Am Morgen nach ihrem Rausschmiss geht Karin Büttner-Janz zurück an ihren Arbeitsplatz, als wäre nichts geschehen: Vivantes-Klinikum Berlin-Friedrichshain, Orthopädie, OP-Saal 10. Es ist der 14. März 2012, 8 Uhr. Sie hat nicht viel geschlafen in dieser Nacht, und als sie das Radio um 5.15 Uhr weckte, dachte sie für einen Moment, dass womöglich alles nur ein schlechter Traum war: das Gespräch mit dem Vorsitzenden Geschäftsführer, sein erster Satz: „Der heutige Tag ist ihr letzter als Chefärztin.“

Gerade einmal vierzehn Stunden sind seitdem vergangen. Nun steht sie wieder im OP-Saal vor den Schwestern, Anästhesisten und ihrem Assistenzarzt. Sie kann sich einfach nicht vorstellen, dass es vorbei sein soll. Sie ist 60 Jahre alt, sie hat in ihrer sportlichen und medizinischen Karriere alles erreicht, was man erreichen kann: zweifache Turnolympiasiegerin, Europa- und Weltmeisterin, Erfinderin der künstlichen Bandscheibe, Chefärztin seit 22 Jahren, ein Star im Ausland, das Aushängeschild von Vivantes. Bis jetzt.

„Morgen“, sagt Karin Büttner-Janz.

„Guten Morgen“, sagen die Schwestern und Ärzte.

„Alles klar?“

„Alles klar.“

Die Operation beginnt: männlicher Patient, Einsatz von Implantaten in die Halswirbelsäule, vier Stunden hochkonzentrierte Arbeit an winzigen Bandscheiben, eine der empfindlichsten Stellen des menschlichen Körpers. Per David Trobisch, Assistenzarzt, operiert. Seine Chefin steht ihm zur Seite. Ihm sei aufgefallen, dass sie anders war, ruhiger, sagt Trobisch später, der von alldem nichts wusste. Normalerweise gebe sie Hinweise, mache Vorschläge. Aber an diesem Tag habe sie sich enorm zurückgehalten.

Wenn Karin Büttner-Janz sich daran erinnert, treten Tränen in ihre Augen. Sie sagt: „Es war so wahnsinnig unwahr für mich. Ich fühlte mich wie im falschen Film.“ Für sie ist es nicht nur ihre letzte Operation bei Vivantes, ihr letzter Einsatz als Wirbelsäulenchirurgin, es sind auch vier Stunden in einem geschützten Raum, in dem es allein um ihre Fähigkeiten als Ärztin geht und nicht um Hierarchien, Macht und Netzwerke. Als sie diesen Raum verlässt, fällt ihr Leben auseinander. Sie bekommt Hausverbot, wird gekündigt, es folgen ein Arbeitsrechtsprozess und eine wochenlang währende öffentliche Schlammschlacht, an deren Ende die erfolgreichste deutsche Turnerin aller Zeiten und hoch angesehene Wissenschaftlerin und Ärztin das Krankenhaus verlassen muss wie ein geprügelter Hund. Es geht in dieser Schlacht um Konkurrenz zwischen Ärzten, um eine persönliche Beziehung am Arbeitsplatz, aber vor allem geht es um eine Frau, die höchste Ansprüche nicht nur an sich selbst, sondern auch an andere stellt und damit in die Mühlen eines großen deutschen Klinikums geraten ist.

„Mein Ruf wurde ruiniert“, sagt Karin Büttner-Janz. Sie sitzt in ihrem Büro in Charlottenburg, eine kleine, sorgfältig geschminkte Frau, aufrecht, wachsam. Nicht viel mehr als ein Jahr ist seit ihrem letzten Arbeitstag vergangen. Karin Büttner-Janz hat lange gezögert, bis sie sich entschied, darüber zu reden. Sie ist immer noch verletzt und versteht nicht, wie es zu all dem kommen konnte. „Ich habe an keinem Punkt eine Entscheidung getroffen, die mir persönlich zugute kam oder meine Kliniken übervorteilt hätte“, sagt sie. „Ich habe mir immer nur Gedanken gemacht, wie ich meinen Beitrag leisten kann im Sinne der Vorwärtsentwicklung.“ Sie zeigt Mitschriften aus den Gesprächen mit dem Vivantes-Chef, wehrt sich gegen Vorwürfe von Chefärzten, erzählt von ihrer Beziehung zu einer Frau aus der Geschäftsführung, versucht, in all dem einen Zusammenhang zu erkennen. Sie will wissen, wer verantwortlich ist für die größte Niederlage ihres Lebens. Und sie will ihren Ruf wiederherstellen. Darum kämpft sie

