Ein unauffälliger älterer Herr mit rundlichem Gesicht und sanften Umgangsformen weicht seit Mittwoch nachmittag dem Papst nicht von der Seite: Kardinal Jaime Ortega. Der Erzbischof von Havanna ist nicht nur ­ gemeinsam mit Staatschef Castro ­ Gastgeber Johannes Pauls II. bei dessen Kuba-Reise, Eingeweihte nennen ihn auch den eigentlichen Architekten der spektakulären Visite. In aller Stille, aber umso hartnäckiger hat er Vorsorge dafür getroffen, daß die Kirche auch dann noch von den Früchten der Reise zehren kann, wenn der Papst längst nach Rom zurückgekehrt sein wird.Mit wahrer Selbstverleugnung hat sich der 61jährige in den letzten Tagen bemüht, die eminent politische Papst-Visite zu einer reinen Pastoralreise kleinzureden.Statt wie in seinem legendären Hirtenbrief "Die Liebe hofft alles" von 1993 der Regierung in aller Schärfe die Leviten zu lesen, ihre ideologische Omnipräsenz und ihre Verantwortung für den Werteverfall im Lande anzuprangern, nutzte der Kardinal selbst seine Fernsehansprache in der vergangenen Woche ­ die erste eines Kirchenvertreters in Kubas Staats-TV seit Jahrzehnten! ­ lediglich für einen Exkurs über die christliche Botschaft und die aus dem Glauben erwachsende Wahrheit, die erst zur wirklichen Freihei t führe. Ratlos fragten sich daraufhin die Kubaner, ob dieser Mann zu weltfremd sei, um ihre tatsächlichen Nöte zu begreifen. Doch ebenso wie die Analytiker im Vatikan ist Ortega zu der Erkenntnis gelangt, daß die eigene Macht noch nicht ausreicht, um im offenen Schlagabtausch mit der Castro-Regierung bestehen zu können. Kräfte sammeln, heißt die Devise. Zweitausend Jahre Geschichte haben die Kirche Geduld gelehrt. Der im November 1994 zum Kardinal ernannte Ortega weiß, wie weit die katholische Kirche Kubas von ihrem einstigen Einfluß noch entfernt ist. Während der diplomierte Literaturwissenschaftler zwischen 1956 und 1964 in Havanna das Priesterseminar besuchte, vertrieben die Revolutionäre um Fidel Castro nicht nur den US-freundlichen Diktator Batista, sondern auch zwei Drittel aller Geistlichen von der Insel, schafften den Katholizismus als Staatsreligion ab und nationalisierten sämtliche kirchlichen Schulen. Auch wenn heute kein Priester mehr fürchten muß, ins Arbeitslager gesteckt zu werden wie Ortega selbst 1966/67, ist Nachwuchs knapp. In den meisten Landkreisen gibt es nur einen einzigen Priester für Zehntausende Menschen. Daß Havanna im Vorfeld der Papst-Reise 40 ausländischen Priestern und Nonnen langfristige Visa erteilte (beantragt waren doppelt so viele), bedeutete unter diesen Umständen für die Kirche eine spürbare Erleichterung. Bisher werden zwar einige Altenheime, aber erst ein einziger Kindergarten auf der Insel von ihr betrieben; ein zweiter wurde nach wenigen Monaten von der Regierung wieder geschlossen. An landesweiten Religionsunterricht ist schon aus Personalmangel noch gar nicht zu denken. Auch um den Wirkungskreis der gerade erst aufkeimenden kirchlichen Publikationen auszudehnen, braucht es Menschen ­ und Zeit. Zähes Feilschen mit den Behörden um einige Visa hier, eine Druckgenehmigung da, eine Erlaubnis für Prozessionen dort ist es, was Ortega in der kommenden Zeit erwartet. Diese Kunst beherrscht er perfekt. Daß er sich in puncto Charisma mit dem "mßximo líder" nicht messen kann, stört wenig. Für zwei Volksredner ist die Insel ohnehin zu klein.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.