KALININGRAD, im Juni. In der Sommerstraße gibt es das alte Schulgebäude aus dunkelroten Ziegeln. Hundert Meter weiter steht der T34-Panzer zur Erinnerung an das Heldentum der Sowjetsoldaten bei der Einnahme der Stadt im April 1945. Es gibt ein Kant-Denkmal und ein Denkmal für Lenin. Es gibt das alte deutsche Villenviertel am Oberteich und die heruntergekommenen Plattenbauten am Moskowski Prospekt. Es gibt Straßen mit Schlaglöchern wie Fallen und in diesen Straßen Kanaldeckel mit der deutschen Aufschrift "H. Behrendt". Es gibt Kaliningrad, und irgendwie gibt es auch Königsberg.Am Prospekt Mira sitzt ein junger, dicker Mann in seinem engen Laden. Ein Geschäftsmann in schwarzer, schwerer Lederjacke. Sein Laden ist voller Antiquitäten. Alte deutsche Stahlhelme. Trinkflaschen der Wehrmacht. Ein Emailleschild mit der Aufschrift "Nicht hinauslehnen". Ein anderes Schild mit Werbung für "Alkoholfreie Limonaden und Selters". Auch Nippesfiguren, Bierflaschen, Rasiermesser und Kaffeemühlen aus Holz. Maxim Nestrukow handelt mit solchen Sachen. Sie kommen aus dieser Stadt. Aus den Häusern, in denen früher Deutsche wohnten und heute Russen. Manchmal werden sie bei Erdarbeiten gefunden. "Aber viel", sagt Nestrukow, "viel kommt jetzt nicht mehr dazu. Es ist zu lange her."Dafür gehen die Sachen gut weg. Viele Leute in Kaliningrad kaufen jetzt eine Eigentumswohnung. Oder sie bauen ein Haus. Sie suchen alte deutsche Ansichtskarten und übernehmen Stilelemente von damals. Wer Geld übrig hat, stellt sich gern eine Königsberger Antiquität in die Wohnung.Ein Mann kommt in das Geschäft von Maxim Nestrukow am Prospekt Mira. Er trägt einen Jogginganzug und mischt sich in das Gespräch. Es geht um Kaliningrad, Königsberg und das 750-jährige Jubiläum der Stadt. Wladimir Mischagin, 60 Jahre, Rentner, war früher KGB-Offizier und ist 1981 aus Saratow nach Kaliningrad gekommen. Seine Kinder sind in der Stadt geboren. "Jedes Stück Land gibt eine gewisse Energie an die Menschen ab", sagt er. "Egal, ob man Deutscher, Russe oder Sowjetbürger ist. Man lebt in dieser Stadt und muss sich mit ihr identifizieren." So macht er es jedenfalls. Seine Ansichten haben sich geändert. Er denkt heute anders als früher. "Das hier ist eine teure Erde", sagt er. Für die Deutschen, weil es ein Andenken ist. Für die Russen, weil sie jetzt hier leben.Mischagin wohnt in einem ehemaligen deutschen Haus. Es gibt davon noch eine ganze Menge, im früheren Quednau, im Stadtteil Amalienau und, besonders schön gelegen, am Oberteich. Aber der Putz bröckelt, die Farben verblassen, und aus vielen Einfamilienhäusern sind Kommunalkas geworden. Das heißt, dass in jedem Zimmer eine andere Familie lebt.Für Mischagin scheint es etwas zu bedeuten, dieses deutsche Haus. Er erzählt, dass es da sogar noch einen originalen Gaszähler gibt. Offiziell wird jetzt 750 Jahre Kaliningrad gefeiert, aber der frühere Geheimdienst-Offizier sagt, dass das eine Dummheit ist. Wenn es nach ihm ginge, würde man 750 Jahre Königsberg feiern. "Ich selbst habe zu meiner aktiven Zeit Lkw-Ladungen mit Dokumenten, die die Verbrechen Kalinins betrafen, zur Vernichtung gefahren." Michail Kalinin war einer der engsten Gefolgsmänner Stalins. Mischagin fragt sich, wie man dann eine Stadt mit solchem Namen feiern kann.Wahrscheinlich ist nie zuvor in so kurzer Zeit so viel gebaut worden wie vor dem Jubiläum. Vier Milliarden Rubel sind in die Stadt geflos-sen, mehr als 100 Millionen Euro. Die Hauptstraßen im Zentrum werden Tag und Nacht geteert. Für die Nebenstraßen reicht es nicht. An der neuen Kaiserbrücke über den Pregel wird rund um die Uhr gebaut. Das alte Königstor soll auch in einer Woche wie neu sein. Der Platz des Sieges, früher ein großer, hässlicher Parkplatz, ist jetzt ein Ort mit Wasserspielen, Bänken und historisierenden Laternen.Aber das Potemkinsche Dorf ist in Russland nicht vergessen. Die Häuserfassaden an der Straße, durch die