Kämpfen kann sie. Ihr Vater, Dorflehrer in der Gemeinde Hartmannsdorf in der Lausitz und begeisterter Turner, hat es ihr beigebracht. Vor 60 Jahren montierte er für seine einjährige Tochter eine Stange aus Holz ans Kinderbett, eine Art Minireck. Guido Janz ist heute noch der Überzeugung, dass Sport die beste Voraussetzung für alles im Leben ist. Andere Mädchen spielten mit Puppen, seine Karin turnte. Dem Reck am Bett folgte ein Reck auf dem Hof, zwei Holzpfähle, verbunden mit einem Wasserleitungsrohr, und für Regentage errichtete er das gleiche Konstrukt noch einmal auf dem Dachboden. Sie war fünf, als er mit ihr zu trainieren begann. „Ich habe zu Karin gesagt, jetzt spring mal ab, nach hinten“, sagt ihr Vater. „Und das hat sie gemacht. Als Kind hat man ja keine Angst.“

Guido Janz schüttelt den Kopf, wenn man ihn fragt, ob das nicht manchmal zu viel für seine Tochter war, und erzählt, dass sie ihm mit dreizehn einen Brief aus der Sportschule in Forst schrieb, in dem stand, dass sie wieder zurück nach Hause wolle. Ihr gefiel nicht, dass sie das Zimmer mit Gleichaltrigen teilte, aber mit 16-Jährigen trainierte. Guido Janz holte sie aus Forst ab und brachte sie zum Sportclub Dynamo nach Berlin. „Da war das Niveau höher, da hat sie sich wohl gefühlt“, sagt er. Er ist ein sehniger Mann von 91 Jahren, der alle verbliebenen Haare aus dem Nacken über den Kopf gekämmt hat, sodass es von vorne aussieht, als trage er einen Pony. Er sitzt in einem Seglerlokal in Wendenschloss, nicht weit von dem Haus, in dem er und seine Tochter wohnen. Er trinkt Schwarzbier, sie Tonic.

Was war sie für ein Kind damals?

„Das kann ich schwer beurteilen. Sie war ja ab dem zehnten Lebensjahr nicht oft zu Hause.“

Wie hat er sie motiviert? Durch Lob?

Er schweigt. Seine Tochter antwortet an seiner Stelle: „Motivieren musste er mich ja nicht. Ich habe das ja gerne getan, erleben zu können, was man mit dem Körper machen kann.“
Aber sie war doch noch ein Kind? Wie steht man das durch?

„Wenn man denkt, man ist am Ende, und glaubt, heute geht es nicht mehr, muss man es gerade noch einmal machen.“

Mit zwölf wird sie Jugendmeisterin, da ist sie noch so klein, dass die Startnummer nicht auf ihren Rücken passt, mit vierzehn DDR-Meisterin, mit fünfzehn erringt sie Silber und Bronze bei der Europameisterschaft in Amsterdam, mit sechzehn Silber und Bronze bei den Olympischen Spielen in Mexiko. Jürgen Heritz, ihr ehemaliger Trainer bei Dynamo, erzählt, wie sie einmal beim Barrentraining zwei Übungen hintereinander „gut durchturnte“ und er sie dafür lobte. Sie antwortete: „Das ist alles gut? Mache ich überhaupt keine Fehler mehr?“ Vor der Europameisterschaft in Minsk 1971 bittet sie ihren Trainer darum auszusetzen, um sich besser aufs Abitur und auf Olympia ’72 vorbereiten zu können. Der Plan geht auf. Das Abitur besteht sie mit „Auszeichnung“. In München holt sie zweimal Gold, zweimal Silber, einmal Bronze. Danach tritt sie ab.

