Kapitalismuskrise, Verstaatlichung, Enteignung - auf einmal reden alle über Marx. Dem Historiker Manfred Neuhaus ist diese Aufregung suspekt: Karls Enkel

BERLIN. Wie er sich auch wendet, immer schaut ihm Marx über die Schulter. Manfred Neuhaus sitzt in seinem winzigen Arbeitszimmer am Berliner Gendarmenmarkt. Um ihn herum hängen Bilder, Grafiken und Plakate mit dem Bärtigen. Auf den Tischen und Schränken sammel sich Marx-Mitbringsel aus aller Welt. So wie Katzenfreunde ständig Katzenbücher bekommen, ist es bei Neuhaus mit Karl Marx.Manfred Neuhaus, 63 Jahre alt, hat den größten Teil seines Lebens mit Karl Marx verbracht. Jahrzehntelang musste der Leipziger Historiker herausfinden, wie aktuell Marx bis in alle Ewigkeit sein wird. Dann kam endlich die Zeit, dem Denker seine historische Ruhe zu erlauben, und jetzt geht das schon wieder los. Alle reden über Marx.Die einen suchen Rat bei Marx, die anderen gruseln sich ein bisschen. "Gebt Karl Marx nicht Recht!", titelte kürzlich die FAZ. Und nun war ein russisches Fernsehteam bei Neuhaus, um einen Film für den staatlichen Nachrichtenkanal zu drehen, der auf das Gegenteil hinauslief. Karl Marx soll doch irgendwie grundsätzlich recht haben. So viel jedenfalls konnte Manfred Neuhaus verstehen, als er den Beitrag dann sah. "Die haben mich gelinkt", sagt er. "Ich erzähle denen hier was über unsere Marx-Engels-Edition, und sie machen Propaganda daraus."Manfred Neuhaus sitzt gewissermaßen an der Quelle. Seit zehn Jahren leitet er die Arbeitsstelle MEGA bei der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Die Marx-Engels-Gesamtausgabe, wofür das Kürzel steht, ist ein tatsächlich megalomanisches Projekt, das bis weit in die sechziger Jahre zurückreicht. Es soll einmal sämtliche Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels öffentlich zugänglich machen, ausführlich kommentiert und redigiert auf Grundlage der in Moskau und Amsterdam archivierten Originalhandschriften.Einst im deutsch-sowjetischen Parteiauftrag gegründet, wurde die Ausgabe längst für wissenschaftstauglich befunden. Heute erscheint sie in internationaler Kooperation mit Partnern in Japan, Frankreich, Italien, Russland, Dänemark, Großbritannien und den USA. 55 Bände sind bisher erschienen, 114 sollen es am Ende einmal werden.Alle reden über Marx. Nur derjenige, der am dichtesten dran ist, will es nicht. Vielleicht war die erste Frage auch etwas unglücklich formuliert, angesichts der Erfahrung mit den Russen. Was ist denn nun heute an Marx aktuell? Manfred Neuhaus, ein sehr umgänglicher Mensch, wie sich später noch herausstellen wird, bewahrt nur mühsam seine professorale Fassung. "Ich bin froh, dass wir hier ein akademisches Projekt verfolgen, das Marx aus dem tagespolitischen Kontext löst", sagt er. Dann ist es eine Weile still.Und wie ist das mit Begriffen wie Verstaatlichung, Enteignung, Vergesellschaftung, die jetzt jeden Tag in den Nachrichten zu hören sind? Da müsste einem alten Marx-Experten wie ihm doch das Herz aufgehen. Es wird nicht besser. "Es ist absurd, von einer geschichtlichen Persönlichkeit die Probleme der Gegenwart erklärt bekommen zu wollen", sagt er als Historiker. "Sein Instrumentarium greift heute nicht." Womöglich ist er in diesen Dingen so rigoros, weil er in seinem ersten Berufsleben viel zu lange die damalige Gegenwart mit diesem Instrumentarium hatte erklären müssen. "Ich will nicht leugnen, dass ich mir vieles einfacher vorgestellt habe", sagt er über seine Zeit in der DDR.Seit 1977 befasst sich Neuhaus mit der Edition der Marx-Texte. Erst an der Leipziger Karl-Marx-Universität, wo er auch studiert hatte, nun bei der Akademie in Berlin. Mit dem "Epochenwechsel", wie er die politische Wende 1989 