Putin in die Stadt rauschen soll, wurden getüncht. Vor drei Tagen wurde damit begonnen, an der Ruine des "Hauses der Räte" Fenster einzusetzen und das Ungetüm mit weißer Farbe zu überziehen. Das Haus der Räte ist ein nie fertig gestellter riesenhafter Verwaltungsbau, ein grau-schwarzes, hässliches Wahrzeichen Kaliningrads.Auch Dächer wurden gemacht, Regenrinnen, Hauseingänge, Vorgärten. Jan Eschenburg sagt, es ist jetzt Krieg in Kaliningrad. Der frühere NVA-Offizier lebt seit zwölf Jahren in der Stadt und geht hier Immobiliengeschäften nach, die ihn ziemlich wohlhabend machen. "Die Russen", sagt er, "können nur im Krieg organisieren, in zugespitzten Situationen. So wie jetzt, wo sie schnell fertig werden müssen, weil in einer Woche gefeiert wird. So ist ihre Mentalität. Das sagen auch meine russischen Bekannten." Wenn es nach ihm geht, kann dieser spezielle Krieg noch eine Weile andauern. Er trägt ein gelbliches Jackett mit Hahnentrittmuster, dazu ein erlesenes Hemd mit Krawatte. Er ist ein Geschäftsmann, der es gern sieht, wenn die Leute Geld in die Tasche bekommen, damit sie seine Wohnungen mieten können.Zu seinen russischen Bekannten gehört Maria Alexandrowna. Der Nachname tut jetzt nichts zur Sache, weil auch ihr Sohn Alexej am Tisch sitzt und seine Frau Oksana. Alexej ist 28 und darf als Offizier im Stab der Ostseeflotte eigentlich nicht mit Journalisten reden. Er hat die Haare an der Stirn hochgebürstet und trägt spitze, weiße Schuhe. Seine Mutter hat den Tisch gedeckt. Oksana tut ihrem Mann das Essen auf den Teller. Es gibt Teigtaschen mit kleingeschnittenem Fleisch, Warenniki mit Kartoffelfüllung, geräucherten Lachs, Gurken und Tomaten mit Dill. Nach russischer Sitte muss beim Zuprosten ein Trinkspruch ausgebracht werden. So trinken wir auf Kaliningrad. Auf Königsberg. Und später auf alle Städte, die am Meer liegen.Maria Alexandrowna ist vor 25 Jahren in die Stadt gekommen. Es hat für sie keine tiefere Bedeutung, dass hier einmal Deutsche gewohnt haben. Ihre Schwiegertochter Oksana aber sieht die Geschichte mit anderen Augen. "Wir wohnen an einem Ort, der einmal deutsch war. Damit müssen wir uns identifizieren. Die Geschichte der Stadt ist die Geschichte der heutigen Bewohner. Es geht gar nicht anders."Auf dem Markt, neben dem Hot Dog-Stand, hatte sich am Tag zuvor ein Mann in mein Gespräch mit dem Immobilienmakler Eschenburg eingemischt. Der Mann war hinter uns gegangen und hatte uns deutsch sprechen hören. Es war ein Rechtsanwalt, Wladimir Bordinski, der sich dafür entschuldigen wollte, was die Russen aus Königsberg gemacht hätten. Es sei ihm peinlich, in die Augen der Deutschen zu schauen, sagte er, und dass die Russen nun mit dem leben müssten, was sie verdorben haben.So ähnlich ist es jetzt am Tisch von Maria Alexandrowna. Es ist keine entsprechende Frage gestellt worden, aber Oksana sagt, dass es ihr peinlich ist, was nach dem Krieg passierte. "Die Russen haben die Stadt heruntergewirtschaftet und die Erinnerung an früher zu tilgen versucht", sagt sie. Ihre Mutter empfindet es ähnlich. Als sie ankam, war sie fassungslos über den Zustand der Stadt. Durch Nachlässigkeit, Gewohnheit und Desinteresse sei in Kaliningrad so viel kaputt gegangen, dass sich viele Russen heute dafür schämten.Aber es scheint so zu sein, dass es jetzt langsam aufwärts geht. Viele der jungen Leute sind gut ausgebildet. "Das Leben hat sich Schritt für Schritt verbessert", sagt Maria. "Eine Hälfte der Bevölkerung lebt ganz gut, die andere aber sehr schlecht." Es werden Wohnungen wie in Westeuropa gebaut, doch Alexej und Oksana wohnen bei ihrer Mutter, weil auch die Preise sich Westeuropa annähern. Vielleicht ist es für das junge Paar eine Zwischenzeit. Oksana hat zwei Jobs, aber es reicht nicht.Begüterte Moskauer und andere Russen kaufen sich in Kaliningrad ein. Sie träumen von einer Brückenfunktion der Stadt nach Europa und wollen rechtzeitig auf dieser Brücke stehen. Das Jubiläum scheint einen anderen Geist in die Stadt gebracht zu haben. Die Kaliningrader hoffen, dass der gute Geist nicht nach den dreitägigen Festlichkeiten weiterzieht.Auch Marias Familie wird feiern, aber was? Sechzig Jahre Kaliningrad? 