Weder Peter Boenisch noch Günter Prinz noch irgendein anderer seiner zwölf Vorgänger war länger Chefredakteur der Bild-Zeitung als Kai Diekmann. Zehn Jahre steht er an der Spitze des 1952 gegründeten Boulevardblattes. Diekmann hat Bild geprägt - und Bild Diekmann. Ist die Bild-Zeitung besser, wichtiger, erfolgreicher als vor zehn Jahren? Und ist Diekmann tatsächlich der "meistgehasste Chefredakteur Deutschlands", wie es das SZ-Magazin einmal formulierte?Als er 2001 Chefredakteur von Bild wird, ist Diekmann 36, aber schon seit mehr als zehn Jahren bei Springer. Er weiß, worauf es im Haus ankommt - anders als die jungen Hoffnungsträger von außen, die sich gerade anschicken, die Gunst der Verlegerwitwe zu gewinnen und neue Strukturen einzuziehen. Mit Mathias Döpfner, heute Springer-Chef, hat sich Diekmann angefreundet. Dass er als Chefredakteur gute Arbeit leistet, hatte er gerade bei der Welt am Sonntag bewiesen.Diekmann weiß, auf wen Verlass ist. Zum Beispiel auf den bei Springer verhassten, aber damals einflussreichen Großaktionär Leo Kirch. Ebenso auf den bis heute im Haus verehrten Altkanzler Helmut Kohl. Seit dem ersten Interview vor 30 Jahren für Diekmanns Schülerzeitung Passepartout verbindet die beiden eine enge Beziehung. 2002 ist Kohl Trauzeuge bei Diekmanns zweiter Ehe - sechs Jahre später sind Diekmann und Kirch die Trauzeugen bei Kohls zweiter Ehe.Bild-Chefredakteur zu sein ist bei Springer der schwierigste Posten. Täglich spricht die Verkaufszahl am Kiosk ihr Urteil, das Blatt ist das ökonomische Rückgrat des Konzerns, und es steht im grellen Licht der Aufmerksamkeit. Diekmann ist das bewusst, als er sich auf die neue Aufgabe vorbereitet. Ein Treffen mit Kanzler Gerhard Schröder war gut gelaufen, er hatte sich ein neues Team zusammengestellt, und sein Vorgänger hatte gerade ein Debakel erlebt, weil Bild berichtet hatte, in Sebnitz sei ein Junge von Nazis ertränkt worden. Tatsächlich lag kein Fremdverschulden vor. Diekmann tritt als derjenige auf, der Bild von einem Makel befreit. Sebnitz sei ein Beispiel gewesen, wie Medien ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden seien, mahnt Diekmann.Kein Monat vergeht, da hat Diekmann sein eigenes Debakel. Auf einem Foto hatte Bild aus einem Seil einen Schlagstock und aus einem Handschuh einen Bolzenschneider gemacht und beides dem an einer Demonstration teilnehmenden Grünen-Politiker Jürgen Trittin untergejubelt. Das Foto sei nur falsch beschriftet worden, redet sich Diekmann heraus.2001 verkauft sich Bild täglich rund 4,3 Millionen Mal. Zehn Jahre später steht die Auflage kurz davor, unter drei Millionen zu sinken. Zunächst hatte sich Diekmann an der Auflage messen lassen wollen. Damals, als er sein erstes Quartal mit einem Plus von 41000 Exemplaren abgeschlossen hatte. Nun sei der Abwärtstrend nicht nur gestoppt, sondern umgekehrt, sagte er. Als es danach bergab ging, gab Diekmann der Konjunktur die Schuld, später dem "Teuro". Schließlich sagte er: Wer glaube, dass Auflagenzahlen für publizistischen oder gar wirtschaftlichen Erfolg stünden, halte die Erde auch für ein Wurstbrot.Auch andere Zeitungen haben Auflage verloren. Und, ja, die Reichweite von Bild hat sich seit 2001 um rund eine Million auf 12,5 Millionen Leser erhöht und steigt mit den mobilen Angeboten. Auffallend ist dennoch, dass Diekmann wie ein Kaufmann argumentiert: mit Marktanteil, Umsatz, Gewinn und Rendite. Als Diekmann Bild übernahm, kostete die Zeitung 70Pfennige, heute 60Cent. Das brachte höhere Einnahmen als die gesunkene Auflage Verluste verursachte. Kosteneinsparungen und eine Vermarktungsmaschinerie für alle möglichen "Volks-Produkte" haben außerdem dazu geführt, dass Bild von Jahr zu Jahr Rekordergebnisse abliefert, auch 2010. Daran bemisst sich bei Springer Erfolg.Geschichten über "Naddel", Boris Becker, Uschi Glas und Dieter Bohlen dominieren unter Diekmann anfangs den Klatsch bei Bild. Politisch sind aus den Anfangszeiten Geschichten über Joschka Fischer nebst penetrant daneben montiertem RAF-Emblem, die Bonusmeilen-Affäre und "Florida-Rolf" in Erinnerung. Zwar beklagte sich Rot-Grün über die einseitige Berichterstattung über den angeblichen Sozialhilfe-Abzocker. Doch selten beeilte sich eine Regierung mehr, ein Gesetz zu novellieren - zum Nachteil der Staatskasse übrigens. Was den Kanzler nicht davon abhielt, das Foto vor dem Sarg seines Vaters in Bild zu inszenieren. Viele Medien kritisieren Diekmanns Bild-Kampagnen. Von der politischen Seite 2 lassen sie sich dennoch inspirieren.Braucht