Einheits-Debatte im Bundestag: Kohl und Scharping guckten viel zurück, die kleineren Parteien ein bißchen mehr nach vorn."Rechenschaft" kündigte der Bundeskanzler an, als er gestern morgen ans Rednerpult ging. "Offen und nachdenklich" wollte er seine Regierungserklärung zur Einheit nutzen und über "den Weg unseres Landes ins 21. Jahrhundert" sprechen.Helmut Kohl löste seine Zusage nicht ein: Er blieb meist in Vergangenheit und Gegenwart stecken, dankte Bush und Gorbatschow, Bürgerrechtlern, ostdeutschen Normalbürgern und auch westdeutschen, "die sich viel solidarischer verhalten, als oft zu lesen und zu hören ist". Er erinnerte an Schlimmes vor dem Mauerfall ("Die Käfige von Bautzen") und zählte Erfolge danach auf ("Zehn Stunden Wartezeit auf ein Ferngespräch gibt es nicht mehr").Er zog Umwelt-Bilanz ("Die Luft zum Atmen ist klarer und das Wasser zum Trinken sauberer geworden") und Renten- Bilanz: "Gewinner der Einheit", sagte der Kanzler, "sind die Rentner", würden sie doch heute schon 80 Prozent der Westsätze bekommen. Vor allem strahlte er Zuversicht aus: "Ich habe keinen Zweifel: Wir schaffen das."Der Beifall der Koalition war höflich, die Reaktion der Opposition gemischt. Die PDS sah in der Kanzlerrede "die eines Bundespräsidenten, nicht die eines Kanzlers", wie Gregor Gysi sagte. Und SPD-Chef Rudolf Scharping wußte, seine Antwort auf Kohl mußte vor allem den eigenen Leuten imponieren.Noch immer verschnupft, verlegte sich der Sozialdemokrat - kritischer als Kohl - auf eine Analyse "der Stimmung der enttäuschten Hoffnungen" in den neuen Ländern. Ja, das sei 1990 ein "Epochenbruch" gewesen. Und in jedem Epochenbruch würden "unvermeidliche Fehler gemacht".Aber Kohl habe eben vermeidbare nicht unterlassen: Die Unwahrheit über die "blühenden Landschaften" damals und "Schönfärberei" heute führe mittlerweile zu einer gefährlichen Stimmung im Land, die hohe Arbeitslosigkeit werde verschwiegen. Freier und kritischer Geist sei auf der Regierungsseite "unerwünscht".Prompt kassierte Scharping Zwischenrufe: "Miesmacher", "Wovon redet der?" Plötzlich war der Bundestag, der zunächst wohl eher eine Einheits-Feier als eine Einheits-Debatte abzuhalten schien, wieder gespalten: Regierung hier, Opposition da. Gerade Ostdeutsche waren es dann aber, die versuchten, ein differenziertes Bild zu zeichnen.Wolfgang Thierse (SPD): "Politisch", sagte er, "geht es uns Ostdeutschen besser, materiell den meisten auch. Aber sozial fühlen sich viele vernachlässigt." Werner Schulz für Bündnis 90/Grüne: "Der Aufschwung Ost findet statt. Er kann nur nicht alle gebrauchen." Das sei eine bittere Feststellung.Überraschend ehrlich wirkte auch der Auftritt des neuen FDP-Chefs. Wolfgang Gerhard, der glaubt, daß "wir nicht nur Rückblick, sondern vor allem Ausblick brauchen", forderte den Umbau der Wirtschaft, neue Tarifflexibilität, weniger Verlaß auf Transferleistung und mehr auf persönliche Verantwortung der einzelnen.Einheit, meinte Gerhard - das sei nicht nur eine Herausforderung für die Ostdeutschen: "Uns alle hat es erwischt." +++