NEW YORK, 24. Mai. Die groteske Karriere des Profiboxers Mike Tyson geht in die nächste Runde. Am Freitag vergangener Woche entschied der Bewährungsausschuß des Gefängnisses von Montgomery County im US-Bundesstaat Maryland, den ehemaligen Weltmeister im Schwergewicht vorzeitig zu entlassen. Demnach wäre Tyson spätestens am 4. Juni wieder auf freiem Fuß und könnte, wie sein Manager und sportlicher Berater Shelly Finkel bekanntgab, im August seinen nächsten Kampf bestreiten. Als Gegner ist neben Shannon Briggs weiterhin Axel Schulz aus Frankfurt (Oder) im Gespräch. Finkel: "Genaueres können wir aber erst sagen, wenn Mike freigelassen wurde und wir die Details besprochen haben." Jay Larkin vom Fernsehsender Showtime ließ jedoch durchblicken, daß man sich beeilen will: "Wir verhandeln so schnell als möglich."Vier Monate HausarrestTyson sitzt derzeit wegen Körperverletzung ein, nachdem er im August 1998 im Anschluß an einen Auffahrunfall zwei ältere Männer attackiert hatte. Da der 32jährige zu diesem Zeitpunkt wegen Vergewaltigung eines Models (wofür er in Indiana dreieinhalb Jahre Haft verbüßte) noch auf Bewährung war, wurde er am 5. Februar zu einem Jahr Freiheitsentzug verurteilt. Daß die Strafe nicht höher ausfiel, lag an den Aussagen der beiden Verletzten, die das Gericht gebeten hatten, Tyson nicht zu bestrafen. Daß Tyson nun bereits nach vier Monaten entlassen wird, liegt daran, daß er unter diesen Umständen einer Art Hausarrest samt psychologischer Betreuung unterliegt, was andernfalls nicht möglich gewesen wäre. Der zuständige Staatsanwalt, Douglas Gansler, sagte: "Er ist damit keineswegs vogelfrei, wir wollen nur sicherstellen, daß er sich harmonisch in die Gesellschaft integriert."Manager Finkel wollte nicht sagen, in welchem körperlichen und seelischen Zustand sein Klient sich befindet. Er meinte lediglich, er habe mehrmals wöchentlich telefonischen Kontakt mit Tyson, und die Nachricht über die Entlassung habe "Mike in gute Stimmung versetzt". Tyson, der im Gefängnis psychologisch betreut wird, Antidepressiva-Medikamente verabreicht bekommt und sogar an einem High-School-Diplom arbeitet, wurde nur einmal ausfällig, als er im Aufenthaltsraum einen Fernseher an die Wand warf. Dafür erhielt er fünf Tage Einzelhaft, weitere disziplinarische Maßnahmen wurden verworfen, nachdem bekannt wurde, daß Tyson von dem Wärter provoziert worden war.Dennoch, so Gansler, "sind wir der Ansicht, er muß weiterhin beobachtet werden". Die psychischen Probleme des ehedem bösesten Mannes des Planeten sind inzwischen ausführlich dokumentiert, und Boxexperten vermuten, "daß er als Athlet längst am Ende ist" (New York Daily News).Seit 1995 nur sieben KämpfeTyson bestritt seinen letzten Kampf am 16. Januar, wobei er den Südafrikaner François Botha in der fünften Runde k. o. schlug, insgesamt aber keinen überzeugenden Eindruck hinterließ. Seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis von Indiana 1995 hat Tyson nur siebenmal geboxt und war wegen des Ohrbisses gegen Evander Holyfield 18 Monate gesperrt. Weshalb sich vor allem Schulz gute Chancen ausrechnet. Der Deutsche hatte bereits mehrfach angekündigt, er wisse, "wie man Tyson boxen muß".Tysons ehemaliger Trainer Kevin Rooney hatte schon im Januar vor Schulz gewarnt: "Mit seiner Kondition und Beweglichkeit ist er für Mike ein gefährlicher Gegner." Es sieht trotzdem so aus, als würde Schulz das Rennen machen gegen andere Mitbewerber wie etwa Briggs, Lou Savarese oder den aufstrebenden Nachwuchsmann Michael Grant. Unter allen möglichen Gegnern hat Schulz, der bislang keinen einzigen großen Kampf gewinnen konnte (darunter drei WM-Fights), in den USA nämlich die schlechteste Reputation.