Friedrich Nietzsche beschimpfte ihn in seiner großmäulig-grobianischen Weise als "widriges Stil-Monstrum". Nachgerade legendär, von der älteren Germanistik immer mal wieder genüßlich gepflückt, sind seine wild wuchernden Stilblüten: "Eine schmutzige Hand wühlt im Schrank und tritt alles, was ihr vorkommt, mit Füßen." Eilfertigkeit verträgt sich schlecht mit stilistischer Outriertheit, nicht jeder ist ein Jean Paul, und eine eilfertige Feder führte Gutzkow gewiß. Er hinterließ ein Werk, umfangreicher als das Goethes, obschon nicht ganz so vielfältig aber der Olympier mußte später ja auch nur noch diktieren.Angesichts der tatsächlichen Masse an brillanten Polemiken etwa gegen den reaktionären Literaturpapst und pathologischen Goethe-Verächter Wolfgang Menzel, "diese Hiäne, die noch immer an Goethe s Leichnam nagt" , an witzigen Feuilletons und geschmackssicheren Literaturkritiken fallen Gutzkows wenngleich fulminanten Fehlleistungen weniger ins Gewicht. Selbst die von Adrian Hummel schön besorgte, immerhin 2 500seitige Auswahl seiner publizistischen Schriften kann hier nur einen kleinen, aber zumindest repräsentativen Einblick bieten.Gutzkow verstand etwas von seinem Geschäft, nicht umsonst avancierte er Mitte der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts mit seinem "Literaturblatt" im "Phönix. Frühlings-Zeitung für Deutschland" zur publizistischen Hegemonialmacht im deutschen Staatengewimmel. Dann jedoch wurden seine liberalen Einlassungen gegen Restauration, politische Repression und religiöse Dunkelmännerei den Metternichen im Deutschen Bund zuviel. Aufgescheucht von Menzels Polemik gegen Gutzkows libertinären Ideenroman "Wally, die Zweiflerin" (mit Nacktszene und Religionsschelte) phantasierte man sich schnell die "literarische Schule" eines "Jungen Deutschlands" zusammen, "deren Bemühungen unverholen dahin gehen, die christliche Religion auf die frechste Weise anzugreifen und alle Zucht und Sittlichkeit zu zerstören", und verbot ihre Schriften für jetzt und immerdar.Die Vorwürfe gehen in Ordnung, von einer Schule konnte freilich keine Rede sein, einige der darunter subsumierten Autoren (Heine, Heinrich Laube, Ludolph Wienbarg, Theodor Mundt und eben Gutzkow) waren einander gar nicht so grün. Aber die Zensurbehörde hatte nun zumindest eine Aufschrift für den einschlägigen Aktenschrank. Damit nicht genug: Gutzkow mußte als vermeintlicher Kopf der unpatriotischen Bande für zweieinhalb Monate in den Mannheimer Karzer. Seine Braut, so berichtet Arno Schmidt in seinem feurigen Gutzkow-Nachtprogramm, habe ihn danach nicht mehr wiedererkannt und, als sie ihn dann doch erkannte, vor Schreck fluchtartig den Raum verlassen.Man hatte Gutzkow vom Sockel gestoßen. Einige der vermeintlichen Bundesgenossen distanzierten sich sogleich von ihm und versuchten, durch Kniefälle vor der preußischen Obrigkeit zu retten, was zu retten war. Gutzkow schrieb dennoch weiter, wie er zeit seines Lebens eigentlich nicht viel anderes tat (vom Reisen abgesehen), durfte auch wieder veröffentlichen, allerdings argusäugig beobachtet, und fand mit dem "Telegraph für Deutschland" ein neues Publikationsorgan, das nun aber ganz im Schatten der "Hallischen Jahrbücher" des Linkshegelianers Arnold Ruge stand. Um Ruge scharten sich die progressiven Intellektuellen, die revolutionäres Denken in revolutionäre Praxis umsetzen wollten. Als überzeugter Liberaler konnte Gutzkow diesen Schwenk ins präsozialistische Lager nicht mitmachen. Für Reformen stand er ein, aber seine bildungsbürgerliche Idiosynkrasie gegenüber dem ungebildeten Mob ließ ihn am glücklichen Ausgang einer sozialen Revolution zweifeln. Einem ausgesprochenen Individualisten, wo nicht Egomanen wie ihm schien auch die politische Arbeit als unerträgliche Entpersönlichung und Gleichmacherei. Zudem war er ein Idealist nachgerade klassischen Zuschnitts, überzeugt vom Primat des Geistes und der meliorierenden Kraft einer intellektuellen Elite.So zeigt sich Gutzkow auch in "Die Ritter vom Geiste", seinem neunbändigen Riesenroman um einen reichlich idealischen Verein, der sich zur religiösen, politischen und sittlichen Erneuerung der Nation zusammenfindet. Gutzkows erstes opus magnum von 1850/51 sein zweiter Mehrbänder "Der Zauberer von Rom" folgte ein Jahrzehnt später war ohne Zweifel ein Buchhandelserfolg. Das lag sicher an der zumindest oberflächlichen Ähnlichkeit zum erfolgreichen Feuilletonroman französischer Provenienz, vor allem zu Eugène Sues "Mystères de Paris". Gutzkow leugnete dies zwar, weil er für solcherlei "Fortsetzung-folgt-Romane" eigentlich wenig übrig hatte, aber ganz abwegig ist der Vergleich nicht.Auch der Inhalt traf offenbar den Massengeschmack: Die beiden