„Ich wusste, dass ich meinen Zenit erreicht hatte. Ich war 20. Bei den nächsten Olympischen Spielen wäre ich 24 gewesen, im Turnen ist man damit schon ziemlich alt“, sagt sie so klar und kühl wie eine Mathematikerin, die erklärt, wie man eine Rechenaufgabe löst. Die eine Laufbahn war vorbei, die nächste konnte beginnen: Medizinstudium, Charité-Ärztin, Promotion, Erfindung der künstlichen Bandscheibe, Kongresse, Auszeichnungen, Hall of Fame. Ein Leben wie auf dem Reißbrett, so geradlinig, dass es fast unwirklich ist.
Den ersten Bruch gibt es Anfang der Neunzigerjahre. Die von ihr und ihrem Charité-Kollegen Kurt Schellnack entwickelte künstliche Bandscheibe wurde zu DDR-Zeiten rund siebzig Menschen eingesetzt, aber nach der Wende steht Büttner-Janz den Vorbehalten der gesamten westdeutschen Ärzteschaft gegenüber. „Es hieß immer, das wird nicht halten, das ist nicht stabil genug. Es gab noch einen holländischen Kollegen in München, aber ich war über Jahre die einzige Deutsche, die Bandscheibenprothesen eingesetzt hat.“

Auch die Charité hört damit zunächst wieder auf. Im März 1990 wechselt Karin Büttner-Janz ins Krankenhaus Kaulsdorf-Hellersdorf am Stadtrand und wird Chefärztin. Hier hat sie freie Hand, hier verbietet ihr niemand, Patienten die künstliche Bandscheibe einzusetzen. Elf Jahre arbeitet sie weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit. Erst als die neun hoch verschuldeten städtischen Krankenhäuser 2001 unter dem Dach der landeseigenen Vivantes-Gesellschaft zusammengefasst werden, zu denen auch das Haus in Hellersdorf gehört, wendet sich ihre berufliche Situation. Der Vivantes-Chef Wolfgang Schäfer holt sie Anfang 2004 mit ihrer gesamten Hellersdorfer Klinik nach Friedrichshain, in das zweitgrößte Haus des Konzerns.

Fast zur gleichen Zeit wird ihre künstliche Bandscheibe, die „Charité-Disc“, an einen großen US-Medizinkonzern verkauft und ein Jahr später für amerikanische Patienten zugelassen. Karin Büttner-Janz hätte damit mehrfache Millionärin werden können, wenn sie und ihr Kollege das Patent nicht 1997, in einer Zeit, als niemand in Deutschland an den Erfolg der Prothese glaubte, für je 120 000 D-Mark an einen Hamburger Geschäftsmann verkauft hätten. Der Hamburger bekommt das Geld, aber wenigstens der Ruhm bleibt bei ihr. In Amerika ist Karin Büttner-Janz ein „Superstar“, so formuliert es Richard Guyer, Mitbegründer und Leiter des texanischen Wirbelsäulenforschungsinstituts, in dem die künstliche Bandscheibe das erste Mal in den USA eingesetzt wurde. Guyer half Büttner-Janz Anfang der Neunzigerjahre bei der Übersetzung ihrer Habilitation, die in Amerika als Buch erschien. Er sagt, die Vorstellung, dass diese Frau es nicht nur zur Olympiasiegerin gebracht, sondern bereits als Assistenzärztin an einer Weltneuheit gearbeitet habe, verschlage ihm schlichtweg die Sprache. Per David Trobisch, ihr ehemaliger Assistenzarzt, der in den USA eine Spezialausbildung absolvierte, erzählt, er habe auf Kongressen Chirurgen getroffen, die dächten, die Charité sei nach Büttner-Janz benannt, der großen deutschen Turnerin und Erfinderin der Charité-Prothese, und nicht die Erfindung nach der Charité.

Bei Vivantes geht es für Karin Büttner-Janz bergauf. 2008 gibt ihr die Geschäftsführung neben der Orthopädie am Friedrichshain auch noch die Verantwortung für die Unfallchirurgie und Orthopädie am Urban-Krankenhaus in Kreuzberg. Sie ist jetzt für zwei Kliniken, 28 Ärzte sowie mehr als 50 Pflegekräfte, Physiotherapeuten und Sozialarbeiter zuständig. Die Klinikleitung erwartet von ihr Umstrukturierungen und erhofft sich mehr Umsätze, Dinge, die in Krankenhäusern inzwischen genauso wichtig sind wie medizinische Erfolge. Die Chefärzte stehen immer mehr unter Druck, Geld für ihren Bereich zu verdienen. Die Ärztin und Forscherin Büttner-Janz ist jetzt auch Managerin und gibt wie immer alles, um die an sie gestellten Forderungen zu erfüllen. „Sie war eine der wenigen Chefärzte, die die Zielvorgaben der Geschäftsführung ohne große Diskussion akzeptiert haben“, sagt der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Giovanni Ammirabile. „Ich habe für beide Kliniken ein neues Konzept entwickelt und in die Zukunft gedacht. Aber Sie können sich sicher vorstellen, dass so etwas in einem Klinikum nicht jedem gefällt“, sagt Büttner-Janz.

