BERLIN. "Ich muss jetzt weg", unterbricht sich Hubertus Knabe selbst. Eben hat er noch einigen Journalisten die wichtigsten Informationen über das ehemalige zentrale Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen in die Blöcke diktiert und darauf hingewiesen, dass noch kein Regierungschef hier gewesen sei, da erhält der Direktor der Gedenkstätte ein Zeichen: Die Kanzlerin ist da. Angela Merkel kommt im lila Blazer schnellen Schritts durch das riesige eiserne Schiebetor, durch das noch bis in den Herbst 1989 die als Gemüse- oder Fischtransporter getarnten Kleinlaster fuhren und politische Gefangene brachten.Drei der letzten Häftlinge des gefürchteten Gefängnisses, die noch wegen "versuchter Republikflucht, Verächtlichmachung des Staates und hetzerischer Verleumdung" einsaßen und erst im November und Dezember 1989 freigelassen wurden, begrüßen Merkel persönlich. Was sie kurz miteinander reden, ist nicht zu erfahren. Etwa drei Dutzend Journalisten dürfen den Besuch der Kanzlerin nur aus der Ferne hinter roten Absperrbändern beobachten. Nach wenigen Sekunden ist sie verschwunden - zum Rundgang durch die düsteren Gebäude, begleitet von Gedenkstättendirektor Knabe, dem Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz und von Gilbert Furian, der hier 1985 für sieben Monate eingesperrt war, weil er Interviews mit Punk-Musikern der DDR geführt hatte.Vorgesehen ist eine Führung durch den Zellentrakt, die Vernehmungsräume, die sogenannten Freigang-Käfige, in denen die Gefangenen wie Tiere im Zoo auf ein paar Quadratmetern an der frischen Luft hin- und herlaufen konnten. Auch das "U-Boot", ein Zellentrakt im Keller, soll gezeigt werden. Die geladenen Journalisten dürfen die Gruppe mit Merkel nicht begleiten. Was die ostdeutsche Pfarrerstochter, die Physikerin, die 1990 in die Politik kam und in der CDU Karriere machte, auf ihrem Rundgang besonders berührt, welche Fragen sie an den Ex-Stasi-Häftling Furian hat, ist nicht zu erfahren.Zweimal noch während des Besuchs in Hohenschönhausen dürfen die Pressevertreter die Kanzlerin aus der Ferne sehen, von rollbaren Podesten aus, die herumgefahren werden. Einmal, als sie während des Rundgangs die sogenannte Schleuse betritt, jenen Raum, in dem die Gefangenen aus den Transportautos ausgeladen wurden. Es ist wie ein Stummfilm. Merkel wirft einen Blick in den dort ausgestellten Kleinlaster. Sie spreizt die Finger beider Hände, ihre Fingerspitzen berühren sich, formen ein spitzes Dach - eine ihrer bekannten Gesten. Es hat inzwischen angefangen, ein paar Tropfen zu regnen, der Wind weht Satzfetzen herüber. "Zack-zack, raus, raus", sagt der frühere Häftling. Die Kanzlerin erwidert etwas, doch es sind nur zusammenhanglose Satzfetzen zu hören. Eine halbe Stunde später zupft Merkel im Hof des Areals die Bänder eines Gedenkkranzes für die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft zurecht. Sie spricht mit den drei anderen ehemaligen Häftlingen, zu hören ist nichts. Später erklärt sie, der Bund werde alles tun, damit die Gedenkstätte Hohenschönhausen eine Zukunft habe.Die Techniker der Presseteams sind sauer, es gibt keinen Ton, nur Bilder. "Vielleicht ist das ja so gewollt", kommentiert einer die Planung des Kanzleramts. Ähnlich wortlos verlief ein Besuch Merkels auf dem Gelände des DDR-Staatssicherheitsministeriums.Zum Abschluss ihres Besuchs im Stasi-Gefängnis trifft Merkel eine Schulkasse aus