Brüder Siegbert und Dankmar Wildungen graben einen wertvollen Schrein mit Urkunden des Johanniterordens aus, die ihren Anspruch auf umfangreichen Grundbesitz der Stadt belegen. Als Dankmar den Schrein dorthin bringen lassen will, verschwindet er auf mysteriöse Weise.Eine großangelegte, letztendlich auch erfolgreiche Suche beginnt, an der sich Personen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten beteiligen Fritz Hackert zum Beispiel, der etwas undurchsichtige Schreiber des Polizeichefs; Justizrat Schlurck, mit dem sich die beiden Wildungen später vor Gericht um die Anerkennung ihrer Besitzansprüche streiten müssen (sie gewinnen und werden reich); auch Prinz Egon von Hohenberg, aus Paris zurückgekehrt, um das geheimnisvolle Testament seiner Mutter zu suchen und regieren zu lernen. Zunächst unterstützt er den Plan der Brüder Wildungen, einen wohltätigen Geheimbund in der Nachfolge des Templerordens zu gründen, verliert sich dann aber in einer reaktionären, die sozialen Spannungen im Fürstentum noch verschärfenden Politik. Es kommt zu Unruhen, Überwachungen, Verhaftungen, Befreiungen. Der Roman endet offen (und durchaus biedermeierlich-eskapistisch). Egon von Hohenberg kehrt der Politik den Rücken und geläutert zu seinen Freunden zurück; und er formuliert die in die Zukunft weisende Augabe der "Reisigen vom Geist": nämlich sich aus dieser Gesellschaft der ewigen Lüge zurückzuziehen und weiterhin privatim! das Banner des Geistes hochzuhalten.Was schon in der arg gerafften Inhaltsübersicht nach Kolportage aussieht, ist es streckenweise dann auch wirklich. Das wußte keiner besser als Gutzkow selbst, der im Vorwort zur dritten Auflage eingestand, daß der "Mechanismus" seines Romans oft "klappert", dem geschätzten Leser aber sogleich empfahl, er möge "doch nicht die Stirne zu sehr in aristarchische Falten ziehen", sondern vielmehr "darüber lachen". Julian Schmidt und Gustav Freytag, die Herausgeber des "Grenzboten" und Apologeten der neuen literarischen Avantgarde, des poetischen Realismus, konnten das nicht und warfen dem Roman vor, daß ihm die Einheit in der Vielheit fehle, eine alle Teile poetisch integrierende "Idee".Die Folge war ein Literaturstreit, wie er wohl in jedem Jahrhundert einmal ausgefochten wird. Die Verteidiger der hehren Poesie, auch wenn sie sich in diesem Fall "Realisten" nannten, stehen den zügellosen Weltmitschreibern gegenüber. Gutzkow bekennt sich im Vorwort des Romans unmißverständlich zu letzteren. So etwas wie ästhetische Geschlossenheit gibt er dran für einen "Roman des Nebeneinander", der sich breit macht, um mehr Realität in sich aufnehmen zu können, sich maximale Welthaltigkeit zum Ziel setzt und so, poetologisch wie erzählpraktisch, den Naturalismus um Jahrzehnte vorwegnimmt: "Wieviel drängt sich nicht zwischen einem Schicksal hier und einem Schicksal dort! Und ihr verbandet es doch? Und was dazwischenlag, Das warft Ihr sorglos bei Seite? Der alte Roman that Das. Er konnte nichts von dem brauchen, was zwischen seinen willkürlichen Motiven in der Mitte liegt. Und doch liegt das Leben dazwischen, die ganze Zeit, die ganze Wahrheit, die ganze Wirklichkeit "Gutzkow will ein Konterfei Berlins im Revolutionsjahr 1848/49 liefern (jener Stadt, die im Roman kein einziges Mal genannt wird, weil sie für andere Städte stehen soll); ein vollständiges Gesellschaftspanorama, das keinen Stand unberücksichtigt läßt. Und das gelingt ihm in der Tat. Schon Friedrich Hebbel bescheinigte dem Opus, daß es nicht bloß als Roman, sondern auch als historische Daguerrotypie einen hohen Rang in Anspruch nehmen dürfe. Gutzkow sieht sich um in den modrig-feuchten, vom Kohlsuppen-Gestank geschwängerten Hinterhöfen der Mietskasernen, in denen das Proletariat sein Dasein fristet, wirft aber auch einen langen Blick ins hocharistokratische Teezimmer, wo die holde Weiblichkeit ihrem Embonpoint-bewehrten Gemahl gerade einen Darjeeling eingeschenkt hat und sich dafür nun spitzfingrig mit einem Biskuit belohnt.Noch dazu ist er witzig (bisweilen auch mal kitschig), schreibt gute Dialoge und kann mit ein paar schnellen Strichen das volle Leben evozieren. Der erklärte Gutzkow-Aficionado Rolf Vollmann bewundert zu recht seine "ganz und gar unangestrengte Art des Erzählens", als wolle er "gar nicht große Kunst, sondern eben bloß einen großen Roman". Das sind die "Ritter vom Geiste" allemal: ein großer Roman.Karl Ferdinand Gutzkow: Die Ritter vom Geiste. Roman. Hg. von Thomas Neumann. Zweitausendeins Versand, Frankfurt a.M. 1998. 4 Bde., 4 111 S., 99 Mark.Karl Ferdinand Gutzkow: Schriften. Hg. von Adrian Hummel. Zweitausendeins Versand, Frankfurt a.M. 1998. 3 Bde., 2 504 S., 150 Mark.(Beide Ausgaben zusammen 200 Mark.)