Bald gibt es die ersten Konflikte. Die hohen Ansprüche, die Karin Büttner-Janz an sich stellt, fordert sie auch von ihren Mitarbeitern. Sie verlangt beispielsweise von ihren Assistenzärzten, in den Spitzenzeiten von Freitag bis Sonntag in der Rettungsstelle mitzuarbeiten. Notdienste am Wochenende! Nicht alle Assistenzärzte akzeptieren das. Karin Büttner

Janz sagt: „Es war ein Auftrag von der Regionaldirektion. Und es ging auch um die Weiterbildung. Assistenzärzte brauchen solche Einsätze, um Facharzt zu werden.“
Einsatz, Disziplin, Erfindungsreichtum stehen bei ihr an erster Stelle. Immer noch. Sie strukturiert die Unfallchirurgische Klinik im Urban-Krankenhaus um, erstellt einen neuen Alarmplan für das gesamte Klinikum. Als ihre Station saniert wird, lässt sie die Räume in den Farbtönen der Dresdener Frauenkirche gestalten. Aber es gibt für all das keine Medaillen mehr, nicht einmal Anerkennung. Per David Trobisch, den Büttner-Janz aus den USA in ihre Friedrichshain-Klinik geholt hat, wundert sich, dass seine Chefin zwar bei Patienten, überweisenden Ärzten und Kollegen beliebt, aber bei anderen „enorm unbeliebt“ ist. Auf die Frage, ob er sich das erklären könne, sagt er, sie sei autoritär aufgetreten, habe Kollegen auf Fehler hingewiesen, viel von den ihr unterstellten Ärzten gefordert und nie lange diskutiert, sondern gesagt: „So machen wir es.“ Karin Büttner-Janz sagt: „Ich habe oft fünfzehn Stunden am Tag gearbeitet, für lange Diskussionen blieb mir einfach keine Zeit.“

„Wir mussten uns über die Jahre hinweg immer wieder mit Klagen ihrer Mitarbeiter beschäftigen, deren Rechte ihr ziemlich egal waren“, sagt Betriebsrat Ammirabile. „Sie hat ihre Abteilung geführt wie einen Stützpunkt für Olympioniken.“
„Herr Ammirabile weiß offenbar nicht, wie es auf einem Olympiastützpunkt zugeht“, entgegnet Karin Büttner-Janz. Die Rechte ihrer Mitarbeiter seien ihr natürlich sehr wichtig gewesen. Sie frage sich außerdem, warum der Betriebsratsvorsitzende „so etwas behauptet, aber nie mit mir darüber gesprochen hat“. Ein Vorgesetzter beklagt sich, dass er jährlich rund 200 Mails von Büttner-Janz bekomme, andere würden ihm im gleichen Zeitraum maximal 30 schicken. Karin Büttner-Janz lacht bitter, wenn man sie danach fragt, und sagt, es seien nur 100 Mails gewesen, inklusive Terminvereinbarungen. Sie habe schließlich zwei Kliniken geführt, an zwei verschiedenen Standorten, da gebe es nun einmal viele Fragen zu klären. Es scheint, als hätten die Probleme vor allem damit angefangen, dass Karin Büttner-Janz zu gut war, zu fleißig, zu ehrgeizig. Sie hat ihren Kollegen den Spiegel vorgehalten. So etwas kann gefährlich sein in großen Unternehmen.
Als Chefärzte aus anderen Abteilungen Patientenbetten durch die Orthopädie im Friedrichshain schieben wollen, um den Weg vom OP-Saal zu ihren Stationen abzukürzen, lehnt sie das ab, weil es nicht nur gegen die Krankenhausverordnung verstoße, sondern auch unhygienisch sei. Krankenhaushygiene ist ihr wichtig. „Die Orthopädie hatte damals viele komplizierte Operationen an der Wirbelsäule sowie an Hüft- und Kniegelenken“, sagt sie. „Immer wieder musste ich den für die OP-Saalplanung zuständigen Chef daran erinnern, dass septische und aseptische Operationen räumlich getrennt werden müssen.“ Einen OP-Saal habe sie sogar kurzzeitig sperren lassen, „um maximalen Patientenschutz zu gewährleisten“. Das klingt korrekt, gerade in Zeiten, da Tausende Menschen mit Krankenhauskeimen infiziert werden. Aber manche Friedrichshainer Chefärzte sehen es anders. Sie werfen ihr Unkollegialität und rücksichtslose Durchsetzung ihrer Interessen vor. „Unsere Gold-Karin war ein permanentes Ärgernis“, sagt einer. „Aber sie war unantastbar.“

