Karin Beier, demnächst Intendantin am Hamburger Schauspielhaus, über Erfolg und gutes Theater: Man muss bestimmte Menschen meiden

Karin Beier empfängt in ihrem nüchternen Intendantenzimmer zum Gespräch. An der Wand hängt ein Foto: Muammar al-Gaddafi begrüßt mit herzlicher Umarmung Nicolas Sarkozy. Auf dem Tisch Bücher, Zettel, ein graues Telefon. Die Assistentin verordnet ihr Tee, der Gesundheit zuliebe. Karin Beier, Kölnerin, Jahrgang 1965, ist im Stress. Sie ist derzeit die beliebteste, erfolgreichste, am meisten gefragte Intendantin in Deutschland. Seit 2007 leitet sie das Schauspielhaus Köln. Das Publikum ist begeistert, die Kritiker sind begeistert. Und zum Berliner Theatertreffen sind dieses Jahr wieder zwei Kölner Inszenierungen eingeladen, Karin Henkels "Der Kirschgarten" und ihr Jelinek-Abend "Das Werk/Im Bus/ Ein Sturz", eine Inszenierung über von Menschen und Maschinen gemachte Naturkatastrophen. Damit wird am 6. Mai das Theatertreffen eröffnet. Die Stimmung in Köln ist bestens. Solange die Kölner nicht daran denken, dass Beier zur Spielzeit 2013/2014 an die größte Bühne Deutschlands - ans Hamburger Schauspielhaus - wechselt.Karin Beier, ich habe kürzlich Ihre Jelinek-Inszenierung gesehen: Sie hat jetzt, durch die Ereignisse in Japan, geradezu gespenstische Aktualität.Ja, Wahnsinn. Ich bin selbst überrascht. Das ist das Stück der Stunde: Der faustische Mensch, der in die Natur eingreift und von der Natur wieder eingeholt wird.Die vielen Bezüge zur Kölner Kulturpolitik verstehe ich als Fremder nur bedingt. Kann man Köln in zwei Sätzen erklären? Es ist die "Verbrecherhauptstadt Nummer eins" hat Elfriede Jelinek gesagt.Das ist doch eine schöne Beschreibung. Und Köln ist irrsinnig direkt. Es ist eine Stadt, die sich selber feiert wie keine andere, wo aber alle immer auf die Stadt schimpfen.Vielleicht ist es ja so, dass Theater dort am besten funktionieren, wo es diese schizophrene, neurotische Hassliebe zur Stadt gibt. In Wien oder Dresden ist das auch so.Im Unterschied dazu ist Köln wahnsinnig hässlich. Und diese Hassliebe nervt auch. Ich mag die Mentalität dennoch, ich bin ja selber Kölnerin.Sie gehen trotzdem nach Hamburg.Natürlich ist es schwierig, zu gehen. Aber ich halte mich noch für zu jung, um hier kleben zu bleiben.Es wurde Ihnen Vertragsbruch vorgeworfen, weil Sie aus einem zuvor verlängerten Vertrag aussteigen.Ach, schöner wäre es gewesen, wenn es in Hamburg ein Jahr später hätte losgehen können. Aber das Hamburger Schauspielhaus wird einem auch nur einmal angeboten.Im Grunde ist Ihre Ausgangssituation in Hamburg ideal: Alle sagen, man könne mit diesem riesigen Haus in dieser Stadt nur scheitern.Na ja, es kommt am Ende sowieso alles anders als man vorher denkt. Aber natürlich ist der Spagat, ein Haus mit 1200 Plätzen zu füllen und dennoch ein anspruchsvolles Programm zu machen eine schwierige Aufgabe.Was ist eigentlich Erfolg?Hier vor Ort ist sicher ein Parameter: Kommen die Menschen oder kommen sie nicht? Und dann natürlich die Bewertung von außen. Da spielt so etwas wie das Berliner Theatertreffen eine Rolle. Dem Publikum ist das wurscht, aber für das Konkurrenzverhältnis innerhalb der Republik ist es extrem wichtig. Auch, wenn es darum geht, bessere Leute ans Haus holen zu können.Hat diese Bundesligaisierung, das Wegkaufen von Regisseuren, das Konkurrieren der Häuser untereinander in den letzten Jahren zugenommen?Ich weiß nicht, als freischaffende Regisseurin früher war mir das egal. Als