Die jüdischen Kulturtage haben unter ihr diesjähriges Motto "New York" drei Kammermusikabende gestellt. Ausgewählt hatte der in Berlin lebende Pianist Vladimir Stoupel Werke des westschweizer Emigranten Ernest Bloch und der aus jüdischen Einwandererfamilien stammenden Amerikaner Aaron Coopland und George Gershwin. Daneben stehen aber auch Komponisten wie Brahms, Bruch und Mendelssohn-Bartholdy, die New York nie sahen. Die gesetzte Thematik von "Einwanderung, Tradition und Assimilation" ist sehr weit umkreist worden. Und so steht die Entdeckung jüdischer Tradition bei Emigranten wie Eric Zeisl oder Stefan Wolpe noch aus.Das zweite Konzert im akustisch hervorragenden Vortragssaal des Centrum Judaicum stand im Zeichen von Max Bruch. Die "Acht Stücke für Klarinette, Viola und Klavier" sind seine wichtigste und größte kammermusikalische Arbeit. Entstanden sind sie 1910, in dem Jahr, als der 72jährige Professor in den Ruhestand trat, nachdem er fast 20 Jahre eine Meisterklasse an der Berliner Akademie der Künste geleitet hatte. Langsame und melancholische Melodien werden von Viola und Klarinette abwechselnd vorgetragen. Auf den Volkston seiner Kompositionen war Bruch stolz, und nur selten wagte er sich an harmonische Ausschweifungen: Das Klavier bleibt immer in Begleitung. Dabei gelang es Vladimir Stoupel nicht, die eintönigen Akkordbrechungen klanglich und dynamisch zu differenzieren. Den schlichten Melodien Bruchs entsprach der satte Bratschenklang von Igor Bobylev. Wenn er sich mit der Klarinette von Mattias Simm in tiefer Lage in langen Bögen vereinte, entfaltete sich ein zauberhafter Klang. Der Westschweizer Ernest Bloch begründete in den USA nach seiner Emigration eine neue jüdische Musik. Seine Anknüpfungspunkte waren dabei orientalisch klingende Tonleitern und der Gestus des Sprechgesangs in der Synagoge. Für das "Gebet" und die "Meditation hébraique" war Victor Yoran der beste Interpret. Er ist ein Cellist russischer Schule und entlockt seinem Instrument auch im Forte scheinbar ohne Anstrengung noch warme, runde Farbigkeit. Die extremen Lautstärkenunterschiede trafen den expressiven Ton des geistlichen Rezitativs. Stoupel war ein einfühlsamer Begleiter. Von Maurice Ravel ist bekannt, daß er sich für spanische Folklore interessierte. Viel weniger bekannt ist, daß er 1914 zwei hebräische Lieder komponierte. Das "Kaddish", die rituelle Totenklage, spielte Victor Yoran in einer Bearbeitung für Cello. Der weit ausholenden und wieder ganz in sich zurück sinkenden Trauergeste unterlegt Ravel eine archaische Klavierbegleitung, die an schwingende Bordunsaiten erinnert.Aaron Copland war neben Roger Sessions einer der wichtigsten Vordenker einer eigenständigen amerikanischen Musikästhetik. Diese sollte als Moderne neben den europäischen Traditionen stehen, als typisch amerikanisch erkannt werden und nicht auf den Jazz beschränkt bleiben. 1929 entstand ein Klaviertrio mit dem Titel "Vitebsk ­ Studien über ein jüdisches Thema". Ein einfach gebautes Motiv wird traditionellen Techniken wie Kanon und Umkehrung unterzogen. Doch dann erscheint die Moderne: durch Ineinanderschiebung von Dur und Moll wird der volkstümliche Charakter künstlich und technisch. Am Ende liegen beide Traditionen übereinander: Das Cello vereinigt sich mit der Violine von Alexander Beac zu einer großen Kantilene und das Klavier hämmert dissonante Akkorde dazwischen.