Das ändert sich im Frühjahr 2011, als die Stellvertretende Vivantes-Geschäftsführerin Dorothea Dreizehnter eine Beziehung mit Karin Büttner-Janz eingeht. Die Frauen haben sich über die Arbeit kennengelernt. Betriebsrat Ammirabile sagt, dass diese Beziehung benutzt wurde, um Büttner-Janz zu bekämpfen. Als die zumeist männlichen Chefärzte in Friedrichshain von der Liaison erfahren, gehen einige von ihnen zum Vorsitzenden Geschäftsführer, Joachim Bovelet, und beschweren sich bei ihm. So stellt er es zumindest später vor Gericht dar.

Die Chefärzte glauben, dass Dreizehnter Büttner-Janz und deren Abteilung protegiert. Sie befürchten, dass ihr Budget reduziert werde und sie Betten abgeben müssten, während Büttner-Janz von Einsparungen verschont bleibe. Sie hat ja jetzt eine mächtige Freundin. Belegen können sie diesen Vorwurf nicht, und ein Gutachten hat inzwischen ergeben, dass es dafür keine Anhaltspunkte gibt. Bovelet aber ist nach dem Gespräch mit seinen Ärzten beunruhigt. Er bittet seine Stellvertreterin in den nächsten Monaten immer wieder zu sich. Sie soll gerade bei Vivantes einen Sparkurs durchsetzen und dafür sorgen, dass die Patientenzahlen und die Einnahmen steigen. Bovelet braucht Dorothea Dreizehnter. Mehr als Karin Büttner-Janz.

Die ahnt nicht, was ihr bevorsteht. Das hat womöglich damit zu tun, dass es der ehemaligen Leistungssportlerin manchmal schwerfällt, Dinge wahrzunehmen, die mit ihrem klaren Verständnis von Anspruch und Leistung nichts zu tun haben. Wenn man sie fragt, auf welche Karriere sie stolzer ist, auf ihre sportliche oder medizinische, fragt sie zurück: „Stolz? Was meinen Sie damit?“ Auch Intrigen sind ihr fremd. Weil man selbst erbittertste Gegner nicht mit unfairen Mitteln schlägt. „Ich dachte damals, es geht gegen Dreizehnter“, sagt Karin Büttner-Janz. „Sie hatte einen schweren Stand bei Bovelet und im Friedrichshain. Alle paar Wochen musste sie zu ihrem Chef. Ich habe ihr Mut gemacht und zu ihr gesagt, lass dir nichts gefallen.“ Heute ist sie überzeugt, dass ihre Freundin schon lange vor ihr wusste, dass eine von ihnen Vivantes verlassen sollte.

Am 13. März 2012 kommt Joachim Bovelet in ihr Büro, setzt sich in ihren Sessel und sagt: „Ihre Beziehung zu Frau Dreizehnter geht nicht. Da muss einer gehen.“ Er werde sie deshalb ab heute beurlauben. Bovelet hat immer bestritten, das gesagt zu haben. Büttner-Janz aber erinnert sich noch ganz genau an seine Worte, auch daran, dass sie erwidert hat: „Das können Sie nicht machen, morgen habe ich eine OP, die sich nicht aufschieben lässt.“ Sie ist seltsam gefasst, wie unter Schock. Sie kämpft in diesem Moment mehr um die Operation als um ihren Arbeitsplatz – und gewinnt, ein letztes Mal. Am nächsten Morgen steht sie im OP-Saal. Später an diesem Tag schreibt sie den gesamten Verlauf des Gesprächs auf, so, wie sie als junge Turnerin abends ihre Übungen in ihr Trainingstagebuch schrieb. Damals half es ihr, Fehler zu erkennen und daraus für den nächsten Wettkampf zu lernen. Diesmal wird sie mit ihren Notizen gegen den Vivantes-Chef vor Gericht ziehen.