Neu-Wied in Rheinland-Pfalz. An dem dürfen überraschend ein paar Journalisten teilnehmen. Gut zwanzig angehende Abiturienten, die im Rahmen ihres Leistungskurses Sozialkunde auf Berlin-Besuch sind, wollen mit der Kanzlerin sprechen. Die Kontaktaufnahme ist anfangs ein bisschen steif. "In welcher Stimmung sitzen Sie denn hier gerade?", fragt Merkel die 18- und 19-Jährigen. Gedenkstättendirektor Knabe versucht, das Eis zu brechen und fragt, was er Schüler immer fragt: "Wer weiß denn, wer Erich Mielke war?" Der Präsident der Staatssicherheit, antwortet ein Schüler. Fast richtig. Dann erzählen die Gymnasiasten, dass sie bisher nur wenig Informationen über die DDR hatten. Dass es keine Bananen gab und man alles mögliche auf Vorrat kaufen musste, weiß einer. "Dass der Sicherheitsapparat so krass war, haben wir erst hier in den paar Tagen in Berlin erfahren", fügt er hinzu. Auch die anderen Schüler hat das erschreckt.Plötzlich erzählt auch Merkel, wie die Stasi sie anwerben wollte, als sie sich nach dem Studium an der TH in Ilmenau bewarb. Sie gab dem Stasi-Mann einen Korb und bekam den Job nicht. Dass man in der DDR immer in der "latenten Gefahr lebte, in die Stasi-Mühlen zu geraten", berichtet sie den Schülern. "Ich weiß nicht, wie ich mich bei Verhören oder im Gefängnis verhalten hätte", sagt sie. "Da bei seiner Haltung zu bleiben, da gehörte viel Mut dazu. Aber ich war ja sozusagen keine Oppositionelle."Kalte Wut und etwas MutOb sie auch mal an eine Flucht aus der DDR gedacht habe, wollen die Schüler wissen. Und warum die vielen Stasi-Leute nicht bestraft wurden. Nein, eine konkrete Situation, Fluchtpläne zu schmieden, habe es in ihrem Leben nicht gegeben, antwortet Merkel. Und das mit der Gerechtigkeit sei im Rechtsstaat so eine Sache. "17 Jahre dauerte es, bis es für bedürftige SED-Opfer eine Opferrente gab", sagt Merkel. "Wenn man sieht, wie schnell andere aus SED-Geldern schnell ihre sichere Existenz gründeten, kriegt man schon die kalte Wut." Umso wichtiger sei es, in diesem Jahr jene in den Mittelpunkt zu stellen, die in der DDR Mut bewiesen, sagt Merkel. Den Schülern gibt sie mit auf den Weg: "Seien Sie mutig. Es kommt darauf an, zur eigenen Meinung zu stehen, sich nicht irre machen zu lassen von irgendeinem Gruppendruck. Dazu braucht man auch heute, in der Freiheit, ab und zu Mut." Die Gymnasiasten wünschen Merkel noch "viel Erfolg bei Ihrer Arbeit". Zum Abschluss gibt's ein Gruppenfoto mit Kanzlerin.------------------------------250 000 Besucher pro JahrDie Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen im einstigen zentralen Stasi-Gefängnis erinnert an politische Strafverfolgung und Justizwillkür.Nach dem Zweiten Weltkrieg richtete die sowjetische Besatzungsmacht auf dem Areal das "Speziallager Nr. 3" ein. Von Anfang der 50er-Jahre bis 1989 sperrte die DDR-Staatssicherheit dort politische Gefangene ein.Bärbel Bohley, Rudolf Bahro, Walter Janka und Jürgen Fuchs saßen dort. Letzter Gefangener war nach der Wende Ex-Stasi-Chef Erich Mielke.Im Vorjahr zählte die Gedenkstätte rund 250 000 Besucher, die Zahl hat sich seit dem Jahr 2000 verdreifacht. Knapp die Hälfte der Besucher waren Schüler und Auszubildende. 30 000 Gäste kamen aus dem Ausland.------------------------------Foto: "U-Boot" wurde dieser Zellentrakt im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen genannt. Auch dort schaute Kanzlerin Merkel gestern kurz vorbei.