Intendantin kann ich nur sagen: Es gibt nicht so viele tolle Regisseure.Aber es scheint auch schwierig, ein Ensemble zusammenzuhalten.Weil heute mehr Schauspieler die Freiheit haben wollen, Filme zu machen, aus bekannten Gründen: Man verdient da besser. Das ist nachvollziehbar. Aber das Disponieren von Vorstellungen ist eine Katastrophe! Es nervt mich schon, dass die Bereitschaft, sich einem Theater zu verschreiben, so gering ist. Da erhoffe ich mir von Hamburg mehr.Sie wollten in Köln ja auch mehr Schauspieler mit Migrationshintergrund. Das hat nicht so geklappt. Es sind viele wieder gegangen.Es sind auch einige geblieben! Für die Zuschauer spielt die Hautfarbe eines Schauspielers ja überhaupt keine Rolle, nur die Qualität muss stimmen.Wie kommt es dann, dass in den Stadttheatern wenige Schauspieler mit Migrationshintergrund engagiert sind?Wir würden jeden engagieren, den wir gut finden! Aber es gibt da nicht so viele. Das ist ein soziales Problem! Wer geht auf eine Schauspielschule? Leute, die durch ihre Sozialisation und die Schule eine Liebe zu Literatur und Theater entdeckt haben. Das ist eine kleine Klientel, die sich das leisten kann. Wie viele Schauspieler gibt es, die aus einer Arbeiterfamilie stammen? Da findet man auch nicht viele.Und wie findet man ein anderes, nicht nur bildungsbürgerliches Publikum?Das ist eine sehr langwierige Geschichte. Es gibt hier in Köln einen Verein für musisch begabte Jugendliche aus sogenannten sozialen Brennpunkten, meist mit Migrationshintergrund, "Planet Kultur". Wir unterstützen diesen Verein insofern "Planet Kultur" jede Spielzeit zwei Vorstellungen bei uns im Großen Haus spielt. Da kommen viele Menschen, die man sonst nie im Theater sieht. Sie gehen da rein, weil sie sich selbst eins zu eins auf der Bühne gespiegelt sehen. Da wird HipHop getanzt, und das sind kraftvolle Inszenierungen. Und es geht nicht um ein Regiekonzept, sondern um die Jugendlichen selbst. Als Regisseurin würde ich so was nie machen. Das ist nicht mein Auftrag, das kann ich nicht. Ich will keine Realität auf dem Theater abbilden.Und was ist der Auftrag des Theaters?Es ist ein Unterschied, ob ich das als Regisseurin oder Intendantin betrachte. Als Regisseurin bleibe ich beinhart bei mir. Ob das oder das wichtig für die Stadt ist, das interessiert mich als Künstlerin doch nicht! Klar muss ich darüber bei den Stoffen nachdenken, wie ich was erzähle, aber da gilt nur, was mich künstlerisch interessiert. Wenn ich jedoch als Intendantin andere Menschen erreichen möchte, muss ich über andere Kommunikationsformen nachdenken, Party-Einladungen über Twitter, Facebook oder so.Also ist die Aufgabe des Theaters, gutes Theater zu machen.Absolut. Inszenierung für Inszenierung.Früher hieß es über Sie: Das ist das Super-Regietalent, das immer Miniröcke trägt. Heute heißt es: Das ist die Super-Intendantin, die unabhängig geblieben ist und im Zweifelsfall auch Schafe in Irland hüten würde.Ach, so was muss man an sich vorbeipladdern lassen.Das macht nichts mit Ihnen?Doch, natürlich! Mir geht es grade gut! Man wird ja auch selbstbewusster, mutiger. Man kann mehr riskieren, das ist schön.Sie sagten, die Theaterszene sei ein missgünstiger Brei. Woher kommt die negative Energie in der Szene?Ich weiß nicht, aber man kann sich schützen. Man muss einfach bestimmte Menschen meiden.Das Interview führte Dirk Pilz.------------------------------Foto: Der Auftrag der Regie ist ein anderer als der der Intendanz: Karin Beier.