Diekmann aus der Branche Mitstreiter in eigener Sache, kann er der Unterstützung sicher sein. Diekmann weiß, welcher Begriffe es bedarf, um bestimmte Reflexe auszulösen. Pressefreiheit ist einer davon. Sie ist in Gefahr, wann immer Bild gerichtlich angegangen wird. Und dagegen protestieren dann Chefredakteure Seit' an Seit' mit Diekmann in Bild.In der öffentlichen Wahrnehmung polarisiert Diekmann. Seine anliegenden, in Strähnen erstarrten Haare mögen zum Klischee vom Gossenreporter passen. Im persönlichen Gespräch gewinnt er durch Intelligenz, Lockerheit und Humor - womit er jene irritiert, die ein dumpfes, skrupelloses Gegenüber erwarten. Daraus macht er sich gern einen Spaß - zuletzt mit seinem 100-Tage-Blog, mit Videoclips, Gaga-Interviews und Mails, in denen er Kritikern vermeintlich Hilfe anbietet, wegen welcher Geschichten sie die "schlimme Bild-Zeitung" anprangern sollten. Auf Vorwürfe antwortet der "Wir-sind-Papst"-Zeilenmacher auch mal mit dem Satz: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein."Seit ein paar Jahren scheinen Ironie und inszenierte Selbstkritik Diekmanns liebste Mittel zu sein, um Kritiker zum Schweigen zu bringen. Einen Leserbeirat hat er gegründet, der Bild kritisiert und Tipps erteilt. Bild: die gläserne, volksnahe Zeitung? Wie Bild Wahrheiten verdreht, sich mit den einen verbrüdert und gegen andere schießt, wie sie mit der Darstellung von Sex, Unglück und Opfern umgeht - all das ist Bild-typisch und hat, will man einen Sinn darin erkennen, die Funktion, seriösen Zeitungen zu demonstrieren, wie man es nicht macht. Doch selbst das 2004 gegründete Bildblog hat aufgehört, sich ausschließlich den Verfehlungen von Bild zu widmen.Womöglich hat auch das etwas mit Springers Renditedenken zu tun. Allein 2005 sollen die von Bild verursachten Anwaltskosten und Schmerzensgeldzahlungen zwölf Millionen Euro betragen haben, also schätzungsweise ein Zehntel des vermutlichen Jahresgewinns der Bild-Zeitung, rechnete die Süddeutsche damals vor. Denn nicht jeder will sich mit Bild gemein machen. Einige verschafften ihrem Ärger öffentlich Luft. Schauspielerin Sibel Kekilli schalt Bild bei der Bambi-Verleihung, Charlotte Roche beschimpfte Döpfner bei einem zufälligen Treffen im Flugzeug, sie halte ihn wegen Bild für einen schlechten Menschen.Der Schriftsteller Gerhard Henschel wunderte sich 2006 in seinem "Gossenreport", wie es sein könne, dass Diekmann, Döpfner und Friede Springer geachtete Persönlichkeiten seien, obwohl sie ihr Geld mit dem täglich in Bild-Artikeln, -Fotos und -Anzeigen zu findenden Sexmüll, mit Persönlichkeits- und Menschenrechtsverletzungen verdienten. Henschel schreibt: "Wer Bild als Kolumnist oder als Interviewpartner dient, der ist ethisch gerichtet und hat seinen intellektuellen und moralischen Bankrott erklärt." Trotzdem empfangen der alte und der aktuelle Papst Bild, und aus allen Bereichen greifen Autoren für Bild zur Feder - womöglich ist Furcht vor mangelnder öffentlicher Aufmerksamkeit im Spiel oder Diekmanns Freundlichkeit, die Höhe der Auflage oder die Größe der Schrift allein sind schon so verführend.Neue Liebe, neues BuchBisweilen aber kann man fast verstehen, warum es Bild an Respekt vor postulierten Ansprüchen auf Privatheit mangelt. Zum Beispiel, wenn sich bei Recherchen zu den Methoden des Blattes eine bekannte Moderatorin meldet, die erschreckende Fälle zu berichten weiß, in denen sie sich von Bild unter Druck gesetzt und verfolgt fühlte. Nur zitieren lassen will sie sich nicht. Der Grund lässt sich kurze Zeit später erahnen. Ein Foto zeigte sie in Bild: Die neue Liebe will präsentiert, das neue Buch beworben werden. Solche Beispiele bieten Diekmann Munition. Er sammelt leidenschaftlich Fehler und Schwächen anderer und weiß sie einzusetzen, um eigene Verfehlungen zu verharmlosen. Seine Argumentation basiert auf der Annahme, "wir Medienleute sitzen alle in Glashäusern".Von Diekmann stammt das Zitat: "Ich glaube, es gibt nur wenige Bild-Chefredakteure, die irgendwann sagen: 'Mein Werk ist vollbracht, ich ziehe mich zurück.'." Vielleicht will er es Kohl gleichtun. 16 Jahre betrug seine Amtszeit. Diekmann wäre dann erst 52 Jahre alt.------------------------------Keinen Monat im Amt, da hat Diekmann sein eigenes Debakel. Auf einem Foto hatte Bild aus einem Seil einen Schlagstock und aus einem Handschuh einen Bolzenschneider gemacht und es dem Grünen-Politiker Jürgen Trittin untergejubelt.Foto: Kai Diekmann an seinem Schreibtisch in Berlin

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