon und bläst ihren Zigarettenrauch mit den Worten über die Flachdächer: "Boris hatte einfach keinen Bock mehr auf diesen Style". Wie eine flüchtige Filmsequenz zieht diese Szene an den Augen der Zuschauer vorbei, die von Berlins Mitte aus eine Dreiviertelstunde lang in der U-Bahn nach Osten gefahren, am "Cottbusser Platz" ausgestiegen sind, den elften Stock des Hochhauses in der Hellersdorfer Straße Nr. 173 erklommen und dort durch eine schmale Öffnung in einer Spanholzwand die Mutter-Tochter-Impression belauscht haben. Doch bleibt dieses leise, lakonische Minutenspiel vor dem Plattenbau-Panorama im Gedächtnis. Die Küche ist nur eine Station auf der faszinierenden Theaterreise durch die Hochhausetage, die für ein gutes Dutzend weiterer Momentaufnahmen aus dem Hellersdorfer Alltag Bühnenzimmer mit Aussicht bereithält. Das Theater in der "Platte" zeigt drei Produktionen von Berliner Regie-, Dramaturgie- und Bühnenbildstudenten, die sich zusammen mit rund fünfzig Kommilitonen aus Design, Architektur und Kunst für drei Monate in das zum Abriss bestimmte Hochhaus in der Großbausiedlung Hellersdorf eingemietet haben. "Gibt es eine Zukunft für die Platte"?, fragen sich die internationalen Teilnehmer des Lebens-, Kunst- und Forschungsexperiments "Dostoprimitschatelnosti - Sehenswürdigkeiten", das sich Studenten der Kunsthochschule Weißensee ausgedacht haben, um einen Sommer lang das Wohnen in der Platte zu probieren und in Seminaren und Kunstaktionen neue Nutzungsformen zu entwerfen (die "Berliner Zeitung" berichtete am 23.7.). Dass der Mangel an Sehenswertem und Zukunft viele Hellersdorfer trifft, die der kapitalistische Überlebenskampf hinter ihre Wohnungsplatten verwiesen hat, stellt das Theaterstück "geöffnet" auf subtile Weise heraus. Die lockere Szenenfolge ist aus Zitaten montiert, die aus Interviews auf Hellersdorfer Straßen stammen. Zwei Frauen stehen mit dem Rücken zum Publikum und schauen aus dem Fenster über die genormte Stadt. Wie schön es hier ist, wie hell, versichern sie sich. Die Figuren in diesem Stationenstück, das sich wie ein Mosaik zusammensetzt, wirken, wie der Plattenbau, leicht beschädigt. Das Wohnhaus wurde in den achtziger Jahren gebaut, doch war das Bezirksamt sein einziger Mieter. Eine Behörde bildet deshalb auch den kafkaesken Handlungsrahmen des Stücks, das private und öffentliche Sphäre noch hoffnungsloser ineinander steckt, als es die dünnen Betonwände ohnehin tun. "Beamte" verweisen die Zuschauer von einem Raum, in dem sich ein Verhör abspielt, in einen anderen, wo sie eine Traumsequenz belauschen. Die engen Räume haben eine zermürbende Wirkung, doch erkennt man auch, wie virtuos sich mit Räumen spielen lässt. Vorstellungen bis zum 31. 7. jeweils 20 Uhr, Karten unter 0171/4257937