750 Jahre Königsberg? 750 Jahre Kaliningrad? Es ist fast ein Streit geworden. Sie haben sich schon gegenseitig die Frage gestellt und wussten nicht recht, wie sie sie beantworten sollten. Oksana entscheidet sich jetzt einfach für 750 Jahre Stadtgeschichte. Und Maria, ihre Schwiegermutter, sagt, dass das Schicksal sie in diese Stadt gebracht hat. "Also feiern wir das Stadtjubiläum."Tatjana Kondakowa ist eine große, kräftige Frau mit blonden hochtoupierten Haaren und engen Augen. Vor vielen Jahren ist sie aus Wladikawkas im Kaukasus gekommen. Auf ihrem Schreibtisch im Rathaus liegen nicht die preiswerten "Parliament"-Zigaretten, sondern, wie ein Statussymbol, Rothmans. Kondakowa ist die Stadtarchitektin und hält eine Fotografie in der Hand. "Schauen Sie", sagt sie, "so sah es hier noch in den sechziger Jahren aus." Das Bild zeigt eine ruinierte Straßenlandschaft mit Fensterhöhlen. "Viele Jahre hat die Kultur der Architektur in unserem Staat keine Rolle gespielt. Aber wir Kaliningrader lieben unsere Stadt, sie hat einen heiligen Geist, der fordert, dass man aus diesem Ort wieder etwas macht."Die lange Geschichte der Stadt soll fortgesetzt werden. Gerade fand ein internationales Symposium statt, auf dem diskutiert wurde, wie der historische Stadtkern wieder entwickelt werden kann. Für später ist an einen internationalen Wettbewerb gedacht. Wenigstens die Zukunft soll eine Sache sein, die hier nicht verspielt wird. Es wird diskutiert, und noch später will die Stadt ihre Bürger befragen. Wollen wir einen Stadtkern, der an das alte Königsberg erinnert? Oder soll es ein modernes Zentrum geben? Oder besser eine Mischung von beidem?Tatjana Kondakowa holt ein weiteres altes Foto hervor. Es ist ein Blick von der Großen Schlossteichstraße über den Unterteich auf ein Haus. "Bis Kriegsende war das mal ein schönes Hotel", sagt sie. "Wir möchten es originalgetreu wieder herstellen. Der Platz, auf dem das Gebäude stand, ist heute noch frei." Ein Privatmann will den Wiederaufbau bezahlen. Fachleute sind schon in den Archiven unterwegs, um weitere alte Fotos und Entwürfe zu finden. Das Haus soll eine Perle werden. Kaliningrad ist eine Stadt, die Perlen gebrauchen kann.Das alte Königsberg ist untergegangen, aber weg ist es nicht. Die Visitenkarte des Antiquitätenhändlers Maxim Nestrukow ziert ein alter Stich vom Schloss. Kondakowa hat eine Fotografie der Alten Börse an der Wand. Anfang des letzten Jahrhunderts gab es eine Bierfabrik mit dem Namen "Ostmark". Unter der gleichen Bezeichnung wird heute am gleichen Platz Bier von Russen gebraut. Ein junger Geschäftsmann ließ anlässlich seines Firmenjubiläums einen Kalender mit Königsberger Ansichten produzieren.Und noch etwas gibt es. In Kaliningrad und dem ganzen Gebiet stehen verfallende Gebäude aus deutscher Zeit, um die sich niemand kümmert. Nur ein paar Leute hatten eine Idee. Sie bildeten Abrissbrigaden, die die roten Ziegelsteine bergen, aufarbeiten und verkaufen. An die Leute, die jetzt bauen. Zum Beispiel in einem Viertel auf den Nordbergen. Dort stehen neue, schöne Häuser der Russen, die nun in den alten Steinen der Deutschen leben.------------------------------"Egal, ob man Deutscher, Russe oder Sowjetbürger ist. Man lebt in dieser Stadt und muss sich mit ihr identifizieren."Wladimir Mischagin------------------------------"Wir Kaliningrader lieben unsere Stadt, sie hat einen heiligen Geist, der fordert, dass man aus diesem Ort wieder etwas macht."Tatjana Kondakowa, Stadtarchitektin------------------------------Foto : Michail Kalinin, der Namensgeber der Stadt, war einer der engsten Vertrauten von Stalin. Sein Denkmal steht auf dem Platz vor dem Bahnhof.