Wahrscheinlich hat Joachim Bovelet sie unterschätzt. Die Olympiasiegerin Karin Büttner-Janz wird nur noch stärker, wenn sie herausgefordert wird. Sie hat keine Angst vor ihrem Gegner.

Zu den nächsten beiden Treffen mit ihrem Chef nimmt sie ihren Sohn und dann auch ihren Anwalt mit. Bovelet bietet ihr an, in einem anderen Vivantes-Haus die Orthopädie zu leiten, zum Beispiel in Hellersdorf. „Was sollte ich in Hellersdorf“, sagt sie. „Ich war 2004 von dort mit der ganzen Klinik nach Friedrichshain gezogen. Hellersdorf hat nicht einmal ein MRT.“
Es gibt keine Einigung. In der Nacht zum 28. März setzt Karin Büttner-Janz eine Mail an den Aufsichtsrat des landeseigenen Klinikunternehmens auf, dem auch Finanzsenator Ulrich Nußbaum und Gesundheitssenator Mario Czaja angehören. Darin schreibt sie, dass Bovelet sie als Chefärztin abgesetzt und dies mit der persönlichen Beziehung zu Dorothea Dreizehnter begründet habe. Als Joachim Bovelet davon erfährt, erteilt er ihr Hausverbot und entlässt sie wegen angeblicher Verleumdung fristlos.

Der Kampf beginnt. Das Bild der früheren Spitzensportlerin und erfolgreichen Orthopädin wird gnadenlos zertrümmert. Alle Medien berichten über ihre Entlassung. In der Öffentlichkeit taucht ein Papier mit massiven, zum Teil absurden Vorwürfen gegen Büttner-Janz auf. Ihr wird nicht nur vorgehalten, Sekretärinnen und Oberärzte vergrault, sondern auch, nicht an Betriebsfesten teilgenommen zu haben. „Es war für mich unfassbar“, sagt sie. „Erst die Kündigung und dann noch all diese Lügen, die über mich verbreitet wurden.“

Sie klagt vor dem Arbeitsgericht gegen ihre Entlassung. Am 4. September treffen sie und Joachim Bovelet dort aufeinander. Die Ärztin versucht, ihre Anspannung wegzulächeln. Bovelet, im Anzug und mit Krawatte, bestreitet vor der Richterin, dass er die Chefärztin wegen einer lesbischen Beziehung entlassen habe. Er habe ihr ursprünglich einen Wechsel zu einer anderen Vivantes-Klinik ermöglichen wollen, eine Weiterbeschäftigung im Klinikum Friedrichshain sei aufgrund der Konflikte nicht möglich gewesen. Büttner-Janz erklärt, warum ein Wechsel für sie nicht infrage gekommen sei. Dann dreht sie sich zur Seite, direkt zu Bovelet, und sagt: „Sie haben zu mir gesagt, meine Beziehung zu Frau Dreizehnter sei inakzeptabel, eine von uns beiden müsse gehen.“ Ihr Anwalt legt ihr die Hand auf den Arm. Bovelet sieht nach unten und sagt nichts.

Am Ende einigen sich beide Seiten auf einen Vergleich. Karin Büttner-Janz erhält ihr Jahresgehalt in Höhe von 250 000 Euro sowie eine Abfindung von 590 000 Euro – viel Geld für ein landeseigenes Unternehmen, das aus Steuergeldern bezahlt wird. Ihr Anwalt Dietrich Mohme sagt, die Höhe des Vergleichs lasse erkennen, dass es keine nachvollziehbare Begründung für die Kündigung von Frau Professor Büttner-Janz gegeben habe. „Sie war Adressatin einer extremen Aggression, die nach dem Hausverbot und der fristlosen Kündigung eine ungeheure Dynamik entfaltet hat“, sagt er. Einen vergleichbaren Fall habe er noch nicht erlebt.

