Im Fernsehen haben Angeklagte immer einen redegewandten Anwalt. Im richtigen Leben bekommen sie manchmal nicht einmal einen Pflichtverteidiger. Und wer sich dann keinen auf eigene Rechnung leisten kann, kommt vor Gericht leicht ins Schlingern - und häufig ins Hintertreffen. Zumal dann, wenn das Gericht die Rechte der Angeklagten auch noch unzulässig einschränkt. Das passierte einer 19jährigen Frau vor dem Amtsgericht Tiergarten.Verschüchtert hat Cindy G. auf der Anklagebank Platz genommen. Einen Anwalt hat sie nicht dabei. Laut Gesetz braucht sie den auch nicht, denn Cindy G. steht nicht wegen eines Verbrechens oder wegen eines Vorwurfs vor Gericht, der mit mindestens einem Jahr Haft geahndet wird. Nur in diesen Fällen steht einem ein Pflichtverteidiger zu. Cindy G. muß sich "nur" wegen Diebstahls verantworten. Einen Verteidiger müßte sie also aus eigener Tasche bezahlen. "Der Rechts- und Sozialstaat läßt es zu, daß die Rechte der Angeklagten untergebuttert werden", nennt Anwalt Hans-Joachim Ehrig die Pflichtverteidiger-Vorschriften. Ein Anwalt für Cindy G. hätte rund 800 Mark gekostet - bei einem monatlichen Nettoverdienst von 1 200 Mark fast unbezahlbar. Der Staatsanwalt wirft ihr vor, sie habe mit einem Bekannten einen Schmuckladen betreten und die Verkäuferin abgelenkt. Ihrem Bekannten sei es dadurch gelungen, Trauringe im Wert von 560 Mark zu stehlen.Noch bevor die Anklage verlesen wird, passiert der Richterin der erste Fehler. Die Schmuck-Verkäuferin, die als Zeugin vorgeladen ist, wird nicht aus dem Saal geschickt, obwohl das die Strafprozeßordnung vorschreibt. Sie darf zuhören, als die Personalien der Angeklagten erörtert werden. So erfährt sie, was Cindy G. verdient, sie bekommt einen Eindruck von der Redegewandtheit der Angeklagten und kann sich darauf einstellen.Die aufgeregte Angeklagte ohne juristische Vorbildung bemerkt diese Panne nicht. So nimmt der Prozeß seinen ungünstigen Lauf für Cindy G. "Ich bin nicht in den Laden gegangen, um zu stehlen", versichert sie im kindlichen Ton. Von den Plänen ihres Begleiters habe sie nichts gewußt. Aber dessen Namen will sie auch nicht nennen. "Er hat mir gedroht, wenn ich vor Gericht aussage", gesteht Cindy G. Aber die Richterin glaubt ihr kein Wort. Die Verkäuferin, die als Zeugin gehört wird, bestätigt die Vorwürfe. Richterin und Staatsanwalt stellen noch kurze Fragen. Dann wird die Zeugin entlassen. Keiner sagt der Angeklagten, daß eigentlich auch sie das Recht hätte, die Zeugin zu befragen. Keiner gibt Cindy G. die Chance, die Aussage der Verkäuferin anzuzweifeln oder einen möglichen falschen Eindruck zurechtzurücken.Cindy G. wird wegen Beihilfe zum Diebstahl zu 600 Mark Geldbuße verurteilt. Nicht einmal eine halbe Stunde hat der Prozeß gedauert. Zwei Verfahrensfehler sind der Richterin in dieser Zeit unterlaufen. Mängel, die einem Rechtsanwalt sicher aufgefallen wären. Mit anwaltlicher Hilfe wäre der Prozeß wohl auch in anderen Bahnen verlaufen.Cindy G. nimmt das Urteil an. Vielleicht, weil sie schuldig ist, vielleicht auch nur, weil sie sich Unannehmlichkeiten und Ärger mit ihrem Bekannten ersparen will. Für das Gericht ist der Fall abgeschlossen. Der nächste Angeklagte wird aufgerufen. +++