Vor 60 Jahren hat das Berliner Kammergericht den Vornamen Esther für nichtjüdische Mädchen verboten. Der "typisch jüdische Name" sei mit dem "gesunden Volksempfinden" nicht in Einklang zu bringen, so die Richter. Damit war am 28. Oktober 1938 das letzte Wort gegen die Namensgebung der Tochter eines evangelischen Pfarrers gesprochen. Sie hieß bis 1946 Elisabeth. Für die heutige Präsidentin des Kammergerichtes, Gisela Knobloch, zeigt dieser relativ unbekannte Richterspruch aus der Zeit des NS-Regimes, wie "ideologiegläubig" Juristen sein können. Es erschrecke sie, so die Präsidentin am Mittwoch abend bei einer Veranstaltung der Rechtsanwaltskammer, wie damals Richter von Zivilgerichten "mit Eifer und Engagement" Recht gebeugt hätten. "Wir können uns an diesem Beispiel selbst prüfen, ob wir uns bei Urteilen von politischen Ideen leiten lassen", so Gisela Knobloch. Die Veranstaltung in Erinnerung an die in die übliche Namenrechtsgebung eingreifende Entscheidung war am historischen Ort: In dem großen Saal des Kammergerichtes in der Schöneberger Elßholzstraße hatte der Volksgerichtshof getagt und die Urteile gegen die Widerstandskämpfer vom 20. Juli verkündet. Der Anwalt Winfried Seibert hat sich für den Fall so interessiert, daß er ihn in dem Buch "Das Mädchen, das nicht Esther heißen durfte" als "exemplarische Geschichte" erzählt. Nach umfangreichen Nachforschungen ist es Seibert gelungen, nahezu alles zu dem Urteil aufzutreiben. So fand er etwa heraus, daß einer der vier beteiligten Richter nach 1945 seine Tätigkeit beim Bundesgerichtshof fortsetzen konnte. "Eine normale, ungebrochene Karriere", so Seibert während seiner Lesung. Als besonders erschreckend bezeichnet es Seibert, daß die Juristen bei der "vergleichsweise kleinen, zum Alltag gehörenden Sache" genauso akribisch vorgingen wie der Volksgerichtshof bei den Exzessen. "Damit sind die Richter von sich aus über das Prozeßziel hinausgeschossen", sagt Seibert. Die Richter, die ausholend in die biblische Geschichte hineinstiegen, müssen, so Seibert, "ernsthaft an die Gefahr des Judentums" geglaubt haben. Die dabei gewählten Worte seien "furchterregend." Das Urteil gebe Einblicke in die damalige Vorstellungswelt der Richter. So beschrieben sie das Jahr 1938 als "gottgesegnetes Kampfjahr, von dem in tausend Jahren Deutsche noch mit Stolz und Ehrfurcht sprechen".