Karin Büttner-Janz sitzt neben ihrem Anwalt in der Kanzlei am Kudamm. Sie hat einen Bericht zusammengestellt, in dem sie alle gegen sie erhobenen Vorwürfe widerlegt und zeigt Mails von Kollegen, die sie bekommen hat. „Wir waren gelegentlich nicht derselben Meinung, aber ich schätze Sie als Kollegin und Mensch sehr“, schreibt ein Chefarzt; ein leitender Oberarzt bedankt sich für die gute Zusammenarbeit. Einige Kollegen haben nach ihrer Kündigung selbst das Klinikum verlassen. Per David Trobisch hat eine Stelle als Oberarzt in Magdeburg angenommen. „Ich war ja nur wegen Karin Büttner-Janz nach Friedrichshain gegangen“, sagt er, „als sie weg war, gab es erstmal keine Halswirbelsäulenchirurgie mehr. Ich dachte, das wird jetzt eine Wald- und Wiesenklinik.“ Dorothea Dreizehnter ist ebenfalls auf eigenen Wunsch gegangen. Sie arbeitet nun als Generalbevollmächtigte der privaten Sana-Kliniken in Düsseldorf. Manchmal haben sich die beiden Frauen noch getroffen, zuletzt beim Barbra-Streisand-Konzert in Berlin. Karin Büttner-Janz sagt, ihre ehemalige Freundin habe sich bei ihr entschuldigt. Sie hätte sie damals besser unterstützen müssen.

Dorothea Dreizehnter sagt nichts dazu. Sie will nicht mehr über diese Zeit sprechen.

Joachim Bovelet legte im Frühjahr dieses Jahres seinen Posten nieder, obwohl sein Vertrag als Geschäftsführer gerade noch 2011 vorzeitig vom Senat verlängert worden war. Auch er will keine Fragen zur Entlassung von Karin Büttner-Janz beantworten. Mit dem Vergleich vor Gericht sei für ihn das Thema beendet, sagt er nur am Telefon, und dass er bedauere, „dass es so weit kommen musste“. Er ist aus Berlin nach Westdeutschland gezogen. Der Streit mit seiner Klinikchefin hat seinem Ansehen in der Stadt geschadet. „Die öffentliche Auseinandersetzung um die Beschäftigung von Frau Professor Büttner-Janz ist ihrer Lebensleistung nicht gerecht geworden und hat auch dem Unternehmen nicht geholfen“, sagt Gesundheitssenator Mario Czaja.
Es sieht nicht so aus, als habe irgendjemand bei diesem Kampf gewonnen.
Karin Büttner-Janz hat inzwischen neue Pläne geschmiedet, die ihr helfen, „sich teilzutherapieren“, wie sie es nennt. Mit ihrer Abfindung von Vivantes finanziert sie eine eigene Stiftung, die „Spinefoundation“. Als Professorin der Charité arbeitet sie mit ihren Doktoranden an einer weltweit neuen Datenbank, in der alle wichtigen Ergebnisse über die Wirbelsäule ausgewertet werden. In einem anderen Projekt – mit der Deutschen Sporthilfe – geht es um die Belastung des Rückens bei Spitzensportlern. Und im August kommt eine neue künstliche Bandscheibe für die Halswirbelsäule auf den Markt, entwickelt nach einem Patent von ihr und ihrem Sohn, der in Medizin promoviert.

Es muss weitergehen, immer weiter. Karin Büttner-Janz ist inzwischen 61 Jahre alt, der olympische Geist, das Bedürfnis, die Welt voranzubringen, bestimmen immer noch ihr Leben.
Immerhin, sie hat jetzt ein Hobby. Sie tanzt. Sie will erst gar nicht darüber sprechen, niemand in ihrer Stepptanzgruppe soll wissen, wer die kleine, sportliche Karin im wirklichen Leben ist. Aber dann holt sie doch ihr iPhone und zeigt ein Video, auf dem ein südländisch aussehender Mann nach „Hit the road, Jack“ die Hacken auf den Boden schlägt. Diesen Tanz muss sie lernen, bis zum Auftritt, sagt sie, und man sieht ihr die Sorge an, ob sie das schaffen wird. Die letzte Probe musste ausfallen. Sie war ausgerechnet für einen Tag angesetzt, an dem Gentrifizierungsgegner die Straßen rund um das Tanzstudio blockierten. Es war kein Durchkommen, andere aus ihrer Tanzgruppe kehrten um, selbst der Trainer. Nur Karin Büttner-Janz schaffte es. Sie flehte Polizisten an, die Absperrungen zu öffnen und schob sich durch Demonstranten. Am Ende stand sie pünktlich um 13 Uhr am Eingang des Tanzstudios, allein.