nennt, begann für ihn auch eine neue Epoche der Beschäftigung mit Marx. Die Klassiker sollten als Klassiker gelesen werden und nicht als Gebrauchsanweisung. Deshalb betrachtet er die momentane Marx-Euphorie skeptisch.In den Regalen, die sich bis zur Decke strecken, sind die gesammelten Werke aufgereiht. Den meisten Platz in dem Raum nimmt ein Holztisch ein, auf dem im Halbkreis geordnet wie ein Mahnmal die bisherigen Bände der ultimativen Ausgabe stehen. In diesem Jahr sollen zwei weitere hinzukommen.Das könnte ein Weg sein, die Situation zu retten. Was gibt es denn Neues über Karl Marx zu berichten, in historischer Hinsicht? Das ist nun eine Frage, die Manfred Neuhaus gut gefällt. Die Begegnung mit ihm erfährt eine Art Neustart, und aus einer geplanten Stunde Gesprächszeit werden schließlich fünf."Sie haben Glück, dass Anneliese Griese heute hier ist", sagt Neuhaus, "warten Sie." Und ist schon raus aus der Tür. Frau Griese, 74 Jahre alt und freie Mitarbeiterin des Projekts, betreut gemeinsam mit einem Kollegen einen Band mit naturwissenschaftlichen Notizen, die Karl Marx 1878 angefertigt hat, fünf Jahre vor seinem Tod. Es geht dort um Agronomie, Mineralogie, Erdgeschichte. Anneliese Griese wollte eigentlich gerade gehen. Sie kommt im Mantel und mit einer Tasche voller Papiere. Vor dem "Epochenwechsel" leitete sie den Lehrstuhl für Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität.Von jenem Marx, den sie in den unveröffentlichten Schriften entdeckt hat, ist sie so begeistert, dass sie gar nicht ablegt, bevor sie Platz nimmt. Vielleicht wollte er noch einmal neu ansetzen! Bisher sei man der Ansicht gewesen, Engels habe sich eher der Natur gewidmet und Marx der Ökonomie, erklärt sie. Aber aus den späten Manuskripten tauche nun ein Marx auf, der die Welt universell verstehen wollte. "Er hat sich stark für Geologie interessiert, für Chemie, Elektrizität, Paläontologie", sagt Anneliese Griese und blättert in ihren Unterlagen. "Schauen Sie hier, Fossilien." Auf dem Blatt ist die Skizze eines Urwesens zu sehen, gezeichnet von Marx.Eine Entdeckung sei es für sie gewesen, dass sich Marx zu dieser Zeit auch wieder mit Darwins Entwicklungsgedanken beschäftigt habe.Über das Verhältnis zwischen diesen beiden Geistesgrößen, die in London nur wenige Meilen voneinander entfernt lebten und sich doch nie begegnet sind, wurde in letzter Zeit manches spekuliert, da könnte es hilfreich sein, mal an der richtigen Stelle nachzufragen.Wie war das nun, Respekt oder kalte Schulter? Manfred Neuhaus greift zum Hörer seines altertümlichen Telefonapparates, der im Übrigen noch so klingelt, wie es sich gehört. Fünf Minuten später wird ein Blatt hereingereicht. So funktioniert das, wenn man an der Quelle sitzt. Es ist die Kopie jenes Briefes, den Charles Darwin im Oktober 1873 an Karl Marx schrieb, nachdem ihm dieser einen Band des "Kapitals" geschickt hatte. Darwins Handschrift ist bei Weitem nicht so unleserlich wie die Marxsche. In der deutschen Übersetzung heißt es: "Dear Sir, Ich danke Ihnen für die Ehre, die Sie mir mit der Übersendung Ihres großen Werkes über das Kapital erwiesen haben. Ich wünschte, ich wäre würdiger für eine solche Gabe und verstünde mehr von dem tiefgründigen, wichtigen Thema der politischen Ökonomie."Als nach Darwins Tod dessen Bibliothek sortiert wurde, stellte sich heraus, dass er höchstens 150 Seiten gelesen haben konnte, der Rest des Buches war noch unberührt.Er sollte auf lange Sicht nicht der Einzige bleiben, der sich mit Marx schwer tut. Wer weiß, wie viele von den hoch motivierten Kapital-Lesegruppen, die sich im letzten Herbst an den Universitäten gründeten, noch existieren. Manfred Neuhaus kennt das, sie fangen mit dem Kompliziertesten