Er trägt eine Designer-Brille mit bläulich gefirbten Gläsern. eine Jeans und ein fusseifreies Boss-Sacko -- sieht so ein Kaiser aus? So sieht Franz Bekkenbauer aus, wenn er ein Interview gibt. Bis zum Ende der Bundesliga-Saison hat er sich in ein Münchner Hotelzimmer einquartiert, um zu erreichen, was sein Vorgänger Erich Ribbeck nicht schaffte: den Titelgewinn. Mit Franz Beckenbauer sprach unser Mitarbeiter Sven Siedenberg.Berliner Zeitung: Herr Beckenbauer, soeben haben Sie mit dem FC Bayern ein sechstägiges Trainingslager in Nizza absolviert. Der dort zum Kapitän ernannte Lothar Matthäus sagt, ein so hartes Training habe er bislang selten erlebt.Beckenbauer: Sicher, die Tage waren hart. Aber unter Tschik Cajkovski oder Branco Zebec haben wir damals zum Teil noch viel härter trainiert.Wie fällt ihre Bilanz nach vier Wochen Trainingsarbeit beim FC Bayern aus?Recht zufriedenstellend. Diese Mannschaft hat Charakter. Alle haben bisher mitgezogen, keiner hat sich hängenlassen, und das, obwohl wir jetzt schon immer um 9 Uhr mit dem Trainlng anfangen und nicht erst um 10 Uhr. Das einzige, was nicht funktioniert hat, war das Testspiel gegen Nizza. Aber beim 2:3 waren die Jungs eben nicht voll da. Das kommt mal vor.Woran hat s denn zuletzt gehapert beim FC Bayern?Es sind alles hervorragende Spieler, jeder einzelne, aber es hat die Einheit gefehlt. Wir müssen das Selbstbewußtsein einkehren lassen, daß nichts außer der Meisterschaft angestrebt wird. Mir hat zuletzt die Begeisterung gefehlt, um die letzten 10, 20 Prozent an Leistung herauszuldtzeln. " D~s werden wir schon hinkriegen. Mit einer härteren Gangart als bisher?Wenn s nicht anders geht, ja. Ich verlange hundertprozentigen Einsatz. Ich glaube, die Spieler wissen, sie spielen mit ihrem Beruf. Und dafür haben sie doch eh nur zehn, zwölf Jahre. Und was ist Arbeit? Der eine schaut zum Fenster raus und denkt, das ist Arbeit, der andere arbeitet zehn Stunden unter Tage. Außer in meiner Ausbildung bei der Allianz -- da mußte Ich nämlich die Brotzeit für alle holen -- hatte ich beim Fußball nie das Gefühl, daß ich arbeiten mußte. Wie fühlen Sie sich als Bundesliga-Trainer?Am Anfang bin ich mit gemischten Gefühlen an diesen neuen job herangegangen. Schließlich liegt meine letzte Trainerstation in Marseille schon drei Jahre zurück. Aber mittlerweile bin ich so drin in der Arbeit, als wenn es diese drei Jahre nie gegeben hätte.Dann ist ein Weitermachen in der kommenden Saison doch nicht ganz ausgeschlossen?Das kann Ich mir schlecht vorstellen. Durch diesen Job habe ich die ganzen Termine mit meinen Vertragspartnern auf den Herbst verschieben müssen. Nein, vier Monate, und dann ist Schluß.Haben Sie gegenüber der Zeit als Teamchef Ihre Arbeitsweise umgestellt?Die Anforderungen sind hier höher. Bei der Nationalmannschaft ging es Im Tralningslager vor einer Weltmeisterschaft mehr um Regeneration nach einer harten Saison. Ansonsten ist und bleibt mein Prinzip: eine gründliche Vorbereitung, um das Bestmögliche aus den Spielern herauszuholen.Ist der Trainer Beckenbauer strenger als der Spieler Beckenbauer? Kann sein, manchmal habe Ich früher wohl überzogen. Meine Mannschaftssltzungen waren häufig zu lang, und sogar ein Team wie Malta habe Ich mir dreimal angesehen. Aber Ich will mir eben keine Fehler nachsagen lassen.Sie gelten allgemein als Glücksbringer.Ja, die Leute überlegen: Der Beckenbauer hat sportlichen Erfolg gehabt, ohne Glück geht so etwas nicht. Also ist er einer, der Glück hat. Aber da steckt viel Hartnäckigkeit dahinter. Das wollte man vor allem in meinen sechs Jahren beim deutschen Fußballbund nicht wahrhaben. Dort hieß es: Der entscheidet aus dem Hauch, deshalb hat er Glück. Blödsinn, habe ich gesagt, schaut euch meine Aufzeichnungen an: Sechs, sieben DINA4-Seiten für jedes Spiel, das ist mühevolle Detallarbeit. Sind Sie sehr ehrgeizig?Ich glaube schon, ehrgeizig und disziplinlert. Aber man sollte das tun, was man am besten kann. Meine Stärken liegen nun mal im Sport und da speziell beim Fußball.Sie haben früher auch mal gesungen.Ja, das ist jetzt abe~r s~hon sehr lange her. 1960 war das, da haben wir eine Platte aufgenommen. Das war die Zeit, wo fast jeder Sportler, der irgend etwas erreicht hat oder versucht hat, etwas zu erreichen, gesungen hat. Aber die meisten Lieder, die damals aufgenommen wurden, wurden dann eingestampft und nie wieder gespielt. Das ist auch besser so.An was erinnern Sie sich gerne? Ich denke gerne zurück. Ich bin eigentlich recht zufrieden mit all dem, wie sich das alles entwickelt hat. Ich bin durch das Glück begünstigt worden. Ich hatte das Glück, in eine Zeit hineingeboren zu sein, wo der professionelle Sport erst am Anfang stand. 1963 wurde die Bundesliga gegründet und steckte noch in den Kinderschuhen. So richtig professionell ging es eigentlich erst Anfang der 70er Jahre zu. In dieser Zeit begann der Fußball auch einen gewissen gesellschaftlichen Stellenwert zu erhalten. Die Möglichkeiten, die ich durch den Fußball bekommen habe, dafür bin Ich dankbar. Fußball Ist ja auch mit sehr vielen Reisen verbunden, mit sehr vielen Bekanntschaften und Begegnungen mit Menschen von anderen Kontinenten -- da bekommt man natürlich einen anderen Horizont. Sie geiten als "Lichtgestalt" des deutschen Fußballs, wurden zum "Kaiser" geadelt und auch sonst begegnet man ihnen ausschließlich mit BewunderungDas freut einen natürlich. Aber Erfolg muß man sich erarbeiten. Kein Mensch bekommt den Erfolg geschenkt. Sicherlich, Ich bin begünstigt worden durch das Talent, das Ich mitbekommen habe, daß Ich mit dem Ball vielleicht besonders umgehen kann. Aber ich habe so viele Talente erlebt, die mit mir ohne weiteres auf derselben Stufe standen, die aber einfach den Durchbruch nicht geschafft haben. Aus ganz unterschledlichen Gründen: Weil sie charakterlich vielleicht nicht in Ordnung waren oder weil sie viellelcht zu faul waren, sich zu quälen. Es gehören viele Dinge dazu, wenn man eine erfolgreiche Karriere bestreiten will.Beim ersten Training vor vier Wochen kamen über 3000 SchaulustigeIch wundere mich auch, daß man dem Trainer des FC Bayern so ~iel Bedeutung beimißt. Das kann ich mir nicht erklären. Natürlich hängt das alles auch mit meinem Erfolg zusammen, daß man mir so einen Heiligenschein umhängt. Recht ist es mir aber nicht, weil ich glaube, daß ich ein ganz normaler Mensch bin.Eine rote Karte haben Sie nie zu sehen bekommen, aber nkht selten die gelbe, und zwar fast immer fürs Meckern. Neigen Sie auch privat zu Jähzorn?Beim Autofahren. Allerdings nur, wenn man mich herausfordert. Da kriege ich schon mal Anfälle. Wenn mich einer auf dem Spielfeld herausforderte, hat er meist nicht mehr lange gespielt, dafür haben Katsche Schwarzenbeck und ich dann gesorgt. Und zwar abwechselnd.Sie haben mal gesagt. daß Sie an Reinkarnation glauben.Ja, ich glaube tatsächlich an die Wiedergeburt. Vlelleicht war ich schon mal da, als Pflanze oder so. Ich weiß es nicht. Ich habe mich bislang noch nicht rückführen lassen. Aber das möchte Ich vielleicht mal.Wie ist das mit der Kritik: Manchmal teilen Sie ja kräftig aus, können Sie auch einstecken?Ich glaube schon. Mich darf jeder kritisieren, wenn es sachlich ist und wenn es der Wahrhelt entspricht. Was ich halt nicht mag, Ist Ungerechtigkeit.Haben Sie eigentlich Feinde? Ich glaube nicht. Ich bin von Natur aus ein freundlicher Mensch, versuche freundlich zu sein, weil ich meine, daß es das Mindeste ist, was man von einem Menschen verlangen karin. Man tut sich ganz einfach leichter. In Kitzbühel, wo ich seit längerem wohne, grüßt man sich und wünscht sich einen guten Tag, auch wenn man sich nicht kennt. Das sollte überall so sein.Wle viele gute Freunde haben Sie? Das ist die Frage, was man unter Freund versteht, wie belastbar eine solche Beziehung sein soll Zu meinen guten Freunden zähle ich meine Mutter, meine Kinder, den engen Famlllenkreis, Robert Schwan -- wir wohnen in Kitzbühel ja in einem Haus -- und noch ein paar andere.Noch mal zu Ihrem Engagement beim PC Bayern. Wenn s nicht klappt mit der Meisterschaftich bin mit dem Anspruch angetreten, deutscher Meister zu werden. Für mich zählt nur der Titelgewinn, alles andere wäre eine Enttäuschung. Was bringt das außer Geld, wenn der dritte belgische gegen den Viel~ten d~ut~cbeh Verein im UEFA-Cup s~lelt? Das ist der Pokal der Enttäuschten.Und wenn Sie trotzdem nur sechster werden?Wenn wir sechster werden, dann haben wir Pech gehabt. Aber Ich denke jetzt nicht negativ. Aber es kann passieren, es kann alles passieren. Es gibt keine Garantlen, schon gar nicht mi Sport. Es ist ein Spiel. Kann sein, daß wir abstürzen, daß wir plötzlich vier oder fünf Verletzte haben, Spieler, die zu den Leistungsträgem gehören. Dann müssen die Erwartungen halt heruntergeschraubt werden. Aber wir haben dann wenigstens alles versucht. Die vier Wochen, die ich jetzt die Mannschaft trainiere, sind wir konditionell auf einem sehr hohen Niveau, wir können ein hohes Tempo gehen, die Moral stimmt, die Begeisterung ist da. Wir liegen voll im Soll. Nur, das allein reicht nicht wir mtissen die Spiele gewinnen. Vor allem unser erstes Splel gegen Stuttgart am 13. Februar. Wir müssen gewinnen, sonst ist alles, was wir bisher gemacht haben, umsonst.Haben Sie eigentlich nicht auch mit einigen kritischen Worten dazu beigetragen, Ihren Vorgänger Erich Ribbeck zu stürzen?Ich bin der letzte, der den Job haben wollte. Man war in der Vereinsführung der Meinung, daß man mlt mir eher deutscher Meister wird. Okay, dachte Ich, wenn das so ist, die vier Monate machst du halt, die wirst du auch überstehen. Wenn jedes Wort von mir auf die Waagschale gelegt wird, dann gehe ich eben wieder in die Berge und spiele Golf.Was haben Sie noch für Pläne? Ich habe eigentlich keine weiteren Planungen. Ich lasse die Dinge auf mich zukommen. Was ich möchte, Ist, daß es mir irgendwann mal gelingt, ein anständiger Mensch zu werden. Ich glaube, ich bin auf einem ganz guten Weg dazu.Vielleicht war ich schon mal da, als Pflanze oder so.Die Spieler wissen, sie spielen mit ihrem Beruf.Für mich zählt nur der Titelgewinn.Alles andere wäre eine Enttäuschung.