an und wundern sich, dass sie nichts begreifen. "Ich würde meinen Enkeln empfehlen, die Augen zu schließen, einen Brieföffner zu nehmen und an beliebiger Stelle einen Band mit der Korrespondenz zu öffnen. Da erleben sie Marx als einen verwegenen Menschen, der häusliche Katastrophen erlebt, der flucht und schimpft, aber eben auch ein Faible hat für Dickens und Balzac, der über seine Zeitgenossen lästert und sich für alles mögliche interessiert, der verzweifelt, weil sein Sohn mit zehn Jahren an einer einfachen Erkältung stirbt."Neuhaus kommt jetzt in Fahrt. Er erzählt Anekdoten und Geschichten, und selbst Frau Griese im Mantel vergisst, dass sie es eigentlich eilig hatte. So passiert es, dass Karl Marx auf einmal wirklich lebendig zu werden scheint. Manfred Neuhaus berichtet davon, wie Marx in den Jahren ab1857 die erste Weltwirtschaftskrise erlebt hat. Zu dieser Zeit schrieb er von London aus Leitartikel und Kommentare für die New York Daily Tribune, damals die wichtigste Zeitung der Stadt. "Er hat die politische Entwicklung in den europäischen Ländern analysiert, ist ins Unterhaus marschiert, hat Haushaltsdebatten verfolgt und die entsprechenden Drucksachen gelesen. Er war praktisch einer der ersten Parlamentsreporter."Und als die Konjunktur wieder anzog, wie man heute sagen würde, habe sich Marx mit Statistiken versorgt, aus denen er seine Schlüsse zog. Wirtschaftsinstitute, die jeden Tag neue Prognosen vermelden, gab es damals nicht. Karl Marx war sein eigenes Wirtschaftsinstitut."Wenn man in der jetzigen Krise überhaupt etwas von Marx lernen kann", sagt Manfred Neuhaus zirka drei Stunden, nachdem er die Frage gestellt bekommen hat, "dann, dass die Krisendebatte viel wissenschaftlicher geführt werden müsste. Mir ist das alles zu oberflächlich."Vor einiger Zeit bekam er die Anfrage des Verlags Zweitausendeins, der preiswerte Lektüre aller Art anbietet, ob er nicht das Vorwort zu einem Marx-Kompendium schreiben möchte. Das kam ihm komisch vor, weshalb er absagte. Nun ist das Buch da. "Die Hauptwerke von Karl Marx, 1 354 Seiten, nur 7,99 Euro." Ein MEGA-Band kostet schon mal 198 Euro, das ist was für Liebhaber.Anneliese Griese muss jetzt wirklich gehen, sie möchte auf keinen Fall mit auf das Foto, damit man nicht denkt, nur alte Leute würden sich mit Marx beschäftigen. Kaum ist sie weg, klopft es an der Tür und herein tritt ein junger Mann. Das ist Rubens Enderle, 34, aus der Stadt Belo Horizonte in Brasilien. Er hält eine Tüte in der Hand, aus der er ein Buch zieht und es Neuhaus wortlos in die Hand drückt. Der ist nun ganz gerührt. Auf dem Deckel ist Marx zu sehen und der Titel: "Kritik Da Filosofia Do Direito de Hegel". Enderle arbeitet als Stipendiat in Berlin und hat als Erster die "Kritik zur Hegelschen Rechtsphilosophie" vom Deutschen ins Portugiesische übersetzt.Er erzählt, dass er sich in seinem Geleitwort von einer ideologischen Interpretation der Schrift absetzen wollte. Sein Verlag habe dann einfach noch einen zweiten Text dazu gestellt, einen flammenden. "Marx ist heute noch unglaublich stark in Lateinamerika", sagt Enderle. Es ist gar nicht so leicht, Marx in die Klassizität abzuschieben. "Das Unvollendete ist das Klassische an ihm", befindet Manfred Neuhaus etwas nebulös und schenkt einen armenischen Cognac ein, den er für besondere Anlässe in seinem Schreibtisch aufbewahrt. Es sieht ganz so aus, als sei Marx doch noch nicht erledigt.------------------------------Foto: Charles Darwin 1873 an Karl Marx: "Ich danke Ihnen für die Ehre ...".------------------------------Foto: Das Gesamtwerk im Griff. Manfred Neuhaus, 63, organisiert in Berlin die Herausgabe der gesammelten Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels.